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Wirtschaftstrends Die Coronavirus-Krise als Trendbeschleuniger

Der Stillstand der Weltwirtschaft in Folge der Coronavirus-Krise hat gezeigt, wie abhängig viele Länder voneinander sind. Zu abhängig vielleicht? Muss sich das ändern? Und was bedeutet das für Investoren? Antworten darauf hat Chefanlagestratege Ulrich Stephan.
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Steht die Weltwirtschaft aufgrund der Pandemie an einem Wendepunkt, hin zur Deglobalisierung? Ulrich Stephan erwartet das nicht. „Sicher haben wir globale Lieferabhängigkeiten, aber die haben wir im Zweifel auch national“, sagt der Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank in seinem wöchentlichen Podcast „PERSPEKTIVEN To Go“. Auch in Deutschland waren schließlich viele Produktionsstätten geschlossen. „Insofern muss man sich insgesamt überlegen, wie man Lieferketten gestaltet.“

Unternehmen müssten darüber nachdenken, ob sie sich nur auf einen Produzenten verlassen oder auf mehrere und wie ihre Lager künftig ausgestaltet sind. Für Stephan sind das aber keine Argumente gegen die Globalisierung. Er verweist auf das aktuelle Zusammenwirken bei der Suche nach Medikamenten und Impfstoffen. Diese Zusammenarbeit beweise, wie wichtig die globale Arbeitsteilung sei. „Es zeigt, wie wichtig es ist, Innovationen und Ideen auszutauschen, um zu besseren Lösungen zu kommen.“ Der Stratege plädiert ganz klar dafür, an der globalen Arbeitsteilung und damit an der Globalisierung festzuhalten.

Chef-Anlagestratege Privat- und Firmenkunden bei der Deutschen Bank Quelle: Deutsche Bank
Dr. Ulrich Stephan

Chef-Anlagestratege Privat- und Firmenkunden bei der Deutschen Bank

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Immer wieder war in den vergangenen Wochen aber zu lesen, dass die Globalisierung zurückgedreht wird. Viele Experten erwarten zumindest, dass sie an Fahrt verliert. Auch Stephan sieht eine Form von Protektionismus. Diesen Trend hat es bereits vor der Corona-Krise gegeben, doch er hat sich verstärkt. Überhaupt sei die Virus-Krise kein Trendbruch, sondern insgesamt ein Trendbeschleuniger. „Was Trump schon vor der Krise gemacht hat, wird nun verstärkt und findet auch Nachahmer in anderen Ländern“, so Stephan. Und das könne im Zweifelsfall Wohlstand kosten.

Dass sich die Globalisierung verlangsamt, zeigen tatsächlich die Handelsströme und das Welthandelsvolumen. Doch das ist wenig überraschend. Aufgrund glücklicher politischer Umstände nehmen seit Anfang der 1990er-Jahre auch China, Indien und der gesamte Ostblock an der globalen Arbeitsteilung teil. „Das hat zu einem dramatischen Schub des internationalen Handels geführt“, sagt Stephan. „Dass ein solcher Effekt nach 30 Jahren irgendwann ausläuft, ist aber auch nicht völlig außergewöhnlich, sondern vielmehr normal.“

Beschleunigt die aktuelle Krise auch das? Europa hat der Lockdown hart getroffen. Die französische Regierung will Europas Wirtschaft deshalb widerstandsfähiger und unabhängiger machen, um künftige Krisen besser zu meistern. „Die Frage ist, warum die europäische Wirtschaft so wenig widerstandsfähig und unabhängig ist“, gibt Stephan zu bedenken. Er bemängelt zu geringe Investitionen in Technologie, Forschung und Entwicklung. Die Europäer seien insgesamt wenig innovationsfreudig, sondern eher kritisch Neuem gegenüber.

Strukturwandel muss zugelassen werden

„Wir müssen den Strukturwandel zulassen“, sagt der Chefanlagestratege. „Wir müssen zulassen, dass Industrien, die nicht mehr wettbewerbsfähig sind, schrumpfen oder vielleicht sogar völlig aus dem Markt ausscheiden. Und wir müssen zulassen, dass andere Industrien, die eben zukunftsfähig sind, auch bessere Chancen bekommen.“ Wenn Strukturwandel über Protektionismus oder andere fehlgeleitete politische Maßnahmen aufgehalten werde, dann führe das langfristig in der Regel zu Problemen.

Auch Deutschland wirft man oft vor, der Strukturwandel werde verschlafen. Als Beispiele gelten die E-Mobilität, aber auch die wachsende Konkurrenz aus China mit Blick auf den Maschinenbau. Doch Stephan ist optimistisch, dass Deutschland - genau wie Europa insgesamt - den Anschluss nicht verliert. Das Konjunkturpaket der Bundesregierung setze auch auf Zukunftsprojekte und würde Innovationen fördern. Ähnliches erhofft sich Stephan vom Wiederaufbaufonds der Europäischen Union. Er sieht keinesfalls schwarz für Europa, der Kontinent hat alle Möglichkeiten aufzuholen.

Anleger sollten weiterhin global investieren. „Sie müssen sich überlegen, in welchen Bereichen sie investieren wollen und wo sie diese Unternehmen finden“, sagt Stephan. Die USA seien stark, wenn es um Technologie und vor allem Software gehe, die Europäer und auch die Japaner bei der Produktion, Automatisierung und Robotik. In Korea, China und Taiwan seien viele Hardware- und Halbleiter-Unternehmen beheimatet. Sicher sei, dass die Viruskrise viele Trends beschleunigt habe, neben der Digitalisierung scheint auch die Nachhaltigkeit einen Schub zu bekommen. Diese Themen sollten Investoren sich anschauen.

Hier hören Sie regelmäßig weitere aktuelle Einschätzungen von Dr. Ulrich Stephan im Podcast PERSPEKTIVEN To Go.  Der Chef-Anlagestratege der Deutschen Bank spricht in seinem Podcast jede Woche mit Finanzjournalistin Jessica Schwarzer darüber, was die Märkte bewegt – und was das für Anleger bedeutet. Schnell, pragmatisch und auf den Punkt.

Hier hören Sie regelmäßig weitere aktuelle Einschätzungen von Dr. Ulrich Stephan im Podcast PERSPEKTIVEN To Go.

Der Chef-Anlagestratege der Deutschen Bank spricht in seinem Podcast jede Woche mit Finanzjournalistin Jessica Schwarzer darüber, was die Märkte bewegt – und was das für Anleger bedeutet. Schnell, pragmatisch und auf den Punkt.