Charttechnik: „Gefährliche Ausgangslage“ – Warnsignal für die Microsoft-Aktie
Die Microsoft-Aktie hat zuletzt vom Hype um den Fortschritt bei Künstlicher Intelligenz profitiert.
Foto: BloombergDüsseldorf. Die Aktie von Microsoft gehörte zu den größten Profiteuren des ersten Halbjahrs. In der Spitze ging es um fast 54 Prozent aufwärts, Mitte Juli erreichte der Kurs mit 366,78 Dollar ein Rekordhoch. Zuletzt gab die Aktie aber nach, mittlerweile notiert sie knapp zehn Prozent unter ihrem Höchststand.
Aus Sicht vieler Analysten bedeutet das eine Einstiegschance, schließlich liegt ihr Kursziel im Schnitt bei 400 Dollar. Die technische Analyse kommt allerdings zu einem anderen Ergebnis. Jörg Scherer, Leiter technische Analyse bei HSBC Deutschland, spricht von einer „gefährlichen Ausgangslage“.
Technische Analysten leiten ihre Prognosen nicht aus realwirtschaftlichen Entwicklungen samt Unternehmensgewinnen und Ausblicken der Konzernvorstände ab, sondern aus dem Chartbild der Kurse und wiederkehrenden Mustern aus der Vergangenheit. Diese wenden sie auf die aktuelle Situation an.
Bei Microsoft kommt Scherer zu dem Ergebnis, dass jetzt Grund zur Vorsicht besteht. Denn dass der Kurs über das alte Rekordhoch von 349,65 Dollar aus dem November 2021 gestiegen ist, habe sich als „temporäres Phänomen“ herausgestellt. Mittlerweile notiert die Aktie wieder bei rund 330 Dollar.
Der Sprung über den alten Höchststand hat also keine nachhaltige Rally ausgelöst, sondern Gewinnmitnahmen. Scherer spricht davon, dass der neue Rekord „abverkauft“ wurde. Zu sehen ist das auch an dem deutlich höheren Handelsvolumen am Rekordtag und den Folgetagen. Dadurch sendete der Kurs sowohl auf Tagesbasis als auch später auf Monatsbasis ein Umkehrsignal, also ein Zeichen für ein mögliches Ende der Aufwärtsbewegung.
Scherer urteilt deshalb aus charttechnischer Sicht über die Microsoft-Aktie: „Per saldo müssen Anlegerinnen und Anleger von einer latent bestehenden Korrekturgefahr ausgehen.“
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Diese Einschätzung werde durch den trendfolgenden Indikator MACD (Moving Average Convergence Divergence) noch zusätzlich untermauert. Der MACD zeigt das Zusammen- und Auseinanderlaufen des gleitenden Durchschnitts. Hier hat die MACD-Linie gerade die Signallinie von oben nach unten gekreuzt. Damit hat Microsoft „im Wochenbereich ein neues Ausstiegssignal generiert“, wie Scherer erklärt.
Die nächste charttechnische Unterstützung hat die Aktie nun erst bei den alten Hochs von rund 315 Dollar, sagt Scherer. Dagegen müsste die Aktie erst ihr Hoch aus dem November 2021 bei knapp 350 Dollar zurückerobern, um das negative Signal aufzulösen und die Gefahr eines Fehlausbruchs zu bannen.
Überhöhte Erwartungen durch KI-Hype?
Ein maßgeblicher Grund für die Rally der Microsoft-Aktie war der Hype um den Fortschritt bei Künstlicher Intelligenz (KI). Microsoft ist Hauptfinanzier von OpenAI, dem Entwickler des Chatbots ChatGPT, der KI erst für ein breites Publikum greifbar machte.
Fondsmanager warnten allerdings bereits im vergangenen Monat vor einem Rücksetzer bei der Aktie. So sagte David Wehner von Do Investment im Handelsblatt: „Alle positiven Nachrichten sind in den vergangenen Wochen mehr oder weniger eingepreist worden. Bei Microsoft geht es aktuell viel um die Story, da ist eine Entwicklung in die Zukunft extrapoliert worden, die noch viele Jahre braucht, um umgesetzt zu werden.“
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Wie hoch die Erwartungen waren, zeigte sich bei den Ende Juli veröffentlichten Quartalszahlen: Microsoft übertraf bei Umsatz und Gewinn die Erwartungen der Wall Street, trotzdem gab die Aktie nach. Analysten zufolge waren die Marktteilnehmer von einer größeren Überraschung ausgegangen.
Die Experten der Investmentbank RBC schrieben, dass Anleger wohl zu optimistisch gewesen seien und erwartet hätten, dass Microsoft schneller die Früchte seiner Investitionen in KI erntet. Dabei handele es sich um eine mehrjährige Wachstumsgeschichte.