Interview: „KI wird gute Manager stärken und weniger gute schwächen“
Düsseldorf. Es gibt große Diskussionen darüber, welche Rolle Künstliche Intelligenz (KI) in Zukunft für die Arbeitswelt spielen wird. Vielerorts herrscht noch immer Ratlosigkeit: Wie lässt sich KI sinnvoll in die Prozesse integrieren? Wie viele Jobs wird die Technologie überflüssig machen? Welche werden sich durch sie fundamental verändern?
Im jährlichen Terrassengespräch am Handelsblatt-Sitz in Düsseldorf hat Chefredakteur Sebastian Matthes genau diese Fragen diskutiert – mit zwei Frauen, die auf diesem Gebiet renommierte Expertinnen sind. Im Doppelinterview erklären Judith Wiese, Arbeitsdirektorin der Siemens AG und im Vorstand zuständig für Personal und Nachhaltigkeit, und Sabina Jeschke, Gründerin mehrerer Tech-Start-ups und ehemalige Bahnvorständin, wie radikal KI die Arbeitswelt transformieren wird. Sie sind überzeugt: Weder Manager noch Mitarbeiter können zur KI-Transformation gezwungen werden, aber wer nicht bereit ist zu lernen, muss mit Konsequenzen rechnen.
Frau Wiese, Frau Jeschke, derzeit wird viel darüber diskutiert, wie KI die Arbeitswelt beeinflussen wird. Was denken Sie: Wie wird sich Künstliche Intelligenz auf die Arbeit von Führungskräften auswirken?
Judith Wiese: KI wird den Menschen an vielen Stellen nicht ersetzen, sondern uns bessere Entscheidungsgrundlagen liefern. Nehmen wir die 4,2 Millionen Bewerbungen, die wir bei Siemens pro Jahr bekommen. Es ist quasi unmöglich, diese Menge ohne KI auszuwerten. Zudem können wir mithilfe der KI auch Lebensläufe kompetenzbasiert analysieren und somit Bewerber auf viel besser passende Stellen vermitteln – auch auf solche, bei denen sie sich gar nicht beworben haben.
Sabina Jeschke: KI wird uns überall dort stärken, wo die Datenlage besonders dicht ist, beispielsweise im Controlling. Andere Bereiche wie Human Resources (HR) schließen auf. Dafür müssen wir festlegen, wie viel Einfluss die Technik auf Unternehmensentscheidungen haben soll. Das ist nicht so klar wie beim autonomen Fahren. Da möchte ich persönlich am liebsten alles der KI überlassen und selbst arbeiten oder schlafen.
Was ist denn mit dem Argument, dass KI Führungskräfte überflüssig machen wird? Wie viele Führungskräfte wird KI bei Siemens ersetzen, Frau Wiese?
Wiese: Ob wir am Ende mehr oder weniger Führungskräfte brauchen, wird sich zeigen. Ich glaube nicht, dass wir bei Siemens unsere Strukturen momentan im Management fundamental ändern. Gerade in Zeiten schneller, tiefgreifender Veränderungen sind es unsere Führungskräfte, die den Mitarbeitenden Orientierung geben.
Jeschke: Die Diskussion wird natürlich geführt. Aus meiner Sicht läuft sie in die falsche Richtung. KI wird eine Führungskraft nicht einfach ersetzen, sehr wohl kann sie uns aber besser machen. Deshalb brauchen Führungskräfte Spielraum, wenn es darum geht, sie sinnvoll einzusetzen. Wer viel probiert, wird mit der Zeit immer besser. Wir alle haben vor zwei Jahren mit ChatGPT bei null angefangen. Jetzt kann ich generative KI nicht mehr aus meinem Leben wegdenken.
Welche Rolle wird KI dann in Zukunft in der Führung spielen?
Wiese: KI wird gute Manager stärken und weniger gute schwächen. Schon heute ist nicht die Person die beste Führungskraft, die am meisten weiß. Sondern diejenige, die die besten Fragen stellt und der wirklich daran gelegen ist, das Team weiterzuentwickeln. Fachwissen allein reicht heutzutage nicht mehr aus, um eine gute Führungskraft zu sein. Das Wissen liefert bald in vielen Fällen die KI.
Sollten Führungskräfte in Zukunft überhaupt noch Entscheidungen ohne KI treffen?
Jeschke: KI sollte in vielen Fällen eine Rolle spielen, um möglichst vollständige und objektive Perspektiven zu beleuchten. Manche Entscheidungsprozesse wird man voll automatisieren, an anderer Stelle agiert die KI eher als Assistenzsystem. Die Automatisierung ist vor allem da sinnvoll, wo der Aufwand hoch ist, wo wir wenige Fehler erwarten und wo wir Fehler, wenn sie doch vorkommen, leicht rückgängig machen können. Im Laufe der Zeit werden immer weniger Fehler passieren und wir werden leichter eingreifen können.
Zweifellos stellt all das die Führungskräfte vor enorme Herausforderungen. Wie erkenne ich Führungskräfte, die in der Lage sind, ganze Organisationen erfolgreich durch diese Zeit zu steuern?
Wiese: Bei Siemens steuern mehr als 20.000 Führungskräfte unsere Teams weltweit. Wir analysieren regelmäßig, was gute Führung ausmacht und wie wir diese Erkenntnisse auf den Rest der Organisation übertragen können.
Was machen gute Führungskräfte anders als andere?
Wiese: Wir fördern bei Siemens ein sogenanntes „Growth Mindset“. Menschen mit diesem Mindset glauben daran, dass Fähigkeiten nicht angeboren, sondern erlernbar sind. Und Führungskräfte, die dieses Mindset haben, definieren sich nicht nur über inhaltliche Aufgaben, sondern vielmehr über ihre Rolle gegenüber dem Team. Sie stellen die richtigen Fragen und setzen wichtige Impulse.
Gibt es eine Frage, die Sie allen Bewerbern stellen, um herauszufinden, ob diese eine gute Führungskraft sein können?
Wiese: Ich stelle viele Fragen. Aber meine Lieblingsfrage ist: ‚Was möchtest du, das ich über dich weiß?‘ Manche Menschen sprechen dann über die Stationen in ihrem Lebenslauf, andere darüber, welche Werte sie leiten und wie sie im Team zusammenarbeiten. Daran erkennt man schnell, welche Art von Führungspersönlichkeit jemand ist.
Künstliche Intelligenz wird sehr wahrscheinlich viele Jobs automatisieren und die Art, wie wir arbeiten, grundlegend verändern. Welche Fähigkeiten brauchen Arbeitskräfte zukünftig?
Jeschke: Selbstständiges Denken wird mit der Nutzung von KI noch wichtiger, als es sowieso schon ist. Menschen können dank KI ohne Programmierkenntnisse programmieren. Damit haben wieder die Menschen einen Vorteil, die am besten ausgebildet sind. Denn die können KI für ihren Fachbereich nutzen. Für Deutschland und Europa liegen hier große Chancen, denn wir haben exzellente Fachspezialisten.
Wiese: Mit KI verändert sich auch die Art, wie wir lernen. Fachkräfte müssen im Umgang mit Technologien wissen, wie sie die richtigen Fragen stellen. Und dafür ist eine fachliche Ausbildung nach wie vor wichtig. Daneben gewinnen aber auch kritisches und vernetztes Denken, Kreativität und Zusammenarbeit an Bedeutung. Wahrscheinlich werden nicht alle die Transformation mitgehen, denn die Halbwertszeit von Wissen reduziert sich kontinuierlich. Daran sieht man: Veränderung ist nicht leicht. Aber gleichzeitig ist sie eben auch spannend, vor allem wenn man sie aktiv mitsteuern kann.
Wie verhindern wir Transformationsmüdigkeit, insbesondere wenn mit der Transformation die Angst vor dem Jobverlust einhergeht?
Wiese: Ich kann natürlich niemanden zum Lernen und zur Weiterbildung zwingen. Aber es muss klar sein, dass es auch Konsequenzen hat, wenn wir uns nicht kontinuierlich weiterbilden. Wir müssen daran appellieren, dass jeder seines Glückes Schmied ist. Als Arbeitgeber ist es unsere Aufgabe, Orientierung, Zeit, Infrastruktur und auch psychologische Sicherheit zu schaffen.
Jeschke: Haltung ist ein ganz wichtiger Punkt in der Transformation. Es heißt ja immer, wir müssten alle mitnehmen und abholen. Aber das ist Unsinn, ich muss nicht alle abholen. Ich bin kein Busfahrer. Wir arbeiten mit Erwachsenen. Wenn ich die Menschen wie Kinder behandle, führt das auch bei zukünftigen Transformationen dazu, dass alle darauf warten, dass ich die Arbeit für sie erledige.
Welches Signal sollten Führungskräfte stattdessen senden?
Jeschke: Sie müssen ein Ziel setzen. „Da wollen wir gemeinsam hin, und das erreichen wir genau so, wie wir bisher auch andere Prozesse transformiert haben.“ Kein „ich für euch“, sondern ein „wir alle zusammen“.
Wiese: Führungskräfte sollten eine Transformation nicht schönreden. Denn es wird Schwierigkeiten geben. Das gehört dazu. Und das muss man den Teams auch transparent machen. Wir sollten unsere Mitarbeitenden wie mündige Bürger behandeln.
Wir sind erst am Beginn der KI-Revolution. Wo befinden wir uns gerade und was kommt noch auf uns zu?
Jeschke: Was die Dampfmaschine für die erste industrielle Revolution war, ist KI für die vierte. Sie trifft vor allem kognitive Prozesse. Das bedeutet, dass sich die Industrie auf unterschiedlichen Ebenen verändert. Zum einen werden wir KI innerhalb unserer Produkte einsetzen, beispielsweise beim autonomen Fahren. Wir werden unsere Produktionsanlagen mit robotischen Systemen ergänzen. Zum anderen werden viele Prozesse, etwa in HR und Controlling, mit KI größtenteils automatisiert. Neben all den positiven Veränderungen müssen wir uns natürlich auch um ethische Fragen kümmern. Durch KI wird ein Unternehmen transparenter. Denn wenn sämtliche Unternehmensdaten durch eine KI laufen, kann ich die KI nicht nur alles zu Finanzkennzahlen fragen, sondern auch alles über einzelne Mitarbeiter.
Welche Rolle spielt KI jetzt und in der Zukunft in Deutschland und Europa? Wie viel Wohlstand bleibt am Ende hier?
Jeschke: Natürlich bedauere ich, dass die meisten Tech-Produkte nicht in deutschen oder europäischen Konzernen entwickelt werden, sondern in den USA oder auch China. Aber gleichzeitig darf uns das nicht davon abhalten, die Technologien für unsere eigenen Zwecke – in Industrie und Gesellschaft – umfassend, schnell und konsequent einzusetzen.
Wiese: Sicher sind uns Anbieter in den USA insbesondere bei der Entwicklung der großen Sprachmodelle wie auch bei den Cloud-Technologien voraus. Das Trainieren der Large-Language-Modelle auf große Datenmengen kostet viel Geld. Als Siemens werden wir bei diesen Sprachmodellen kein Vorreiter mehr werden. Wir müssen daher schauen, was hierzulande realistisch ist. Viel interessanter für uns ist, wie wir diese Systeme mit industriellen Daten und unserem Branchenwissen kombinieren können.
Aber profitieren dann nicht vor allem andere Länder wie die USA von dem Boom sowie die Digitalkonzerne, die an all dem mitverdienen?
Wiese: Dass wir heute in Deutschland nur wenige Softwarekonzerne haben, muss nicht heißen, dass wir nicht von KI profitieren. In der industriellen Anwendung liegt sehr viel Wertschöpfungspotenzial. Ebenso darin, wie schnell wir lernen, diese Technologien in unseren internen Prozessen zu nutzen und damit produktiver zu werden.
Digitale Produkte lassen sich leichter und effizienter vervielfältigen. Wie sichern wir in Deutschland unseren Wohlstand allein mit Hardware?
Wiese: Als Technologiekonzern hat sich Siemens bereits auf die Fahnen geschrieben, die reale und die digitale Welt zu verbinden. Darin liegt unsere Stärke. Skalierbarkeit ist für uns ebenso wichtig. Wir erarbeiten gerade, wo wir KI gezielt einsetzen können, um unsere Produkte zu optimieren. Ein Beispiel: der industrielle Co-Pilot. Er verbessert in der Fertigung die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine und beschleunigt Entwicklungs- und Innovationszyklen. Mitarbeiter können mit ihm wie mit einem Menschen kommunizieren. Wartung und Fehlersuche werden so deutlich einfacher. Das Beispiel zeigt: In industrieller KI steckt noch viel Potenzial für Deutschland und Europa.
Frau Jeschke, Sie bauen in Berlin einen KI-Park auf, dessen Mission es ist, Deutschland und die EU zu einem global führenden Innovationsstandort für KI zu machen. Ist das realistisch?
Jeschke: Ja. Wir müssen aber den richtigen Fokus setzen. Unsere Stärke ist es nach wie vor, KI mit Anwendungsfällen, Technologien und Daten aus unseren führenden Industriezweigen zusammenzubringen.
Was heißt das konkret – welche Ihrer Projekte sollten wir alle kennen?
Jeschke: Im KI-Park treffen Forschung, die Start-up-Szene, Industrie, Infrastruktur und der öffentliche Sektor zusammen, um KI von der Theorie in die Anwendung zu überführen. Wir wollen zum Beispiel digitale Zwillinge einsetzen und „Cognitive Enterprises“ aufbauen, also Unternehmen, die Probleme mithilfe von KI selbst erkennen. In der Praxis bedeutet das: Im Lager neigt sich der Vorrat eines Bauteils dem Ende zu und wird deshalb automatisch nachbestellt.
Um KI weitreichend einsetzen zu können, müsste sie erst einmal richtig von falsch unterscheiden können. Derzeit fantasieren große Sprachmodelle gern mal. Wird sich das je ändern?
Jeschke: Wenn ChatGPT eine Antwort nicht finden kann oder verschiedene Antwortoptionen identifiziert, dann „halluziniert“ es, und das sehr selbstbewusst. Je dichter die Datenlage aber wird, desto weniger passiert das. Noch stehen KI-Modelle wie ChatGPT ganz am Anfang. Wenn ChatGPT ein Mensch wäre, wäre es ein bockiger Zweijähriger.
Aber die KIs werden älter und reifer und lernen ständig dazu. Wir sehen gerade, dass Unternehmen ChatGPT immer mehr mit anderen Systemen verknüpfen. Durch dieses Zusammenspiel werden die Ergebnisse immer belastbarer. Die Frage ist jetzt, und zwar immer für eine einzelne Aufgabe – nicht pauschal: Wann erreichen KI-Systeme wie ChatGPT den Kipppunkt, an dem sie weniger Fehler machen als der Mensch? Da wollen wir hin – und sind auf dem besten Weg.
Frau Wiese, Frau Jeschke, vielen Dank für das Interview.