Künstliche Intelligenz: Wie Porsche mit KI etliche Millionen Euro einsparen will
Stuttgart. Für das menschliche Auge sind kleinste Schäden und Risse im Lack in der Autoproduktion nur mit höchster Konzentration zu erkennen. Bei Porsche zeigt daher inzwischen Künstliche Intelligenz (KI) Technikern die Fehler auf einer Autooberfläche an, und das innerhalb von 100 Sekunden. Die automatische Fehlererkennung ist beim Stuttgarter Sportwagenbauer seit 2022 im Serienbetrieb. Dadurch spart Porsche bereits viel Zeit – künftig sollen auch die Kosten reduziert werden.
Beim Dax-Konzern kommt KI inzwischen in der Produktion, in der Logistik und demnächst auch im Marketing zum Einsatz. Reiner Selbstzweck sei das nicht, erklärt Produktionsvorstand Albrecht Reimold im Gespräch mit dem Handelsblatt. Experimentieren sei zwar erlaubt, seinem Team habe er aber gesagt, „dass der Einsatz von KI auch mit einem Return verbunden sein muss“. Heißt, es muss Zählbares herausspringen.
Bei Porsche kommt die KI da zum Einsatz, wo die Fehlerquote der Maschine niedriger ist als die des Menschen. Kosten und Zeit will Porsche etwa bei der Einfuhr von Autos nach China reduzieren: die Zollunterlagen auf Chinesisch zu verstehen, ist auch nach jahrelangem Sprachtraining komplex. Die KI erkennt und übersetzt die Schriftzeichen, setzt sie in den richtigen Kontext und prüft, ob der Autobauer die Vorschriften eingehalten hat.
Unternehmensweit wolle Porsche in zwei Jahren einen „signifikanten Millionenbetrag“ durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz einsparen. Branchenexperten schätzen, dass dieser Millionenbetrag dreistellig ausfallen könnte.
Kristian Kuhlmann, Partner bei der Boston Consulting Group, ist überzeugt: „Generative KI kann in der Automobilbranche in den kommenden drei Jahren für eine Produktionssteigerung von bis zu 20 Prozent sorgen.“ Eins zu eins in Kostenersparnis ließe sich dies zwar nicht umrechnen, es zeige aber die Möglichkeiten der Technologie. Die größten Sparpotenziale durch KI ergeben sich demnach in den Bereichen Produktion, Logistik und Lieferkette.
Noch sei man, was die Nutzung der Möglichkeiten von KI angehe, „im ersten Drittel“, sagt Reimold. „Wir lernen noch sehr viel.“
Porsche gilt innerhalb des Volkswagen-Konzerns als Margenkönig. In fünf Jahren will der Dax-Neuling die 20-Prozent-Marke bei der Umsatzrendite überschreiten. Zuletzt lag die Durchschnittsmarge bei gut 18 Prozent, allerdings investiert der Konzern massiv in den Hochlauf der Elektromobilität. 2027 sind insgesamt fünf E-Modelle aus dem Hause Porsche geplant, aktuell haben die Stuttgarter mit dem Taycan jedoch nur einen Elektrosportwagen im Portfolio.
>> Lesen Sie mehr: Porsche stoppt Verkauf des Macan in der EU wegen Cybersicherheit
Um KI im Konzern wirklich vollumfänglich nutzen zu können, fehlen den Algorithmen vor allem Daten. Momentan wende der Autobauer viel Zeit dafür auf, diese in seinem cloudbasierten „DataHub“ so bereitzustellen, dass sich KI damit richtig füttern lässt. Laut Reimold ein Thema, „wo wir noch besser werden wollen“. Dann könnten die Einsparungen dank KI auch größer ausfallen.
Ein weiteres Beispiel, in dem Daten bereichsübergreifend genutzt werden, ist die Auswahl von Ausstattungsvarianten. Seit 2023 hilft ein Algorithmus Porsche-Händlern mittels eines sogenannten digitalen Zwillings mit Daten aus den Auftragsbüchern, die Fahrzeuge optimal vorzukonfigurieren.
Der Algorithmus analysiert Kaufverhalten und prognostiziert die beliebtesten Ausstattungsinhalte einer Baureihe, und lässt darin auch Trends einfließen. Reimold sagt: „Dadurch lassen sich auch stark individualisierte Fahrzeuge ein Stück weit vordefinieren.“
Kundensonderwünsche gelten bei Porsche als stark zunehmend und besonders margenstark, vor allem in asiatischen Märkten wie China wird diese Personalisierung nachgefragt. Zukünftig sollen Kunden anhand des digitalen Zwillings über die KI ihr Wunschauto angenehmer und schneller selbst konfigurieren können.
Ist KI die Technologie, auf die Manufakturen gewartet haben?
Lange widersprachen sich Automatisierung und individuelle Produkte, Produktionsabläufe konnten oft nur für ganze Serien programmiert werden – das hat sich in den vergangenen Jahren geändert. „KI könnte genau die Technologie sein, auf die wir im Luxusbereich als Manufaktur gewartet haben“, spekuliert der Porsche-Produktvorstand.
Mit dem Feedback der Kunden lerne der Algorithmus permanent hinzu und wird immer präziser: „Und wir als Produktion nutzen dann diese Daten auch wieder, um unsere Bedarfe bei den Lieferanten zu managen.“ Und das funktioniere auch bei individuellen Wünschen, sagt Reimold: „Wir können nun besser voraussagen, was wir brauchen.“
Auch in der Produktion selbst komme verstärkt KI zum Einsatz – etwa beim Qualitätsmanagement. So lässt sich am Klang eines Bauteils heraushören, ob dieses fehlerhaft ist.
Eine menschenleere Fabrik möchte Reimold sich bei Porsche aber nicht vorstellen. „Der Mensch steht immer im Mittelpunkt. Er muss den Rahmen abstecken und die KI steuern, damit sie überhaupt den gewünschten Effekt bringt.“
Seit fünf Jahren arbeitet Porsche bereits mit KI, deren Potenzial sieht der Manager aber noch lange nicht ausgeschöpft. In der Produktion steckten die größten Effizienzpotenziale in den logistischen Abläufen und der Planung in den Fabriken.
Um die zu heben, arbeitet Porsche mit externen Start-ups und Dienstleistern zusammen, nutzt aber auch die Bordmittel, die die Konzernbereiche MHP und Porsche Digital einbringen. Reimold führt etwa die Flottensteuerungs-Software für fahrerlose Transportsysteme an, die MHP für den Autobauer entwickle.
Auf dem Handelsblatt KI Summit hatte Mattias Ulbrich in seiner Doppelfunktion als CEO von Porsche Digital und CIO von Porsche, bereits vor wenigen Wochen die Erfolge des Konzerns im Bereich KI vorgestellt. Porsche arbeite an 150 konkreten Anwendungsfällen, von denen 60 bereits produktiv eingesetzt werden. Ulbrich sagte: „Wir haben damit schon einen Wertbeitrag in Höhe eines dreistelligen Millionenbetrags jedes Jahr.“