Der Sauvignon blanc aus der Steiermark macht Karriere: als Weißer mit und ohne Holznote. Technik im Tank

Sie schlummerte ein bisschen im Schatten der übermächtigen Grünen Veltliner aus der Wachau oder der kraftstrotzenden Rotweine des Burgenlands: die Steiermark.
  • Caro Maurer (Handelsblatt)

Und kaum schiebt sie sich jetzt in den Blickpunkt der Weinwelt, muss sie sich schon wieder neuen Vergleichen stellen: So lieblich wie die Toskana sei ihre Landschaft, wo doch die steilen Hügel, urigen Gehöfte und einladenden Buschenschanken eher alpenländisch als mediterran anmuten. Und so avantgardistisch wie in Kalifornien macht sich das moderne Design der Weingüter aus.

Dabei hat das Land im Südosten Österreichs ein eigenes, unverwechselbares Gesicht. Und gewinnt an Profil nicht zuletzt durch ein gelungenes Steiermarketing für ihre Sauvignon blancs, die wie das Land und seine Winzer einen individuellen Charakter entwickeln.

Die weiße Rebsorte findet in der Süd- und Südoststeiermark den richtigen Boden für eine internationale Karriere. Wie ein Flickerlteppich legen sich deren Weinberge um die Landeshauptstadt Graz - im Süden mehr aus Schiefer, Sand, Mergel, Urgestein und Kalk, im Osten mischen sich sandiger und schwerer Lehm unter die Basalt- und vulkanischen Böden. Darauf reift der Sauvignon neben Morillon (Chardonnay), Muskateller oder Traminer zu einer sehr körperreichen Art heran. Da mischt sich Cassis unter Stachelbeer- und Grapefruitaromen, grasige und Paprikanoten steuern eine leicht verruchte herbe Note bei.

Die steirischen Weinmacher belassen ihm gern seine sortentypische Persönlichkeit und packen durch Ausbau in Holz nur dann Muskeln drauf, wenn ihre Lagenweine ausreichend Frucht und Alkohol dafür mitbringen. Das gibt ihnen fast schon einen orientalischen Akzent neben den üblichen Honig- und Vanille-Komponenten.

Zusammen mit Albert Neumeister und Georg Winker-Hermaden aus dem Südosten hatten führende Winzer aus dem Süden - Manfred Tement, Alois Gross, die Brüder Erich und Walter Polz, Willi Sattler, Klaus Prünte und Fritz Lackner-Tinnacher - Anfang der 90er-Jahre die Initiative "Steirische Klassik" ins Leben gerufen, mit der Absicht, gebiets- und sortentypische Weine zu produzieren.

Heute besteht ihr Klassik-Programm meist aus einem ausgewogenen Dreiklang: Eine schlanke Linie wird in Stahl ausgebaut, im preislichen Mittelsegment klingen die Holzinstrumente nur ganz dezent an, während sie sich bei den hochreifen Lagen- oder Selektionsweinen schon recht vollmundig in den Vordergrund spielen. Und so beherrscht die Steirische Klassik inzwischen die ganze Klaviatur der Stilarten. Bis hin zu Techno.





Nicht nur bei Manfred Tement, dem international bekanntesten Weinbotschafter der Region, hat der Fortschritt Spuren fürs Auge und für die Zunge hinterlassen. Sein Weingut hoch oben auf der Spitzenlage Zieregg mit Blick auf Slowenien gehört architektonisch und technisch zu den spektakulärsten Neubauten der Gegend. Die Tanks werden da über einen Touchscreen gesteuert. Gibt?s irgendwo Probleme mit der Temperatur, leuchten Warnlampen - und es klingelt Tements Handy, selbst dann, wenn er gerade über die Weinmesse in London flaniert.

Nur bei den Barriques waltet die Natur noch ganz ohne Telefonanschluss. Die Fässer geben Tements Sauvignon vom Zieregg markante und vielschichtige Attribute mit. Das sind Weine, die auf den internationalen Märkten ihre Muskeln spielen lassen und sich mit der Konkurrenz aus Übersee, zum Beispiel Neuseeland, anlegen können, ohne ihre Herkunft völlig zu verleugnen. Vor allem die junge Generation der Steirer Winzer hat sich Tement zum Vorbild genommen und experimentiert gern mit Eiche: Erwin Sabathi oder Eduard und Stefan Tscheppe zum Beispiel.

Ein geradezu filigranes Kontrastprogramm bieten Alois Gross und Fritz Tinnacher vom Weingut Lackner-Tinnacher, ein konsequenter Verfechter der steirischen Authentizität. Er lässt kein neues Eichenholz an seinen Sauvignon blanc, allenfalls große alte Holzfässer. In der Steiermark sind das meist ovale mit einem leichten Toasting, die 1 500 Liter fassen. Sie führen Alkohol und Aromen zusammen, ohne dass sie kräftig durchschmecken, wie man es von fetten Kaliforniern kennt.

In Tinnachers Sauvignon blanc vom Ried Welles zeigt sich die Sorte so von einer ganz schlanken Figur: mit unaufdringlicher Frucht und so mineralisch, dass ein leichter Salzgeschmack am Gaumen zurückbleibt. Auch bei der sehenswerten Weingutsarchitektur, die bei Tement wie auch auch bei Polz und Neumeister avantgardistisch anmutet, zählt Tinnacher zu den Traditionalisten: Als Verkaufsraum hat er ein jahrhundertealtes Kellergewölbe saniert.

Willi Sattler demonstriert ganz eindruckvoll mit seinem 97er Kranachberg, dass es kein Holz braucht, um auch einen kraftvollen, voluminösen Sauvignon hervorzubringen. "Den haben die Kritiker am Anfang verrissen", sagt Sattler. Erst jetzt, nach Jahren der Reife, zeigt er sich von seiner starken Seite - und Sattler versucht, ihn von seiner Kundschaft zurückzukaufen: Er bietet 22 Euro, 15 hat er damals gekostet. Ein Verlustgeschäft, das sich lohnt.

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