Kommentar: Gold-Stärke ist ein Zeichen für die Schwäche der Weltwirtschaft

Der Zusammenhang wirkt plausibel, auf den ersten Blick zumindest. Da Gold keine laufenden Erträge abwirft, wird das Edelmetall in Zeiten hoher Zinsen im Vergleich zu anderen Anlagen, etwa Anleihen oder Tagesgeld, unattraktiver. Umgekehrt gewinnt es an Attraktivität, wenn die Zinsen sinken.
Und doch reicht diese Erklärung nicht aus. Denn die Korrelation zwischen Goldpreis und hohen Zinsen wird immer schwächer. Westliche Anleger, die sich nach diesem Parameter richten, sind längst nicht mehr diejenigen, die für die Preisbewegungen des Edelmetalls sorgen. Stattdessen geben andere Akteure am Goldmarkt den Ton an: Zentralbanken der Schwellenländer und chinesische Anleger.
So haben Zentralbanken 2023 und 2022 laut dem Branchenverband World Gold Council (WGC) jeweils mehr als 1000 Tonnen Gold gekauft. In den zehn Jahren davor lag diese Menge in der Regel bei 400 bis 600 Tonnen.
Und das sollte Grund zur Sorge sein. Denn dieser Trend zeigt: Unsere Welt, die durch Globalisierung und Handel hätte zusammenwachsen – und zusammen wachsen – können, zergliedert sich zunehmend in demokratische, freiheitliche Staaten und Autokratien, die durch staatliche Eingriffe und Unterdrückung Schwächerer an die Macht gelangen wollen.
Denn BRICS-Staaten wie China, deren Zentralbanken in Rekordmengen Gold kaufen, haben aus dem Fall Russland gelernt. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine sanktionierten die USA und die EU die russische Zentralbank. Doch die Sanktionen verfehlten ihre Wirkung, da der Goldanteil im Portfolio der russischen Zentralbank mit laut WGC 28 Prozent sehr hoch ist. Über dieses Gold konnte Russland weiterhin frei verfügen.
Dass BRICS-Zentralbanken in hohen Mengen Gold kaufen, ist Symptom der neuen geopolitischen Krisenlage. Diese Staaten wollen sich gegen mögliche Sanktionen des Westens immunisieren und unabhängiger vom US-Dollar machen. Das dürfte besonders auf China zutreffen, das seine kriegerischen Absichten gegenüber Taiwan kaum verschleiert.
Neben der chinesischen Zentralbank kaufen aber auch chinesische Privatanleger große Mengen Gold. So lag die Nachfrage chinesischer Käufer laut WGC im ersten Quartal 68 Prozent höher als im Vorjahreszeitraum. Die Nachfrage westlicher Anleger ging im selben Zeitraum hingegen zurück, in Deutschland etwa um 48 Prozent.
Das Edelmetall ist angesichts der schwächelnden heimischen Märkte eine der wenigen Anlagealternativen, die ihnen noch bleiben. Denn der Zugang zu ausländischen Aktienmärkten bleibt ihnen aufgrund staatlicher Restriktionen verschlossen.
Hohe Verschuldung treibt Nachfrage
Letztlich ist also auch der zunehmende Protektionismus Treiber des Goldpreises. Das zeigt: Die Stärke von Gold ist auch ein Zeichen fehlender Effizienz der Märkte, die unter zunehmender Fragmentierung leiden.
Auch die westlichen Demokratien leisten ihren Beitrag, indem sie sich zunehmend von marktwirtschaftlichen Grundsätzen abwenden. Neuerdings heißt der westliche Protektionismus Industriepolitik. Die damit einhergehenden Subventionen treiben die Staatsverschuldung in die Höhe. Allein die Staatsverschuldung der USA ist seit 2019 von 108 Prozent der Wirtschaftsleistung auf 122 Prozent gestiegen. Und auch dieser Trend treibt die Nachfrage nach Gold.
Denn neben den Zentralbanken und den chinesischen Anlegern kaufen auch reiche Einzelpersonen und Family Offices Gold. Diese Transaktionen finden in der Regel bilateral zwischen Bank und Käufer statt – sogenannte Over-the-Counter-(OTC-)Geschäfte. Die meisten dieser reichen Käufer kommen laut dem WGC aus Südostasien und der Türkei, doch ein Teil der OTC-Nachfrage kommt aus westlichen Staaten. Und diese vermögenden Käufer würden sich laut WGC vor allem um die steigenden Haushaltsdefizite und die Stabilität von Währungen wie dem US-Dollar sorgen.
Dass der Goldpreis weiter steigt, ist also nicht in jedem Fall ein Anlass zur Freude.
Erstpublikation: 22.05.2024, 15:17 Uhr