60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte Salamander: Lurchis Abenteuer

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Bis Ende der 60er-Jahre geht es mit Salamander stetig aufwärts: Das Unternehmen beschäftigt fast 18 000 Mitarbeiter und produziert jährlich 13,5 Millionen Paar Schuhe in Deutschland, Frankreich, Italien und Österreich. Sie werden in fast 1 900 Läden verkauft.

Salamander ist in jenen Wirtschaftswunderjahren eine europäische Marke - wie es dem Gründer Rudolf Moos offenbar schon früh vorschwebte: Beim Durchblättern von Zeitschriften sei der Mann auf eine Reklame gestoßen mit einer Frau, die eine Eidechse als Brosche getragen habe, erzählt Hermann Wagner. Der 70-Jährige ist Herr über die zahlreichen Salamander-Ausstellungsobjekte in der "Stadtgeschichtlichen Sammlung" in Kornwestheim. Moos gefiel die Idee, Schuhe mit einer Eidechse als Reklametier zu verkaufen. "Aber anders als Eidechse klingt Salamander in jeder Sprache gut", erklärt Wagner die Namenswahl.

Der rüstige Rentner hat sein gesamtes Berufsleben in der Salamander-Fabrik in Kornwestheim verbracht. 40 Jahre hat er als Heizungsmonteur gearbeitet, bei Salamander hat er auch seine Frau kennengelernt und einige Auf und Abs des Unternehmens miterlebt.

Den Aufschwung in den 60er-Jahren zum Beispiel, als eigens der Bahnhof von Kornwestheim in die Nähe der Salamander-Werke verlegt wurde. Und den Abschwung, der einige Jahre später begann. "In den 70er-Jahren herrschte hier Weltuntergangsstimmung", sagt Wagner.

Der Import ausländischer Schuhe setzt dem Unternehmen zu. Salamander-Treter erweisen sich immer häufiger als Ladenhüter, gelten als zu teuer, viel zu unmodisch - ähnlich wie Lurchi mit Hut und Gamsbart und seinen hausbackenen Reimen: "Lurch, der kleine Salamander / denkt, wenn durch den Wald ich wander / hol ich aus der Kleidertruhe / erst die Salamanderschuhe".

Anfang der 70er-Jahre schließt Salamander eine Fertigungsstätte nach der anderen, fährt die Schuhproduktion auf unter zehn Millionen Paar runter und entlässt fast die Hälfte seiner Mitarbeiter. Auf dem Höhepunkt der Krise, 1973, nimmt Franz Josef Dazert das Heft in die Hand.

Drei Jahre später gelingt dem Salamander-Chef der große Coup - zumindest sieht es auf den ersten Blick danach aus, als er mit der DDR eine Kooperation vereinbart. Salamander produziert dort fünf Millionen Paar Schuhe jährlich, die ausschließlich für den ostdeutschen Markt bestimmt sind. In den Folgejahren erweitert das Unternehmen die Verbindung in den Osten und baut zwei Werke in der Sowjetunion auf.

Dazert macht Salamander wieder groß. Doch die Osteuropa-Aktivitäten sind es auch, die das Unternehmen später zu einem Sanierungsfall machen. Über Jahre hinweg häufen sich dadurch Verluste an. Und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Zusammenbruch des Ostblocks sind die Salamander-Werke in der Sowjetunion nicht mehr zu halten.

Dazert, inzwischen an der Spitze des Aufsichtsrats, versucht, sein Lebenswerk zu retten. Er aktiviert die Freundschaft zu Gerhard Goll, Chef von Energie Baden-Württemberg (EnBW). Im Frühjahr 2000 übernimmt die EnBW 95 Prozent der Aktien an Salamander. Doch was will ein Stromkonzern mit einem Schuhladen? "Im Grunde sind sowohl Schuhe als auch der Strom profane Produkte", sagt Goll. Daher passe Salamander zu EnBW.

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