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Start-upsCorona-Sorgen lassen Unternehmensgründungen in China einbrechen

Besonders stark betroffen ist Schanghai mit 50 Prozent weniger Gründungen, zeigen exklusive Daten. Auch die Finanzierungslage der Firmen verschlechtert sich deutlich.Sabine Gusbeth 20.06.2022 - 09:04 Uhr Artikel anhören

In der Metropole brach die Zahl der Gründungen besonders stark ein.

Foto: Bloomberg

Peking. Aufgrund der Corona-Lockdowns und strengerer Regulierung sind Gründungen und Start-up-Finanzierungen in China in den ersten fünf Monaten eingebrochen. In den vier größten Städten Peking, Schanghai, Guangzhou und Shenzhen wurden im Vergleich zum Vorjahr fast 30 Prozent weniger Unternehmen angemeldet.

In der Wirtschaftsmetropole Schanghai wurden nur halb so viele Unternehmen gegründet wie im Vorjahr. Während des Lockdowns im April und Mai brachen die Firmenregistrierungen sogar um mehr als 80 Prozent ein. 

Das zeigen Daten, die das Marktforschungs- und Datenanalyseunternehmen CIMK exklusiv für das Handelsblatt erhoben hat. Das Start-up aus Nanjing analysierte dazu Informationen zu 2,7 Millionen neu gegründeten Unternehmen in den 18 größten Städten Chinas im Zeitraum von Januar 2019 bis Mai 2022. CIMK hat sich darauf spezialisiert, große Datenmengen aus öffentlichen Datenbanken und sozialen Medien in China zu ziehen und daraus Trends abzuleiten.

Die CIMK-Daten zeigen die Auswirkungen der Lockdowns auf die chinesische Gründerszene. Insgesamt sank die Zahl der Unternehmensanmeldungen in den 18 untersuchten Millionenstädten um 13 Prozent. Besonders groß war der Rückgang bei Start-ups in den Branchen IT und Software sowie Bildung und Unterhaltung. Diese Sektoren traf die Regulierungswelle im vergangenen Jahr besonders stark.

Doch nicht nur Gründer, sondern auch Kapitalgeber sind vorsichtiger. Die Investitionen in Start-ups sanken zuletzt deutlich. Dadurch drohe sich die Finanzlage vieler Firmen im zweiten Halbjahr zu verschlechtern, sagt CIMK-Gründer und CEO Lukas Tatge.

Je länger die Unsicherheit angesichts wiederkehrender Lockdowns anhält, desto mehr droht dem Land eine „verlorene Generation von Unternehmen – mit großen langfristigen Auswirkungen“, sagte Chang-Tai Hsieh, Wirtschaftsprofessor an der Universität von Chicago, der Nachrichtenagentur Bloomberg. Denn Unternehmensgründungen waren in den letzten Jahrzehnten ein entscheidender Treiber für die Produktivität in China. Zwar seien nach dem Ende der jüngsten Lockdowns die Firmenanmeldungen wieder gestiegen. Unklar sei aber, ob die entstandene Lücke dadurch geschlossen werden könne. 

Peking ist derzeit bei den Gründungen ganz vorn

So hatte der vorübergehende Lockdown in der Tech-Metropole Shenzhen im März Nachwirkungen: Zwischen März und Mai wurde in der südchinesischen Stadt ein Drittel Unternehmen weniger registriert als im Vorjahreszeitraum. 

Schanghai, Guangzhou und Shenzhen, wo in den vergangenen Jahren die meisten Technologieunternehmen gegründet wurden, hätten durch die Lockdowns an Attraktivität verloren, sagt Chinaexperte Tatge. Stattdessen ziehen Millionenmetropolen der zweiten Reihe wie Chengdu, Chongqing oder Hangzhou zunehmend Gründer an.

Unter den vier größten Städten Chinas wurden lediglich in Peking in den ersten fünf Monaten mehr Unternehmen als im Vorjahr gegründet. Dadurch verdrängt Peking vorerst Schanghai als Gründer-Hauptstadt Chinas. 

Die zunehmenden wirtschaftlichen Probleme wirken sich auch negativ auf die Unternehmensfinanzierungen aus. 2021 sammelten Start-ups in China noch die Rekordsumme von mehr als 130 Milliarden Dollar ein. Doch in diesem Jahr ist die Zahl der Finanzierungsrunden rückläufig. In den 18 untersuchten Metropolen lag sie mit einem Minus von mehr als 50 Prozent  „deutlich unter dem Vor-Corona-Niveau“ im Vergleichszeitraum 2019, sagt Tatge.

Zu groß sind die wirtschaftlichen und regulatorischen Unsicherheiten. Auch Akio Tanaka, der für die Wagniskapitalfirma Headline von Peking aus nach Start-ups in Asien scoutet, ist bei Investitionen in China „derzeit sehr vorsichtig“.

Zuletzt hat sich die Finanzsituation weltweit für Start-ups verschlechtert. In den ersten drei Monaten sind die Investitionen in junge Unternehmen global um 26 Prozent gegenüber dem Vorquartal zurückgegangen, wie Zahlen des Analysehauses Pitchbook zeigen.

In China kommt erschwerend hinzu, dass seit Sommer 2021 sowohl die Volksrepublik als auch die USA die Hürden für einen Börsengang chinesischer Unternehmen in den USA erhöht haben. Seitdem schafften nur noch einzelne Firmen aus China den Sprung an die Wall Street. Auch die Zahl der Börsengänge chinesischer Unternehmen in Hongkong ist stark zurückgegangen. Für Risikokapitalgeber fehlt damit eine lukrative Exit-Möglichkeit.

Strengere Regulierung schreckt Tech-Gründer ab

Ein Grund für die ausbleibenden Börsengänge chinesischer Tech-Konzerne im Ausland und die rückläufigen Gründungszahlen ist auch die strengere Regulierung der Branche. Die Staatsführung hatte im vergangenen Jahr zahlreiche Gesetze erlassen, um die bis dahin praktisch unreguliert wachsenden Tech-Plattformen wie Alibaba und Tencent stärker zu kontrollieren.

Besonders betroffen waren neben den großen Tech-Konzernen auch Internetplattformen in den Bereichen Bildung, Finanzen und Onlinespiele. Bildungsportalen wurde gar untersagt, Gewinne zu erzielen, und damit einem Großteil der 100 Milliarden Dollar schweren Branche die Geschäftsgrundlage entzogen.

Das wirkte sich auch auf die Neugründungen aus: In Peking, Schanghai, Guangzhou und Shenzhen wurden in diesem Jahr bisher lediglich fünf Unternehmen im Bildungssektor registriert. Im gesamten vergangenen Jahr waren es noch mehr als 130.

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Doch auch im wichtigen IT- und Software-Bereich ist die Zahl der Firmengründungen stark rückläufig. Wurden im Gesamtjahr 2021 in den vier Metropolen fast 60.000 neue Unternehmen in diesen Sektoren registriert, waren es 2022 bislang nur rund 7500. Ebenfalls deutlich weniger Gründer wagten sich in die kriselnden Branchen Bau, Immobilien und Einzelhandel. 

Zentralregierung sowie Provinz- und Stadtverwaltungen versuchen mit Hilfsprogrammen, dem Einbruch gegenzusteuern. In Schanghai wurden in dieser Woche „Sondermaßnahmen zur Unterstützung von Technologieunternehmen“ gestartet, die Klein- und Kleinstunternehmen in dem Sektor unterstützen sollen. Unter anderem sollen die Kosten für Gründungen gesenkt werden.

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