Kampf um Präsidentenamt Rekordbeteiligung lässt US-Wahlhelfer zittern

Bis zu ein Drittel der US-Wähler sollen bis Montag die Stimme abgegeben haben, um das absehbare Wahlchaos am Dienstag zu entschärfen. Doch der Andrang der Wähler überfordert bereits das sogenannte Early Voting. Eine Wahlreportage - und ein Blick auf all die Dinge, die am 4. November schief laufen können.
Ein Wähler schützt sich in Miami vor der Sonne. Er steht an, um seine Stimme im Rahmen des Early Votings abzugeben. Foto: ap Quelle: ap

Ein Wähler schützt sich in Miami vor der Sonne. Er steht an, um seine Stimme im Rahmen des Early Votings abzugeben. Foto: ap

(Foto: ap)

HAMMOND. Sheriff Sarah Krug hat die Lage voll im Griff: „Eigentlich ist hier heute um vier Uhr Schluss. Aber wir bleiben, bis jeder gewählt hat.“ Im Keller des Gerichtsgebäudes von Hammond im US-Staat Indiana ruft sie jeden einzeln Wähler mit Namen auf, geduldig stellen sich die Leute in Reih und Glied, bevor sie an eine der beiden Wahlmaschinen mit Touchscreen herandürfen.

484 000 Einwohner hat Lake County im Nordwesten von Indiana - und in fünf Wahllokale können die Bürger ihre Stimme vorzeitig abgeben. Kein Wunder, dass sich Warteschlangen bilden. Zum Beispiel in Hammond: auf den Tischen liegen komplizierte Formulare und improvisierte Listen aus, gegen Mittag füllt sich gerade Nummer 15, jede Liste führt 30 Namen auf. Bis zu drei Stunden müssen hier die Wähler warten. Aber alles hat seine Ordnung, die Regeln sind strikt.

Das bekommt der Reporter sofort zu spüren, als er einen Blick auf die Wahlmaschinen werfen will. „Halt. Verlassen Sie sofort den Raum“, maßregelt Krug streng. Sie habe ohnehin schon zu viele Fragen beantwortet - und niemand, der nicht als Wähler registriert ist, darf sich dem eigentlichen Wahlort näher als 50 Feet nähern: „Raus mit Ihnen.“ Bei bis 130 Millionen Wählern blicken die Verantwortlichen mit einer Mischung von Stolz und Angst auf den 4. November. Das Wahlchaos von 2000, als George W. Bush nach wochenlangem Nachzählen in Florida mit stolzen 537 Stimmen gewann und damit Präsident wurde, ist nicht vergessen. Zwar flossen seitdem mehr als drei Milliarden Dollar vor allem in die technische Ausstattung, aber die grundlegenden Probleme blieben: Die lokalen Behörden führen die Wahlen durch und können das Verfahren selbst festlegen.

Ein unglaublicher Flickenteppich ist die Folge. Wird im Lake County mit Wahlautomaten abgestimmt so können es im Nachbarbezirk wieder Wahlzettel auf Papier sein; 20 Meilen weiter jenseits der Bundesstaatengrenze in Illinois ist es wieder ganz anders.

„Wir können Menschen zum Mond bringen, Atom spalten, Gewinne aus einem 99-Cent-Hamburger quetschen und Football-Spiele auf dem Handy anschauen“, konstatiert das Magazin „Time“ verzweifelt, „aber die erfolgreichste Demokratie der Geschichte hat immer noch nicht herausgefunden, wie man eine ordentliche Wahl abhält.“ Als besonderer Schwachpunkt gelten nach wie vor die Wahlautomaten. Nachdem in Florida 2000 vor allem die alten Lochkarten-Maschinen für Auszählungsprobleme gesorgt hatten wurden sie weitgehend ausgemustert und durch Touchscreen-Computer ersetzt. Allerdings zeigten sich diese manipulierbar. Schlimmer noch: Nach einem Computerabsturz waren mitunter keine Daten mehr verfügbar, ein Nachzählen war nicht mehr möglich. Daher wurden diese Rechner ebenfalls ausgemustert und durch solche ersetzt, die bei jeder Stimmabgabe einen Papierbeleg ausdrucken.

Aber auch die neuen Gerät sind anfällig: in Hammond war zum Beispiel einer von zwei Computern kaputt, die Wähler standen bis auf der Straße. Und ausgerechnet in Palm Beach, jenem Bezirk in Florida, der 2000 und 2004 die größten Probleme hatte, ist die Technik noch immer nicht erfolgreich erprobt. Bei einer Richterwahl im August mit Hilfe der neuen Maschinen waren erneut 3 500 verschwunden, der Sieger konnte erst nach drei Nachzählungen einen Monat später verkündet werden.

Als größere Gefahr noch als der Wahlbetrug gilt bei Experten die Unterdrückung der Wahlabgabe. In den Bezirken oder Staaten, wo eine Partei besonders stark ist, so der Verdacht, sorgt die andere Partei (manchmal in Verbund mit den Behörden) mit allerlei Taktiken dafür, dass die Wahlbeteiligung niedrig bleibt. Ein guter Ansatzpunkt dafür ist die obligatorische Registrierung als Wähler und die Identifizierungspflicht an der Urne mit einem Lichtbildausweis. Denn ein Einwohnermeldeamt existiert nicht.

So wurden in Florida in diesem Jahr Gerüchte gestreut, wer bei einer Zwangsversteigerung sein Haus verloren habe, sei nicht mehr ordentlich registriert und könne nicht wählen. In Ohio ging ein Trüppchen von Nonnen auf die Barrikaden, die keinen Führerschein haben, der in den USA weitgehend als Ausweisersatz verwendet wird. Ein Viertel aller Schwarzen, 15 Prozent aller Erwachsenen mit einem Einkommen unter 35 000 Dollar und 18 Prozent aller Senioren hatten zu Beginn dieses Jahres keinen Lichtbildausweis.

Allerdings haben in diesem Jahr vor allem die Demokraten eine gewaltige Kampagne gefahren, um neue Wähler dazu zu motivieren, sich registrieren zu lassen. Rund 1,5 Millionen ehrenamtlicher Helfer waren ausgeströmt, um in allen Bundesstaaten an den Türen zu klopfen. Auch von den Demokraten unabhängige Gruppen wie die Bürgerrechtsvereinigung Acorn hatten sich beteiligt, ihren Leuten allerdings Erfolgsprämien versprochen. Allein in Florida hatten die Acorn-Leute 15 100 Neuwähler herangeschafft. Das hatte jedoch zu heftigen Vorwürfen des Wahlbetrugs geführt, weil zum Beispiel in Florida ein gewisser Mickey Mouse gleich mehrfach in den Wahllisten auftaucht.

Das nahmen lokale Verantwortliche zum Anlass, tausende von Wählern teils willkürlich von den Listen zu streichen. Vorwand sind in der Regel Erfassungsfehler, die im Papierzeitalter kein Problem waren, vom Computer aber nicht toleriert werden. Zum Beispiel der Fall von Joe the Plumber, den John McCains Wahlkampf berühmt gemacht hat. Auf seinem Führerschein steht Samuel Joseph Wurzelbacher, in der Wahlliste jedoch Worzelbacher. Die Gerichte beschäftigen sich in Eilverfahren bereits mit vielen Klagen, zahlreiche Wähler fühlen sich verunsichert.

Dennoch scheint es in diesem Jahr auf eine sehr hohe Wahlbeteiligung hinauszulaufen. Ingesamt sind in diesem Jahr 188 Millionen Wähler registriert, das sind 80 Prozent der Bevölkerung und fast ein Drittel mehr als noch 2004. In den 32 Staaten, in denen eine vorzeitige Stimmabgabe ohne Begründung möglich war, haben bis Sonntag bereits 20 Millionen Wähler ihre Stimme abgegeben. In Georgia, einem eigentlich sicheren republikanischen Bundesstaaten hatten zum Beispiel schon bis Freitag 1,4 Millionen Bürger gewählt, ein Viertel aller Registrierten und doppelt soviel wie bei der letzten Wahl. Bis zu ein Drittel aller Voten, so die Erwartungen, könnten damit in ganz Amerika bereits vor dem eigentlichen Wahltag am Dienstag eingesammelt werden.

Auch in Indiana laufen viele Menschen auf, die zum ersten Mal wählen - selbst wenn die wenigen Early-Voting-Lokale wie in Hammond, nur schwer zu finden sind. Ihre Begeisterung für die Kandidaten Barack Obama oder John McCain treibt sie an die Urnen. Sie haben das Gefühl, an einer historischen Entscheidung zu stehen - und das ihre Stimme wichtig ist.

„Hier im Lake County stimmt die Mehrheit meistens mit den Demokraten, aber den Bundesstaat Indiana haben seit 1964 immer die Republikaner gewonnen“, sagt Betty Quinn. Die superblonde Rentnerin ist eine der Obama-Volunteers, die vor dem Gerichtsgebäude dafür sorgen, dass die Wähler ihren Weg finden. „Aber wenn jeder von uns seine Stimme abgibt, drehen wir Indiana um und machen Obama zum Präsidenten.“

Laut CNN gaben bis Sonntag in 25 Staaten bereits 23 Millionen Wähler ihre Stimme ab. Davon waren rund zwei Drittel als Demokraten, ein Drittel als Republikaner registiert. Die Daten der anderen Staaten waren noch nicht verfügar.

Startseite