Der Bauch stimmt zu: Autos gehören in die Wildnis Offroad: Sandkasten-Spiele

Geländewagen brauchen Auslauf, dafür wurden sie gebaut. Die besten Offroad-Parks.
  • David Selbach (Handelsblatt)

Brave Opel-Kombis gleiten im Werbespot sicher über Eisfelder. Mazdas ziehen leichtfüßig wie eine Kamelherde staubige Serpentinen im Wüstengebirge hoch. Gern folgt die Einstellung, in der die Wagen auf der Klippe im Sonnenuntergang parken.

Der Bauch stimmt zu: Autos gehören in die Wildnis. Im voll geteerten Deutschland allenfalls ein Traum - nicht nur für Fahrer gängiger Mittelklassewagen. Selbst die Piloten von luftgefederten, differenzialgesperrten Geländewagen bleiben eher im Stau als am Strand stecken.

"In Europa hat man zu wenig Naturstrecken", sagt Sven Quandt. Der milliardenschwere Erbe der BMW-Dynastie war Vermögensberater, bevor er Anfang der neunziger Jahre begann, bei Wüstenrallyes in Afrika mitzumischen. Er hat seinen Jeep schon eigenhändig aus dem Sand in Namibia geschaufelt. Am See in der Serengeti ließ er sich von einem Traktor aus dem nahen Weiler freischleppen.

Der 47-Jährige hat sein Hobby zum Beruf gemacht, führt heute die Motorsportabteilung bei Mitsubishi, außerdem den Offroad-Rennstall "X-Raid" in Trebur in der Nähe von Frankfurt. Und: Er weiß inzwischen, wo er seinen "Pajero"-Geländewagen hier zu Lande am Wochenende ausführen kann, falls er die Lust verspürt, Sand und Kiesel zu verspritzen.

Wenn er nicht gerade auf professionellen Teststrecken wie dem Unimog-Areal in Gaggenau unterwegs ist, lenkt Quandt seinen Mitsubishi in einen stillen Waldweg oder eine alte Kiesgrube. "Fragen Sie den Besitzer. Das ist in der Regel kein Problem", sagt Quandt. "Außer wenn das Gebiet einem Großkonzern gehört." Weit draußen in den dünn besiedelten östlichen Bundesländern gebe es alte NVA-Truppenübungsplätze, wo Offroader ungestört im Schlamm buddeln dürfen, sagt Quandt. "Tief im Bayerischen Wald sind auch viele unterwegs. Da drückt der Förster durchaus mal ein Auge zu."

Der Blick über die Landesgrenzen lohnt ebenfalls: In Frankreich existieren ausgedehnte legale Offroad-Areale, bis zu acht Kilometer lange Strecken "quer den Berg hoch, mit Sand, Kies und Wasser", schwärmt Sven Quandt. In Holland und Belgien finden fast jedes Wochenende "Offroad-rijden" statt - der Staat öffnet dann seine Forste für eine kurze Zeit, damit Offroader endlich mal brettern können (www.terreinrijden.nl).

Geradezu paradiesisch geht es in Osteuropa zu: "Da wird das Offroad-Fahren lange nicht so restriktiv gehandhabt wie bei uns", sagt Sven Quandt. Die Grenze zwischen Straße und Feldweg ist in Polen, Tschechien und Ungarn sowieso oft fließend. Da verwandeln sich gewöhnliche Schotterwege ganz plötzlich in verkrustete Schlammbahnen. Normale Zufahrtsstraßen haben den Schwierigkeitsgrad einer Rallye-Prüfung. In Osteuropa gibt es einfach jeden Untergrund, sagt Offroad-Profi Quandt: "Kurz hinter Warschau öffnen sich richtige Dünenlandschaften. Das glaubt man zuerst gar nicht."

Für die Allradler ist solche Umgebung artgerecht, doch in Deutschland verdammt eine Flut von Vorschriften Touaregs, Land-Rover und Jeeps zur Asphaltdiät. Entweder man kennt da geheime Pfade wie Sven Quandt, oder man hat das Glück eines Karl-Matthäus Schmidt: Der Gründer des Online- Brokers Consors, heute Unternehmensberater in Nürnberg, probiert seinen Land-Rover im exklusiven Privatwald von Freunden aus. "Man muss vorsichtig sein", sagt Schmidt, "sonst richtet man ganz schön viel Schaden an."

Anderen Straßenmüden bleiben die 30 offiziell ausgewiesenen Offroad-Parks in Deutschland, in denen man sich gegen Gebühr festfährt. Die legalen, bewachten Areale hätten den Vorteil, so Unternehmensberater Schmidt, dass man gleich wieder rausgeholt wird, wenn man zum Beispiel in einem Matschloch abgesoffen ist. Seit er mal einsam im Wald auf einer Eisplatte 40 Meter rückwärts rutschte - zum Glück ohne Blessuren -, weiß er die Nähe von Profis zu schätzen.

Zum Beispiel die des deutschen Geländewagenmeisters Charlie Stiegelbauer, der im Offroad-Park Langenaltheim im Altmühltal 4x4-Piloten das Einmaleins der kontrollierten Rutschpartie vermittelt. "Da kommen viele, die sich zwar unbedingt einen Geländewagen kaufen mussten", sagt Stiegelbauer, "aber noch nie was vom Thema Untersetzung gehört haben."

Aus München, Regensburg und Ingolstadt rollen große Jungs mit ihren SUVs an: klimatisierten "Sports Utility Vehicles" wie Mercedes M, Porsche Cayenne und BMW X5. Mindestens die Hälfte seiner Klienten seien unerfahrene Besitzer von Luxus-Geländewagen, sagt Charlie Stiegelbauer. Er bringt ihnen bei, wie sie ihre Wagen gefahrlos ausreizen können. "Die sind oft überrascht, was man mit so einem Fahrzeug alles schafft - und das, ohne einen Kratzer reinzumachen."

Langenaltheim ist der Vorzeigepark der deutschen Allrad-Szene: Rund fünf Hektar mitten im Solnhofer Schieferabbaugebiet - mit extrem steilen Hängen, metertiefen Schlammlöchern und Felskanten. Hier müssen Hobby-Piloten ihren Autos schon grobe Reifen, eine ordentliche Differenzialsperre plus Seilwinde spendieren, um die ganz harten Stellen zu bewältigen.

Für Anfänger hat Stiegelbauer an allen Streckenabschnitten Passagen für "Drückeberger" eingebaut, auf denen diese lernen, die gröbsten Hindernisse fachmännisch zu umfahren.

Die organisierte Freiheit auf vier Rädern kostet im Schnitt 18 bis 30 Euro pro Tag, dafür sind in den offiziellen Offroad-Parks neben Erde und Wasser meistens noch Hochdruckreiniger, Wurstbuden und Toiletten im Preis mit drin.

Geländewagen-Coach Charlie Stiegelbauer ist auch extra zu buchen. Gerade geht ein Autohändler bei ihm in die Lehre: Mit seinem monströsen "Hummer"-Militärjeep rollt er zaghaft zur Streckenauffahrt. "Der wird demnächst in Ingolstadt importierte Hummer-Fahrzeuge verkaufen", erzählt Stiegelbauer. "Jetzt will er erst einmal lernen, wie er sie seinen Kunden richtig präsentieren kann."

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