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Newbury ist ein nettes Städtchen 100 km östlich von London mit 30 000 Einwohnern, guten Fazilitäten für Cricket und Fuchsjagd und einer Pferderennbahn. Letztere ist ein Standortvorteil für den globalen Wettbewerb. Sir Chris Gent, Ex-Vodafone-Chef und Sieger über Mannesmann, hat dort einen Galopper stehen. Viel mehr spricht nicht für die Überlegenheit des Standorts Newbury, verglichen mit dem früheren Mannesmann-Standort Düsseldorf.
  • Roland Tichy (Chefredakteur des Wirtschaftsmagazins Euro)

Wenn jetzt, im Mannesmann - Prozess gegen den früheren Vorstandschef Klaus Esser, die Details der vier Jahre zurückliegenden Übernahmeschlacht noch einmal verhandelt werden, finden sich auch keine weiteren Gründe, warum diese Übernahme der größeren, technologisch überlegenen Mannesmann AG durch Vodafone volkswirtschaftlich irgendwie sinnvoll gewesen sein soll: Für nur 7 000 Mitarbeiter der kleinen Mobilfunksparte wurde ein Konzern mit 130 000 Mitarbeitern und weltweit führenden Technologien bei Stahl, Maschinenbau, Automotive und Hydraulik zerschlagen, Aktionärskapital in dreistelliger Milliardenhöhe vernichtet und der Wettbewerb im Mobilfunksektor europaweit geschwächt.

Der beklagte Klaus Esser ist so ziemlich der Einzige, der diesen Vorgang als "für das Ansehen von Deutschland und für das Ansehen der deutschen Unternehmen ... als großen Erfolg" feiert und meint, der deutsche Kapitalmarkt gelte plötzlich als international offen.

Ist Deutschland vielmehr nicht zu offen für Übernahmen - diese Frage wird bei Wella ebenso gestellt wie in den letzten Labors der Aventis, sie wird bei der Deutschen Bank gestellt, und sie wird in den kommenden Monaten sehr laut diskutiert werden, wenn große und mittelgroße deutsche Firmen von meist angelsächsischen Kapitalgesellschaften erst geschluckt und dann zerschlagen werden.

Der große klassische Nationalökonom David Ricardo (1772 - 1823) hat erstmals erkannt, dass es einem Land wirtschaftlich immer dann besser geht, wenn es sich auf jenen Bereich konzentriert, in dem es im Vergleich mit einem anderen einen Vorteil hat. Friedrich August von Hayek verdanken wir die Erkenntnis, dass der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren zu immer vorteilhafteren Lösungen führt. Walter Eucken hat herausgearbeitet, wie institutionelle Regelungen den Wettbewerb fördern. Alle gehen davon aus, dass die Unternehmen auf dem Boden von Nationalstaaten wurzeln. Eine Wettbewerbstheorie für globale Märkte fehlt. Viele Indizien wie im Falle Mannesmann sprechen dafür, dass die derzeitige Übernahmewelle den Wettbewerb nicht fördert und damit auch Wohlstand nicht mehrt, sondern Innovationsmotoren zerstört.

In den USA sind TV-Sender, Flugunternehmen und Telekommunikationsfirmen vor ausländischen Übernahmen geschützt, wenn die Regierung dies für notwendig erachtet, wie die Deutsche Post und die Telekom bitter erfahren haben. Angriffe auf den militärisch-industriellen Komplex sind ohnehin undenkbar. In Großbritannien führen informelle Abendessen mit dem Premier dazu, dass Angriffe auf die für London überlebensnotwendige Finanzindustrie abgewehrt werden, wenn schon nicht das Zusammenspiel der City, Medien und Unternehmen dies verhindern. In Frankreich ist es das Netzwerk der sich gegenseitig durchdringenden Machtelite von Staat und Wirtschaft, das feindliche Attacken abfedert. Japan denkt nicht daran, seine Wirtschaft zu öffnen. In den neuen Wirtschaftsmächten wie China, Korea oder Russland determiniert das wie auch immer verstandene nationale Interesse, was läuft.

Allein Deutschland hat in vorauseilendem Gehorsam die Übernahmerichtlinie der EU faktisch vorweggenommen und setzt seine führenden industriellen Holdings der Übernahme und Zerschlagung aus. Bedroht wird dabei eine besondere Führungsstruktur: Siemens, Bosch, Thyssen-Krupp, Daimler, BASF und Co. haben eine Kultur entwickelt, die in den Tochterfirmen Innovationen erzeugt und quer über die Konzerne verbreitet. Ihnen ist die führende globale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu verdanken. Der aktuelle Fall Hoechst zeigt: Wird diesen wirtschaftlichen Organismen der Kopf abgeschlagen und die kulturelle Verwurzelung zerstört, dann werden sie zu Übernahmekandidaten kleinerer Konkurrenten und reduzieren sich Innovation und Wettbewerbsfähigkeit.

Raubritterklauseln in den Verträgen, die voreilig nach angelsächsischen Vorbildern durchgedrückt wurden, beschleunigen dies: Stock-Options für Vorstände machen diese zu Multimillionären, wenn der Kurs im Zuge einer Übernahmeschlacht vorübergehend steigt. "Change of Control"-Regeln versprechen Managern Riesenabfindungen bei Übernahmen und bewirken so, dass die Führer dafür belohnt werden, wenn sie zum Gegner des eigenen Unternehmens mutieren.

Eine Antwort auf diese Fehlentwicklung steht aus. Die betriebswirtschaftlichen Stärken deutscher Unternehmen werden in den angelsächsischen Textbooks nicht analysiert. Dies trägt mit zu einer niedrigen Börsenbewertung bei. Die deutsche Wirtschaftspolitik, wie sie von den Kathedern gelehrt, im Bundestag nachgebetet und von der Bundesregierung exekutiert wird, stellt sich der elementaren Frage nicht, wie in einer globalisierten Wirtschaft der Wettbewerb im Sinne der ökonomischen Klassiker geschützt werden kann, ohne in einen naiven Staatsinterventionismus à la Holzmann zu verfallen. Der deutsche Tisch wird für die Raubtierkapitalisten und ihre Gier nach kurzfristigen Kurssteigerungen gedeckt. Die revolutionären Erkenntnisse von Ricardo, Hayek und Eucken sind zu einem sinnentleerten Mantra verkommen, das Interventionismus verteufelt, nationale Interessenswahrnehmung verdammt und Industriepolitik ablehnt.

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