„Es wird durchregiert“

Helmut Kohl pflegte vor der heißen Wahlkampf-Phase wochenlang im Wolfgangsee abzutauchen. Jetzt ist die Sommerpause zum Wahlkampfinstrument geworden. Kaum ein Spitzenpolitiker traut an ferne Palmenstrände.
  • Claudia Wöllner

Den Sommer könnte man auch angenehmer verbringen: Urlaub wolle er sich in diesem Jahr keinen gönnen, hatte Gerhard Schröder schon frühzeitig verkündet. Höchstens zehn Tage Pause im neuen Reihenhaus in Hannover sind geplant - im Zoo mit Tochter Klara und auf dem Tennisplatz - dabei aber ständig in Kontakt mit Berlin. "Es wird durchregiert," lautet Schröders Parole für die elf langen Wochen ohne Sitzungen.

Helmut Kohl pflegte vor der heißen Wahlkampf-Phase wochenlang im Wolfgangsee abzutauchen. Jetzt ist die Sommerpause zum Wahlkampfinstrument geworden. Kaum ein Spitzenpolitiker traut sich in diesem Jahr an ferne Palmenstrände. Auch Kanzler-Herausforderer Stoiber tourt zwei Wochen durch Deutschland statt wie gewohnt nach Spanien zu jetten.

70 bis 80 Prozent der Menschen seien schließlich auch in der Ferienzeit zu Hause, begründet SPD-Wahlkampf-Stratege Matthias Machnig Schröders Urlaubs-Sperre. In diesem Jahr trifft das mehr zu als je zuvor: Denn durch Job-Angst, Euro-Frust, Terror-Gefahren verzichtet ein Großteil der Bundesbürger in diesem Jahr auf den sommerlichen Pauschaltrip.

Während die anderen Parteien ihre Spitzenpolitiker deshalb quer durch Deutschland schicken - die FDP im Guidomobil und die PDS mit einem Elbdampfer - verzichtet die SPD demonstrativ auf Werbereisen. Nur gelegentlich wird der Kanzler zwischen dem 20. Juli und Ende August bei Wahlkampfterminen erscheinen. Machnig will klar machen: "Die anderen reisen durch das Land. Wir regieren." Doch in der Strategie steckt auch eine Gefahr: Wenn sie funktioniert, dann dürfte der wiedergewählte Kanzler ziemlich blass aussehen.

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