NAVIGATOR Casting statt Kandidatenauswahl

Das Fernsehen dominiert die Wahrnehmung von Politik und Politikern in einem Maß wie nie zuvor.
  • Michael H. Spreng (Medienberater)

Dies ist eine zentrale Erkenntnis zum Ende des Wahljahres 2002: Was nicht im Fernsehen gezeigt oder gesagt wurde, ist nicht passiert. Verstärkt wurde diese Tendenz sicher durch die beiden TV-Duelle - ein Novum in der Geschichte deutscher Wahlkämpfe. Besonders deutlich wurde die fast totale TV-Dominanz während der Flut im August: Gerhard Schröder, bis dahin als Tut-Nix-Kanzler gebrandmarkt, wurde in den Augen der Wählermehrheit dank täglicher TV-Präsenz wieder zum handlungsfähigen und führungsstarken Kanzler. Die CDU/CSU ging mit ihren Themen Arbeitsmarkt und Wirtschaftswachstum in der Flut unter. Und der Spaßwahlkampf der FDP brach endgültig zusammen, als Parteichef Westerwelle sein zentrales Flut-Interview mit blau-gelbem Pulli im Guidomobil neben der 18-%-Lampe gab.

Kein Wunder, wenn künftig in allen Parteien immer mehr auf die Fernsehtauglichkeit ihrer Spitzenpolitiker geachtet wird als auf ihre inhaltliche Substanz. TV-Casting statt Delegiertenwahl - ist das die Zukunft? In den USA wird diese Horrorvision im nächsten Präsidentschaftswahlkampf schon Wirklichkeit: Das größte Cable-Network will nach dem Muster des deutschen Popstar-Wettbewerbs in 1000 Vorausscheidungen den dritten Präsidentschaftskandidaten küren, der dann auch tatsächlich antreten soll.

Startseite
Serviceangebote