Ordnungspolitik im Handelsblatt Bitte bedienen Sie sich!

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In den USA sind TV-Sender, Flugunternehmen und Telekommunikationsfirmen vor ausländischen Übernahmen geschützt, wenn die Regierung dies für notwendig erachtet, wie die Deutsche Post und die Telekom bitter erfahren haben. Angriffe auf den militärisch-industriellen Komplex sind ohnehin undenkbar. In Großbritannien führen informelle Abendessen mit dem Premier dazu, dass Angriffe auf die für London überlebensnotwendige Finanzindustrie abgewehrt werden, wenn schon nicht das Zusammenspiel der City, Medien und Unternehmen dies verhindern. In Frankreich ist es das Netzwerk der sich gegenseitig durchdringenden Machtelite von Staat und Wirtschaft, das feindliche Attacken abfedert. Japan denkt nicht daran, seine Wirtschaft zu öffnen. In den neuen Wirtschaftsmächten wie China, Korea oder Russland determiniert das wie auch immer verstandene nationale Interesse, was läuft.

Allein Deutschland hat in vorauseilendem Gehorsam die Übernahmerichtlinie der EU faktisch vorweggenommen und setzt seine führenden industriellen Holdings der Übernahme und Zerschlagung aus. Bedroht wird dabei eine besondere Führungsstruktur: Siemens, Bosch, Thyssen-Krupp, Daimler, BASF und Co. haben eine Kultur entwickelt, die in den Tochterfirmen Innovationen erzeugt und quer über die Konzerne verbreitet. Ihnen ist die führende globale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu verdanken. Der aktuelle Fall Hoechst zeigt: Wird diesen wirtschaftlichen Organismen der Kopf abgeschlagen und die kulturelle Verwurzelung zerstört, dann werden sie zu Übernahmekandidaten kleinerer Konkurrenten und reduzieren sich Innovation und Wettbewerbsfähigkeit.

Raubritterklauseln in den Verträgen, die voreilig nach angelsächsischen Vorbildern durchgedrückt wurden, beschleunigen dies: Stock-Options für Vorstände machen diese zu Multimillionären, wenn der Kurs im Zuge einer Übernahmeschlacht vorübergehend steigt. "Change of Control"-Regeln versprechen Managern Riesenabfindungen bei Übernahmen und bewirken so, dass die Führer dafür belohnt werden, wenn sie zum Gegner des eigenen Unternehmens mutieren.

Eine Antwort auf diese Fehlentwicklung steht aus. Die betriebswirtschaftlichen Stärken deutscher Unternehmen werden in den angelsächsischen Textbooks nicht analysiert. Dies trägt mit zu einer niedrigen Börsenbewertung bei. Die deutsche Wirtschaftspolitik, wie sie von den Kathedern gelehrt, im Bundestag nachgebetet und von der Bundesregierung exekutiert wird, stellt sich der elementaren Frage nicht, wie in einer globalisierten Wirtschaft der Wettbewerb im Sinne der ökonomischen Klassiker geschützt werden kann, ohne in einen naiven Staatsinterventionismus à la Holzmann zu verfallen. Der deutsche Tisch wird für die Raubtierkapitalisten und ihre Gier nach kurzfristigen Kurssteigerungen gedeckt. Die revolutionären Erkenntnisse von Ricardo, Hayek und Eucken sind zu einem sinnentleerten Mantra verkommen, das Interventionismus verteufelt, nationale Interessenswahrnehmung verdammt und Industriepolitik ablehnt.

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