Einzelkämpfer im deutschen Team Alleingang eines Außenseiters

Als Ricco Groß sich am Samstag für das erste WM-Rennen einschoss, hatte er ein flaues Gefühl im Magen. Hinter ihm tobten in der Oberhofer Rennsteig-Arena die Fans, "und ich wusste, dass die Hälfte der Zuschauer erst noch beim Bratwurstessen ist". Es würde also noch lauter werden, "ich habe gedacht, hoffentlich blamiere ich mich nicht", erzählte der 33-jährige Ruhpoldinger.
  • Helen Ruwald (Handelsblatt)
Ricco Groß

Ricco Groß

OBERHOF. Die Sorge war unberechtigt, Groß wurde seiner Favoritenrolle gerecht und gewann im Sprintrennen über 10 Kilometer die Silbermedaille. Und gestern holte er dann auch noch im Verfolgungsrennen über 12,5 Kilometer Gold. Vor Raphahel Poiree aus Frankreich und Ole-Einar Björndalen. Gegen den Norweger, der in dieser Saison schon fünf Weltcupsiege gefeiert hat, gewinnt Groß ganz besonders gern. "Er wird immer als übermenschlicher, unschlagbarer Athlet dargestellt. Es ist einfach ein schönes Gefühl, vor ihm im Ziel zu sein", verrät er im WM-Magazin "Oho".

Groß beste Platzierung in dieser Saison war ein zweiter Rang beim Weltcup in Osrblie kurz vor Weihnachten. Häufig kam er nicht einmal unter die zehn Besten - bis zu den beiden letzten Weltcupveranstaltungen vor der Weltmeisterschaft. In Ruhpolding wurde er zweimal Vierter, in Antholz dreimal Dritter. Trotz all der großen Erfolge in seiner Karriere bedeuten ihm diese Medaillen besonders viel, sagte Groß. "Die letzte gewonnene Medaille ist die schönste. Und ich habe ja in der ganze Saison noch kein einziges Weltcuprennen gewonnen."

Groß ist Einzelkämpfer im deutschen Team. Er arbeitet mit einem Mentaltrainer zusammen und hat seinen eigenen Techniker, der sich um die Präparierung der Skier kümmert. In der Vergangenheit waren die offiziellen Techniker der deutschen Mannschaft mehrfach in die Kritik geraten, weil die Ski zu langsam waren. Speziell mit Rossignol, der Ski-Marke von Groß, gab es Probleme. Zur WM 2003 nach Sibirien reiste deshalb auf Drängen des Ruhpoldingers ein zusätzlicher Techniker mit, der auf Rossignol spezialisiert war. Die Teamkollegen, die bis auf Michael Greis alle andere Marken fuhren, waren wegen der Sonderrolle von Groß sauer - doch er wurde mit zwei Gold-, einer Silber und einer Bronzemedaille der erfolgreichste Teilnehmer der WM.

Um weiteren Auseinandersetzungen zu diesem Thema aus dem Weg zu gehen, teilt er sich nun einen Techniker mit dem kleinen US-Team und bezahlt ihn teilweise aus der eigenen Tasche. "Ob ich gewinne oder nicht, dafür sind die Techniker in großem Maße mitverantwortlich. Deshalb setze ich hier auf Partner meines Vertrauens", schreibt der Medaillenlieferant des deutschen Teams auf seiner Homepage, die es sogar in russischer Fassung gibt.

Das Wetter in Oberhof verlangt den Technikern aller Mannschaften viel ab - bis zum Samstag war der Schnee nass und tief, ehe über Nacht dann zehn Zentimeter Neuschnee fielen. Doch beim Silberlauf im Sprint waren Groß Ski so schnell, dass es sogar fast zum Titelgewinn gereicht hätte. 9,1 Sekunden langsamer als Poiree war der Staffel-Olympiasieger, nachdem er den Rückstand zwischenzeitlich sogar auf drei Sekunden verringert hatte. Aber beim gefürchteten Anstieg am Birksteig "bin ich explodiert" - was in der Fachsprache keinen Leistungsschub, sondern einen plötzlichen Einbruch beschreibt.

Die Zuschauer an der Strecke und im Stadion brüllten und lärmten mit ihren Kuhglocken und Ratschen so laut, dass Groß echte Probleme bekam. "Es ist Wahnsinn, wenn man sich mit seinem Trainer nur noch mit Handzeichen verständigen kann." Gestern nun hatten sich die Trainer auf die Bedingungen in Oberhof eingestellt. Statt gegen die Masse anzuschreien, hielten sie den vorbeisprintenden Athleten Tafeln entgegen, auf denen sie die Fehler beim Schießen - zu weit rechts oder links - anzeigten. Das half am Sonntag, als sich Groß, der zweimal danebenschoss, von der Konkurrent absetzen konnte.

Die Fans feiern Ricco Groß, auch sein achtjähriger Sohn Marco freut sich natürlich über die Medaillen seines Papas. Allerdings will der Nachwuchs lieber Skispringer oder Nordischer Kombinierer werden, "inzwischen findet er Martin Schmitt natürlich viel cooler als mich", verriet Groß. Das war allerdings vor der WM.

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