Putzen macht depressiv Mit Perlen sprechen

Es liegt in der Natur: Echte Perlen sind rar. Und wenn man eine gefunden hat, wie stellt man sie dann an? Vor allem: Wie stellt Mann sich dabei an?
  • Inge Hufschlag (Handelsblatt)

Als ob wir das nicht schon vorher gewusst hätten: Putzen macht depressiv. Jetzt ist es auch wissenschaftlich erwiesen. Mehr noch: Professor Nanette Mutiert von der University of Glasgow stellt in ihrer Studie über Hausarbeit fest: "Je mehr anfällt, desto schlimmer die Auswirkung auf das Gemüt."

Depressionen kann man nicht einfach wegwischen. Wer depressiv ist, braucht Hilfe. In diesem konkreten Fall eine Putzhilfe. Doch die ist meist schwieriger zu finden als ein Therapeut, und in guten Gegenden sollen sich die Stundensätze der beiden Dienstleister schon dramatisch aufeinander zubewegen.

Schon deshalb verkörpert die Putzfrau einen Berufsstand, vor dem selbst Top-Manager in die Knie gehen. Denn gerade Männer wissen den Wert einer Perle zu schätzen und behandeln sie wie ein Schmuckstück. Die Kerle sind einfach dankbar, wenn man ihnen den Dreck wegmacht - ohne viel Theater. Das gilt für Singles und auch für Ehemänner. Letztere denken pragmatisch und registrieren, dass mit dem Schmutz aus der Wohnung auch der Druck aus einer Beziehung arbeitsüberlasteter Paare verschwindet. Die Wiener Sozialwissenschaftlerin Edit Schlaffer fand heraus, dass Doppelverdiener, die sich eine Putzhilfe leisten, einen stressfreieren Umgang miteinander haben.

Hemmungen gegenüber Hilfskräften im eigenen Haus haben dagegen Frauen in Führungspositionen. Inmitten der Männerwelt verhandeln sie hart, sie haben gelernt, Leute anzuheuern, zu befehligen und - wenn?s sein muss - auch zu feuern. Doch irgendwie fürchten sie sich davor, Juanita aus Guadalajara, Elena aus Sologubowska, Nkechi aus Lagos oder Minh Khai aus Da Nang mit Kritik zu kränken oder gar zu vergraulen.

Dabei stehen Frauen oft ihre antiautoritär-liberale Erziehung oder falsch verstandene Frauensolidarität gegenüber der Multikulti- Schwester im Weg. Vielleicht brauchen manche ja auch gar keine Putzhilfe, sondern einfach jemanden zum Quatschen. Vorsicht! Das könnte Irina leicht ausnutzen.

Dagegen gibt es jetzt einen längst überfälligen Ratgeber. Die Journalistin Christine Demmer und die Diplompsychologin Heide H. Huck haben saubere Arbeit geleistet mit ihrem Werk "Wie sag ich?s meiner Putzfrau?"

Hilfreich ist auch der praktische Anhang: ein Wörterbuch mit einem Grundwortschatz in sieben Sprachen. Da geht es um konkrete Anweisungen zu Problembereichen wie "Wischen ohne Wagnis" und "Schrubben ohne Scherben". Der Wortschatz reicht von "diese Woche/nächste Woche" bis "Für das Ceranfeld auf dem Herd nur dieses Mittel nehmen" oder "Den Stecker nicht an der Schnur aus der Wand ziehen".

Das muss man wissen, denn: Nur sprechenden Menschen kann geholfen werden. Sonst landet womöglich die Milch im Tetrapack in der Mikrowelle und der Parkettboden krümmt sich unterm zu nassen Feudel. Solcherlei Erfahrungen sammelten die Autorinnen schon beim Schreiben, als eine von ihnen mit knurrendem Magen am Computer saß. Perle Nadja servierte ihr ein mit einer wohlriechenden, aber undefinierbaren Hackfleischmasse gekröntes Gericht. Hundefutter! Dafür hatte Nadja eine entwaffnende Entschuldigung: "Warum Futter für Hund stehen da, wo Essen für Sie?"

Das Bändchen kommt nicht nur pünktlich zum anstehenden Frühjahrsputz, sondern hat in Bundesminister Eichel quasi noch einen unfreiwilligen Promoter gefunden. Dessen linkischer Versuch, bei minimalen Beschäftigungsverhältnissen in privaten Haushalten mit abzustauben, ist ja glücklicherweise vom Tisch. Was nicht heißt, dass ein Mustervertrag für saubere Arbeitsverhältnisse nicht hilfreich wäre, ebenso wie Antworten auf Fragen zum Unfallschutz oder zur Haftpflicht.

Das Schöne an Ratgebern ist - egal, ob Frauen nun zu sehr lieben oder zu selten putzen -, dass man die eigenen Probleme endlich mal behandelt sieht. Es gibt also noch andere, denen es grundsätzlich unangenehm ist, eine Putzfrau zu beschäftigen und ihr Anweisungen zu erteilen. Der überlieferte Seufzer: "Ich muss noch schnell sauber machen, meine Putzfrau kommt", ist kein Witz, sondern Wahrheit. Svetlana könnte ja denken, man sei eine Schlampe.

Die Autorinnen warnen denn auch vor allzu großen Vertraulichkeiten und übertriebenem Entgegenkommen. Besonders zu Beginn des Arbeitsverhältnisses: "Mit einem einzigen gut gemeinten Tässchen Tee schwächen Sie ihre Position auf lange Sicht ganz gravierend."

Auch durch zu viel Nachgiebigkeit. Wie Anna, die seit Jahren getreu der Empfehlung der Stiftung Warentest die preiswerten No- Name-Bio-Reiniger unterm Waschbecken bunkert. Neuerdings schafft sie gehorsam Meister Propper herbei. Dessen im türkischen Werbefernsehen ausgestrahlte Muskelpakete haben Aische offensichtlich so fasziniert, dass sie jetzt überzeugt ist, nur mit dem käme alles ins Reine. Ihre Kollegin Giordana verlangte türkisblaue Markenschrubber, bevor sie das erste Mal kam. Die teuren Dinger kamen ins Haus - Giordana aber kam nie mehr.

Und wenn man sich partout keine Putzhilfe leisten kann oder will? Dann lässt sich der Ratgeber des Duos Demmer/Huck auch anders anwenden. Die Empfehlung "Formulieren Sie klar, verständlich, sachorientiert. Drücken Sie sich möglichst einfach aus, bilden Sie kurze Sätze, und lächeln Sie während des Tadels nicht verschämt" fruchtet prima auch bei haushaltsmuffeligen Männern, wenn?s mal wieder um das nach Sex und Geld drittwichtigste Beziehungsthema geht. Weder mit Neo-Neandertalern noch mit Mathematikprofessoren, die vorm Zusammenziehen hoch und heilig versprochen haben, treu und brav die Hälfte der Hausarbeit zu übernehmen, kann Frau darüber diskutieren, was denn nun im Haushalt die Hälfte vom Ganzen ist.

Es soll schon Fälle gegeben haben, in denen der gestresste Partner entnervt das Küchenhandtuch geschmissen und das Weite gesucht hat. Allein können Sie sich die teure Wohnung nicht mehr leisten? Na, dann gehen Sie doch putzen! Sie wissen ja jetzt, wie?s geht.

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