Lokalmatador Sven Fischer hofft auf den „Jan-Ullrich-Effekt“ Vier Medaillen im Visier

Die Erwartungshaltung vor Beginn der Biathlon-WM im thüringischen Oberhof ist groß - doch Top-Favoriten sind die deutschen Skijäger nicht. Aus Veranstalter- und Mediensicht dürften die Titelkämpfe Maßstäbe für die kommenden Jahre setzen.

HB OBERHOF. Vier Medaillen sind das Ziel der von den Titelverteidigern Martina Glagow (Mittenwald) und Ricco Groß (Ruhpolding) angeführte Team des Deutschen Ski-Verbandes (DSV). "Angesichts der letzten Weltcup-Ergebnisse sind je ein Podestplatz für die Staffeln sowie bei einem Einzelrennen der Damen und Herren realistisch, aber nicht einfach - wenn man berücksichtigt, dass sich die WM-Gastgeber in den vergangenen Jahren stets schwer taten", erklärte Norbert Baier, der technische Leiter Biathlon im DSV und Wettkampfleiter der am kommenden Freitag beginnenden WM.

"Erschwerend kommt noch hinzu, dass wir bei weichem Schnee und Plusgraden häufig Probleme haben", fügte Baier mit Blick auf die derzeitigen Witterungsbedingungen im Thüringer Wald an. Allerdings hat er gemeinsam mit Cheforganisator Wolfgang Filbrich bereits Entwarnung für die Rekord-Weltmeisterschaft gegeben. "Ich sehe keine Gefahr für die WM. Unsere Schneereserven reichen. Und am Samstag soll es ja wieder schneien", betonte Filbrich. Mehr als 100 Helfer sind seit vergangenem Sonntag dabei, die Strecken zu sichern. In den Schnee wurden Gräben gezogen, damit Schmelzwasser abfließen kann. Die Loipen sind für den Trainingsbetrieb gesperrt.

Rund 250 000 Zuschauer werden die zehn Entscheidungen bis zum 15. Februar in der neuen Rennsteig-Arena live erleben. Das Fernsehen rechnet - auch wegen der Startzeiten am Nachmittag - mit Rekord- Einschaltquoten. Fast 450 Medien-Vertreter wollen weltweit vom größten Sportereignis in Thüringen seit der Wiedervereinigung berichten. "Ich gehe davon aus, dass in Oberhof Maßstäbe für die kommenden Jahre gesetzt werden", sagte Anders Besseberg, der norwegische Präsident der Internationalen Biathlon-Union (IBU).

Die deutschen Skijäger haben sich auf die großen Erwartungen eingestellt. "Die Atmosphäre in Oberhof ist gigantisch. Wenn dich die Zuschauer rund um die Strecke anfeuern, läuft dir eine Gänsehaut über den Rücken. Ich mag die Strecken am Grenzadler, weil sie schön schwer sind. Allerdings ist es auch nicht einfach mit den Reaktionen des Publikums beim Schießen zurecht zu kommen", meinte Uschi Disl (Moosham). Auf dem Kamm des Thüringer Waldes erlebt sie schon ihre 14. WM. Dabei gewann die in Tux im Zillertal lebende bayerische Ausnahmekönnerin zwölf Medaillen.

Sogar seit 1989 bei allen Weltmeisterschaften dabei war der 36 Jahre alte Routinier Frank Luck (Oberhof). Derzeit ist völlig offen, ob der zuletzt formschwache und in Ridnaun durch eine Halsentzündung erneut zurückgeworfene Rekordweltmeister (10 Titel) bei seiner definitiv letzten WM überhaupt zum Einsatz kommt. "Den Tatsachen muss man ins Auge sehen. Dann bin ich so ehrlich zu sagen, dass es keinen Sinn macht. Es wäre aber schon ein komisches Gefühl, denn ich war noch nie in einer solchen Situation", bekannte er.

Vermutlich in allen fünf Rennen aufgeboten wird dagegen Ricco Groß. Der aus Sachsen stammende Ruhpoldinger zeigte sich zuletzt in stabiler Form, stürmte in Antholz drei Mal hintereinander auf den dritten Platz. "Da ist für Oberhof nach vorn noch etwas Luft", scherzte Groß, der bei der vorjährigen WM im sibirischen Chanty Mansijsk mit zwei Mal Gold sowie je einem zweiten und dritten Platz erfolgreichster Teilnehmer war.

"Ein Vorteil ist es, dass die Fans sicherlich voll hinter uns stehen werden. Andererseits lastet aber auch ein extremer Erwartungsdruck auf unserer Mannschaft - am meisten auf meinen Thüringer Kollegen", meinte Groß. "Mein Ziel ist es, möglichst gute Rennen zu laufen."

Lokalmatador Sven Fischer hofft auf den "Jan-Ullrich-Effekt". Auch bei dem Rad-Star habe die Geburt des ersten Kindes unmittelbar vor der Tour de France im vergangenen Jahr zusätzliche Kräfte frei gesetzt. Fischer wartet jeden Tag darauf, dass Freundin Doreen ihr erstes Kind zur Welt bringt. "Hoffentlich nicht beim Sprint zwischen dem Liegend- und Stehendschießen", flachste er.

Fischer ist neben Uschi Disl und Frank Luck der einzige im deutschen Aufgebot, der bereits einen Weltcup in Oberhof gewinnen konnte. "Ich freue mich auf die Rennen, egal, wie es letztendlich läuft. Eines ist aber auch klar: Die lautstarken Zuschauer sind nicht schuld, wenn jemand Fehler schießt. Die machen die Sportler immer selbst", forderte er die Fans auf, Stimmung zu machen.

Top-Favoriten für die 40. WM - die sechste in Deutschland - sind die Gastgeber aber nicht. Bei den Damen waren in dieser Saison Weltcup-Spitzenreiterin Liv Grete Poiree (Norwegen), die Französin Sandrine Bailly sowie das starke russische Team am erfolgreichsten. Bei den Herren werden der Franzose Raphael Poiree, die Russen und Norweger am höchsten gewettet. Die "Norges" wollen eine "schwarze Serie" beenden: Seit der WM 1967 in Altenberg konnten sie bei den drei Weltmeisterschaften in Deutschland keinen Titelgewinn feiern.

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