Deutschland: Warum immer mehr Menschen auswandern wollen
- Ob zur Selbstfindung oder aus politischer Unzufriedenheit – immer mehr Deutsche verlassen auf Dauer ihr Heimatland. Finden die Auswanderer in der Fremde, wonach sie suchen? Das Handelsblatt hat nachgefragt.
- Auswanderer-Berater Christoph Heuermann hat alle Länder der Welt bereist. Welche Länder er für einen neuen Lebensabschnitt besonders empfiehlt, lesen Sie im Handelsblatt-Interview.
- Selbstständige, Akademiker und Fachkräfte verlassen Deutschland besonders häufig. Wo diese Gruppen den besten Mix aus Steuerersparnis, Lebensqualität und unkomplizierten Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigungen finden, lesen Sie hier.
Aabenraa, Hamburg, München. Das Leben von Julia und Philipp Ramjoué verlief so geordnet wie eine Besteckschublade. Beide studierten, fanden gut bezahlte Jobs, sie als Leadership-Coach bei einem Energieversorger, er als KI-Entwickler bei einer Entwässerungsfirma. Sie kauften ein Haus in der Nähe von Augsburg, bekamen ein Kind. Das typische Deutschland-Drehbuch der gut situierten Mittelschicht.
Dann kam Corona – und das Paar fragte sich: Ist dieses Leben noch das, was wir eigentlich wollen? „Wir sind dann auf Selbstfindungsreise gegangen“, erzählt Julia, 32. Beide kündigten ihre Jobs und gründeten eine GmbH, um Natur und Arten mithilfe von KI zu schützen. Die administrativen Hürden dabei hätten sie extrem abgeschreckt, sagt ihr Mann Philipp, 33: „Wir wurden müder und müder in diesem System.“
Ab November 2022 verbrachte die Familie drei Monate in Tansania, um dem Pandemiealltag zu entfliehen. „Wir haben uns so sehr zu Hause gefühlt, wie wir das in Deutschland noch nie gespürt haben“, erinnert sich Julia. Seitdem sind sie immer wieder nach Tansania gereist.
Anfang dieses Jahres dann endgültig: Sie verkauften ihr Haus, ließen Freunde zurück. Mit ihrer sechsjährigen Tochter, Julias Mutter und zwei Katzen zogen sie nach Arusha, einer Stadt im Nordosten Tansanias. Hier wollen sie sich ihr neues Leben aufbauen, fernab von Bürokratie und Mittelschichts-Drehbuch.
Von Augsburg nach Ostafrika. 8000 Kilometer zwischen Heimat und Neuland. Die Ramjoués sind mit dieser Entscheidung nicht allein. Zwar beschwört Bundeskanzler Friedrich Merz einen neuen Optimismus. Doch viele Deutsche verlassen trotzdem das Land.
Es sind vor allem die gut Ausgebildeten, die Deutschland den Rücken kehren: Akademikerinnen und Handwerker, Selbstständige und Fachkräfte. Allesamt Menschen, die Deutschland in Zeiten des demografischen Wandels eigentlich dringend braucht.
Wie viele Deutsche genau im Ausland leben, wird nicht systematisch erfasst. Klar ist nur: Die Zahl der Auswanderer steigt seit Jahren an. Waren es 2010 noch rund 141.000, haben 2024 fast 270.000 Deutsche das Land verlassen. Das Statistische Bundesamt fächert die Gründe nicht explizit auf – zu einer „etwaigen Motivlage“ könne man keine Auskunft geben, heißt es auf Nachfrage.
So kommt es, dass unter die Auswanderer auch Studierende oder Rentnerinnen und Rentner fallen. Allerdings machten Personen ab 65 Jahren zuletzt gerade mal sechs Prozent der Ausgewanderten aus. Etwa die Hälfte ist zwischen 25 und 49 Jahren alt – also im besten Alter für den Arbeitsmarkt.
In der Migrationsstatistik gibt es viele widersprüchliche Ströme. Der „Wanderungssaldo“, wie es im Behördensprech heißt, ist zwar seit 15 Jahren positiv. Seitdem ziehen jedes Jahr mehr Menschen nach Deutschland, als auswandern – wir haben also Netto-Zuwanderung, die vor allem auf ausländischen Menschen fußt. Seit 2005 ist der Saldo bei deutschen Staatsbürgern durchgängig negativ. Sprich: Es verlassen mehr Deutsche das Land, als wieder aus dem Ausland zuziehen.
Allein von Januar bis April 2025, das sind die neuesten Zahlen der Statistiker, haben schon mehr als 93.000 Deutsche das Land verlassen. Rechnet man das aufs Gesamtjahr hoch, könnte 2025 gar ein neuer Rekord stehen. „Seit Corona sehen wir eine deutlich erhöhte Nachfrage beim Thema Auswanderung“, sagt Christoph Heuermann, der mit seiner Firma Staatenlos beim Auswandern hilft.
Das kann auch Manny Schoenhuber bestätigen, Anwalt bei der US-Wirtschaftskanzlei Nelson Mullins in Houston. Knapp 20 Prozent seiner Mandanten würden dauerhaft in die USA auswandern. In der Regel seien das private Investoren, Online-Freelancer oder Berater: „Dieser Bereich ist deutlich sichtbarer geworden. Corona hat da wirklich etwas verändert.“
Was sind die Gründe für den Exodus? Warum entscheiden sich immer mehr Unternehmerinnen und Leistungsträger, ihr Glück außerhalb des Landes zu suchen? Das Handelsblatt hat mit mehreren Auswanderern gesprochen, Experten befragt und Statistiken durchforstet.
Das Bild, das sich daraus ergibt: In der Wahrnehmung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe wird Deutschland immer unattraktiver. Der Frust über Bürokratie und hohe Steuerlast spielt dabei eine Rolle, bisweilen auch die Angst vor einem politischen Rechtsruck oder ganz allgemein die Sehnsucht nach einem freieren Leben. Aber sind die Auswanderer im Ausland wirklich glücklicher? Und welche rechtlichen und finanziellen Probleme können drohen, wenn man tatsächlich seine Zelte in Deutschland abbricht?