Bürgermeisterkandidat Michael Naumann Paradiesvogel auf Hühnerhof

Mit Michael Naumann hat die Hamburger SPD einen Überraschungskandidaten um das Amt des Bürgermeisters ins Rennen geschickt. Der weltoffene Intellektuelle war nicht nur bereits Rentner, er gilt auch als Paradiesvogel. Vielleicht ist es genau das, was die Partei derzeit braucht.
  • Karl Doemens

BERLIN. Kürzlich hat er seinen Rentenbescheid bekommen. In dem Schreiben war von "persönlichen Entgeltpunkten", dem "Rentenartfaktor" und dem "aktuellen Rentenwert" die Rede. Der 65-Jährige war bestürzt: "Verstehen Sie das, Herr Müntefering?" fragte er anklagend in einer Zeitungskolumne. Vielleicht war das der Moment, in dem Michael Naumann ahnte, dass er in die Politik zurückkehren müsse.

Gesprochen hat der Herausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit" darüber aber nicht. So schlug gestern Nachmittag die Eilmeldung, der ehemalige Kulturstaatsminister solle Spitzenkandidat der Hamburger Sozialdemokraten werden, wie eine Bombe ein. Manch einer glaubte zunächst an eine Verwechslung. Schließlich war in der tagelangen Posse um die Hanse-SPD zuletzt Michael Neumann, der Chef der Bürgerschaftsfraktion, als wahrscheinlichster Anwärter auf das Himmelfahrtskommando gehandelt worden.

Doch eine nur 30 Minuten später versandte Glückwunschadresse von SPD-Chef Kurt Beck bestätigte die Personalie und offenbarte zugleich, welche höheren Mächte bei dem Coup ihre Finger im Spiel hatten. Tatsächlich hatte Beck am Vormittag mit Naumann telefoniert.

Der Gedanke, den intellektuellen Paradiesvogel zum Chef des roten Hühnerhaufens zu machen, sei schon älter gewesen, heißt es in der Partei. Nach der brüsken Absage von Ex-Bürgermeister Henning Voscherau am Montagabend war das Debakel wohl groß genug, um die Kreisfürsten auf einen Kurs zu zwingen und Naumann zu überzeugen, dass seine Kandidatur für die Partei überlebenswichtig sei. Der aus Hamburg stammende Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Olaf Scholz, soll wichtige Gespräche geführt haben. "Ich habe Insiderkenntnisse", deutete er gestern Morgen an.

Naumann, der nach Studium in den USA und Habilitation in Oxford zunächst den Hamburger Rowohlt-Verlag und dann einen New Yorker Literaturverlag geleitet hatte, bevor er 1999 und 2000 im Kabinett von Ex-Kanzler Gerhard Schröder für Kultur verantwortlich war, soll sich "sehr kurzfristig" entschieden haben. Der Schritt dürfte dem schreibenden Verleger, der sonst über das transatlantische Verhältnis räsoniert oder den US-Schriftsteller Paul Auster interviewt, nicht leicht gefallen sein. Nicht nur erinnert er seine Zeit in der Berliner Politik als "ein entfremdetes Leben mit vielen persönlichen Opfern". Vor allem sind die stolzen Zeiten der Hamburger SPD seit langem vorbei.

Seine Familie sei "entsetzt über die Abläufe" in der Hanse-SPD, hatte Voscherau den Genossen nach ihrem wochenlangem Führungskampf und dem Skandal um rund 1 000 verschwundene Stimmzettel bei der Kandidatenkür ins Stammbuch geschrieben: Er wolle nicht "als Nächster verheizt" werden. Selbst der sonst höchst kontrollierte Vize-Kanzler Franz Müntefering raunzte seine Parteifreunde an der Alster an, sie müssten sich "mal am Riemen reißen".

Für die Hamburger SPD ist Naumanns Kandidatur ein Glücksfall. "Der Weltbürger soll das Tor zur Welt zurückerobern", formulieren schon die PR-Strategen. Im Zweikampf mit dem smarten CDU-Bürgermeister Ole von Beust verschafft der "Homme de Lettres" der grauen Truppe nicht nur unverhofften Glanz. SPD-Chef Beck hebt auch die "Regierungserfahrung" des Ex-Staatsministers hervor, der zudem "Die Zeit" journalistisch und wirtschaftlich "zu neuen Erfolgen" geführt habe. Auch Naumann kokettiert mit alten Kontakten: "Gerd Schröder hat mir versprochen, Hamburg zu unterstützen", sagte er dem "Tagesspiegel". Der Ex-Kanzler pries gestern den Kandidaten schon einmal als "brillanten Kopf".

Insgeheim fragt sich freilich mancher Genosse, ob der Schöngeist, der die "bürgerlichen Tugenden" der Hanseaten schätzt, für den Parteialltag geeignet ist. Möglicherweise zeigt Naumann aber ungeahnte Qualitäten. Beim Lesen seines Rentenbescheids beschlich ihn das Gefühl, "dass er in seiner Jugend gut beraten gewesen wäre, als Schornsteinfeger auf einem Rheinschiff anzuheuern". Ein Lotsen-Job auf der roten Titanic dürfte dem recht nahe kommen.

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