Medienkunst: Die chinesische Videokünstlerin Cao Fei zeigt die Welt im Miniaturformat
Die Künstlerin versteht sich nicht als Anklägerin, eher als Chronistin.
Foto: Kunstsammlung NRW, Foto: Andreas EndermannDüsseldorf. BWM hat ihr die Gestaltung eines Art Cars anvertraut. Als Osram noch zu Siemens gehörte, hat der Lampenhersteller sie von 2000 bis 2006 in seine Fabrik in Foshan im Perlflussdelta gelassen. In den Werkhallen hat die Künstlerin Cao (sprich: Tzao) Fei Arbeitende gefilmt, wie sie ihre – auch gescheiterten – Träume performen, mal als Tanz, mal als Schattenboxen. Film und Fotoserie „My Future Is Not a Dream“ entstanden im Auftrag des Siemens Arts Program.
Nicht nur für kunstsinnige Unternehmen ist die vierzigjährige Cao Fei die erste global gesammelte Künstlerin aus China. Zu ihren frühen Entdeckern zählen der Sammler Uli Sigg, die einflussreichen Kuratoren Klaus Biesenbach und Hou Hanru. Auch ihre Stammgalerie, Vitamin Creative Space, half bei der Karriere.
Ein Käfig als Wohnung
Aufgewachsen in der Kunsthochschule von Guangzhou, wo beide Eltern unterrichteten, bekam Cao Fei schon als Kind die ausrangierten Videokameras ihres Vaters in die Hände. Fasziniert von neuen Medien spielte der MTV-Fan drei Jahre lang bis zu zehn Stunden „Second Life“. Herausgekommen sind ein Film und Fotoprints über eine futuristische Stadt und die Kunstaktionen von Caos Alter Ego, dem Avatar „China Tracy“.
Die Kunstsammlung NRW präsentiert erstmals 50 Arbeiten von Cao Fei in Deutschland. Ihr Kern ist die Schau, die Klaus Biesenbach 2016 für das MoMA PS1 in New York entwickelt hatte.
Im K21 begegnet der Besucher den heute schon wieder historischen Avataren in der Projektion „Live in RMB City“. Oder er stößt auf verstörende Fotos von Schlafkäfigen, die Arbeitern als „Wohnung“ dienen. Wir verstehen das als Kritik an Wanderarbeitern und ökonomischer Ungleichheit im Land der Boomtowns.
Cao Fei versteht sich aber nicht als Anklägerin, eher als Chronistin. Sie notiert hier und in anderen Arbeiten Melancholie, Isolation und Traurigkeit der Menschen, unter denen die Meisterin der Virtual und Augmented Reality selbst lebt. Mit ihren ästhetisch packend gestalteten Filmen und Installationen verknüpft sie Sozialdokumentation und Science-Fiction.
Höhepunkt der Ausstellung ist der 42-minütige Film „La Town“. Eine postapokalyptische Stadt baut die Künstlerin aus Modellen, wie sie Eisenbahnfreunde schätzen: Die Bahnstation, das Ecklokal und ein Riesenkrake sind im Vorraum ausgestellt. Zum Einsatz kommen je ein Hamburgerbrater, Ecklokal und Supermarkt, dazu jede Menge ramponierte Vorstadthäuser, Autos und Tiere.
In der Second-Life-Projektion tritt die Künstlerin als „China Tracy“ auf.
Foto: © Kunstsammlung NRW/Cao FeiMit bemalten Miniaturfigurinen inszeniert Cao eine Gesellschaft am Abgrund. Es ist eine triste Welt aus verunfallten ICE-Zügen, Menschen, die schwer verletzt im Supermarkt umherirren, oder solchen, die krampfhaft versuchen, aus ihrer Isolation zu kommen. Mit Mikrokameras in betörendem Lichtdesign zeichnet sie eine Welt, die Schaden genommen hat, eine Welt ohne Sonnenlicht.
Dieser melancholische Zug von „La Town“ vermittelt sich rein visuell. Man muss die zitierten Sätze über Vergessen und Erinnern aus Marguerite Duras’ Roman „Hiroshima Mon Amour“ nicht verstehen, um die Trostlosigkeit von Urbanität und Klimawandel zu spüren.
Zeugin der Werteverschiebung
Das Besondere ist, dass Caos Bildsprache universell angelegt ist. Es geht hier nicht um China, La Town ist überall. Wir sind die Menschen, die sich vor ihrer Kamera zu Zombies verwandeln. Typisch für ihre Generation ist der neoliberale Subjektivismus. Die weltweit gefeierte Medienkünstlerin will Zeugin sein von Werten, die sich gerade im Reich der Mitte verschieben. Mitten im Hochgeschwindigkeitsurbanismus und der Zerstörung der Natur ist „die chinesische Realität so realistisch und gleichzeitig so surreal“, sagt Cao.
Eine Retrospektive mit 40? Was lächerlich klingt, ist es bei dieser Ausnahmekünstlerin nicht. Ihre Karriere startete sie mit 21 Jahren. Sehr aufschlussreich ist eine frühe, realistisch angelegte Bleistiftzeichnung, die Caos Denken gut umschreibt: Ausgangspunkt ist eine Dose, wie man sie für analoge Filmrollen brauchte. Aus ihr wächst gegen den Widerstand von Schotter ein zartes Pflänzchen. Kunst, Wachstum der Gesellschaft und Bedrohung der Umwelt verschmelzen bei Cao Fei oft zu Bildern, die lange nachhallen.
Bis 13. Januar. Digitaler Guide per App, Katalog im Hirmer Verlag, 28 Euro. Bis 28.4. zeigt die Julia Stoschek Collection in „New Metallurgists“ eine neue Generation chinesischer Gegenwartskünstler, kuratiert von Cao Fei und Yang Beichen.