Mittelstand: Wie CO₂-Bilanzierung mittelständische Unternehmen stärkt
Hamburg. Noch hat Benedikt Henke die CO₂-Emissionen für 2025 nicht ausgewertet. Aber dass es ein gutes Jahr war, weiß der Leiter für Arbeits- und Umweltschutz beim Mittelständler M. Busch jetzt schon.
Allein die Eröffnung der neuen Fertigungslinie im Werk im sauerländischen Bestwig im Juli verschafft der Eisengießerei eine Ersparnis von 10.479 Tonnen CO₂-Äquivalenten – so viel, wie 1000 Deutsche im Schnitt pro Jahr emittieren. Nicht schlecht für einen Mittelständler aus der energieintensiven Stahlbranche.
„Wir haben 2021 begonnen, unseren Company Carbon Footprint zu ermitteln“, sagt Henke. Aus allen Bereichen der Produktion, des Einkaufs und der Verwaltung trugen er und seine Kollegen Stromrechnungen, Warenein- und -ausgänge, Rohstoffmengen und Fahrtenbücher zusammen und berechneten die Emissionen mithilfe eines Onlinetools. „Danach wussten wir, wo unsere CO₂-Verursacher liegen und wo wir Einsparpotenzial haben.“
So weit sind viele kleinere und mittelgroße Unternehmen noch nicht. Während Konzerne und Großbetriebe aufgrund der EU-Regulierung bereits verpflichtet sind, ihre Emissionen genau zu dokumentieren, greift die Berichtspflicht für die meisten Mittelständler erst später.
Nach aktueller Rechtslage würden Schätzungen zufolge demnächst auch rund 15.000 deutsche Mittelständler unter die Regelung fallen und müssten ihren CO₂-Ausstoß dokumentieren sowie Ziele zu dessen Reduktion festschreiben – es sei denn, die EU-Kommission lockert die Auflagen, wie derzeit in Brüssel diskutiert wird.
Doch selbst dann dürften sich mittelständische Unternehmen dem Thema kaum entziehen können: „Immer mehr Kunden fordern unsere CO₂-Daten an, um ihre Lieferkette in Nachhaltigkeitsberichten belegen zu können“, sagt Henke. Diese Erwartung habe zuletzt deutlich zugenommen.
Viele kleinere Betriebe fühlen sich davon überfordert – nicht zuletzt, weil die technischen und personellen Kapazitäten fehlen. Dabei kann die Ermittlung des eigenen CO₂-Fußabdrucks ein Impuls für die unternehmerische Entwicklung sein. „Die CO₂-Bilanzierung wurde durch die regulatorische Diskussion leider stark in die Bürokratieecke geschoben und weniger als etwas bewertet, das für Unternehmen Positives bewirken kann“, sagt Andreas Bauer-Niermann, Berater bei der Effizienz-Agentur NRW (Efa).
Das nordrhein-westfälische Umweltministerium richtete die Agentur 1998 mit dem Ziel ein, kleine und mittlere Unternehmen zu Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft zu beraten, Projekte zu initiieren und umzusetzen sowie einige davon finanziell zu unterstützen. Um Mittelständlern einen ersten Ansatzpunkt zu bieten, entwickelte die Efa 2015 das Ecocockpit – eines der wenigen kostenfreien CO₂-Bilanzierungstools, die inzwischen von Unternehmen in allen 16 Bundesländern genutzt werden dürfen.
Sinkende Kosten, Produktinnovation, Wettbewerbsvorteile, Arbeitgeberattraktivität: Die Auseinandersetzung mit Betriebsemissionen kann Firmen klare Vorteile verschaffen. Eine gute Auslastung von Fabrikanlagen sorgt ebenso wie ressourcenschonendes Produktdesign nicht nur für mehr Kosteneffizienz, sondern senkt zugleich auch die klimaschädlichen Emissionen.
Gleichzeitig durchleben viele Mittelständler aufgrund der schwächelnden Konjunktur schwierige Zeiten: Jeder dritte Betrieb will einer Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft zufolge im kommenden Jahr Jobs streichen. Da erscheint das Streben nach mehr Nachhaltigkeit vor allem als zusätzliche Belastung.
„Wir raten Unternehmen, mit einem gewissen Pragmatismus an das Thema CO₂-Reduzierung heranzugehen“, sagt Bauer-Niermann. Schließlich müssen Mittelständler sich gleichzeitig auf ihre unternehmerischen Stärken konzentrieren und wirtschaftlich erfolgreich bleiben.
„Gerade kleinere Unternehmen befinden sich aktuell noch in der Phase der Bestandsaufnahme und müssen klären, wie ihr Ambitionsniveau im Bereich Nachhaltigkeit aussieht“, sagt David Hannes von der Nachhaltigkeitsberatung Grubengold. Nicht nur die Berichtspflichten größerer Kunden sind Treiber dafür. Auch Banken erwarten bei einer Kreditanfrage immer öfter CO₂-Nachweise oder konkrete Umweltziele.
Seit der Energiekrise 2022 sind viele Mittelständler bereits auf grünen Strom umgestiegen. Aktuell beginnt eine neue Phase, in der sich einige Unternehmen an ihre Produktpalette heranwagen. „Eine erste CO₂-Bilanzierung kann in eine Kette von Projekten münden, aus der auch Produktinnovationen resultieren, die nicht nur Nachhaltigkeit fördern, sondern neue Absatzmöglichkeiten eröffnen“, sagt Hannes.
Das größte Problem ist die Bewertung der Emissionen von eingekauften Materialien, Gütern und Dienstleistungen – im Fachjargon Scope 3 genannt. „Da fangen viele Firmen bei der CO₂-Bilanzierung an zu schwimmen und müssen sinnvoll priorisieren, welche Maßnahmen sich lohnen, und belegbare Erfolge bringen“, sagt Hannes.
So ist der CO₂-Rucksack, mit dem etwa eingekaufter Stahl bei einem verarbeitenden Unternehmen ankommt, in der Regel so groß, dass Energieeinsparungen im Betrieb (Scope 2) im Verhältnis kaum ins Gewicht fallen. Dabei lässt sich dieser Bereich über Stromrechnungen und andere Verbrauchsdaten viel präziser messen und kontrollieren als Scope-3-Emissionen.
Das gilt für viele Branchen: IT-Unternehmen, die Computer, Smartphones oder Tablets verkaufen, in denen seltene Erden und Metalle aus Asien verbaut sind, laufen Gefahr, besonders hohe Emissionen anzusammeln. „Für solche Mittelständler dürfte es sinnvoller sein, sich darauf zu fokussieren, Lieferanten mit emissionsärmeren Bauelementen zu finden, statt die Elektrifizierung von Firmenwagen voranzutreiben“, sagt der Nachhaltigkeitsberater.
Mittlerweile gibt es viele Anbieter von CO₂-Bilanzierungssoftware. Die meisten stellen Demoversionen zum Herunterladen bereit oder bieten Beratungstermine an. Daneben geben Verbände und Handelskammern einen ersten Überblick sowie Best-Practice-Beispiele aus verschiedenen Branchen und begleiten Mittelständler vielerorts auch bei Projekten.
Daraus ergeben sich oft ganz individuelle Wege – wie beim Mittelständler M. Busch. Das Unternehmen schmilzt Schrott ein, um daraus unter anderem Bremsscheiben und -trommeln für Lastwagen herzustellen. Der Schmelzprozess erzeugt wegen des hohen Energieverbrauchs mehr CO₂-Emissionen als etwa ein Zulieferer, der die Bauteile weiterverarbeitet oder montiert.
Bis zu 150 Gigawattstunden fressen die Anlagen bei M. Busch pro Jahr – umso bemerkenswerter die Anstrengungen, die aus der CO₂-Bilanzierung resultierten. „Wir haben auch aufgrund der energiepolitischen Situation relativ schnell unseren Scope-2-Bereich komplett CO₂-frei gestellt und beziehen heute ausschließlich Grünstrom mit Herkunftsnachweisen“, sagt Henke.
Nach dem Einstieg über das Ecocockpit setzt der Mittelständler heute auf die Software FRED zur Ermittlung von Product Carbon Footprints, die in der Metallbranche weit verbreitet ist.
Die regelmäßige Pflege der Daten ist entscheidend: Auf Plattformen für klimafreundliche Lieferketten meldet Henke fortlaufend die Werte.
So können Kunden, Lieferanten und Organisationen die Fortschritte der Eisengießerei nachvollziehen – ein zunehmend wichtiger Vorteil im Wettbewerb.