Schwedische Akademie der Wissenschaften vergibt Auszeichnung an Österreicherin Elfriede Jelinek erhält Literatur-Nobelpreis

Literatur-Nobelpreisträger 2004 ist die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek. Sie fühle sich geehrt, könne wegen psychischer Probleme aber nicht zur Verleihung nach Stockholm reisen, sagte sie.
Elfriede Jelinek hat den Nobelpreis für Literatur bekommen. Foto: dpa

Elfriede Jelinek hat den Nobelpreis für Literatur bekommen. Foto: dpa

HB STOCKHOLM. Jelinek habe den Preis erhalten "für den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen", hieß es am Donnerstag zur Begründung aus Stockholm. Vergeben wird der Preis von der Schwedischen Akademie der Schönen Künste.

Elfriede Jelinek hat die Bekanntgabe als "überraschende und große Ehre" bezeichnet. Im schwedischen Rundfunk sagte sie, sie werde zur Verleihung am 10. Dezember wegen psychischer Probleme nicht nach Stockholm kommen. "Ich kann mich im Moment Menschen nicht aussetzen." Die Autorin meinte weiter, sie betrachte den Nobelpreis nicht "als Blume im Knopfloch für Österreich".

Völlig unvorbereitet traf die Nachricht auch den Berlin Verlag, bei dem bisher drei Bücher der Österreicherin erschienen sind. "Das ist eine fantastische Entscheidung und eine Riesenüberraschung", sagte Jelineks Lektor Delf Schmidt auf der Frankfurter Buchmesse. "Ich bin sicher, dass sie von der Nachricht genauso überwältigt ist wie ich." Schmidt wechselte im Oktober 2000 zusammen mit Jelinek vom Rowohlt Verlag zum Berlin Verlag. Verlagssprecher Carsten Sommerfeld sagte: "Da hat man sich für eine Autorin entschieden, die sich vom Literaturbetrieb nicht hat vereinnahmen lassen. Sie ist auf jeden Fall ein Mensch mit einer eindeutigen Haltung."

Rowohlt-Verleger Alexander Fest sagte: "Sie hat es verdient." Die Österreicherin sei eine Schriftstellerin "von einer unerhörten Eigenart mit großem Mut und großer Schonungslosigkeit gegenüber ihren Themen und sich selbst". Jelinek sei ein sehr politischer Mensch. Er habe versucht, Jelinek in Wien zu erreichen, das Telefon sei jedoch die ganze Zeit besetzt gewesen.

Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hat sich "außerordentlich erfreut" über den Literatur-Nobelpreis für Elfriede Jelinek gezeigt. Er bezeichnete sie als "äußerst extreme und radikale" Schriftstellerin. "Meine Bewunderung für ihr Werk hält sich in Grenzen. Meine Sympathie für ihren Mut, ihre Radikalität, ihre Entschlossenheit und ihre Wut ist enorm", sagte er in Frankfurt.

Als ihr Hauptwerk hatte Jelinek den Anfang 1995 vollendeten Roman "Die Kinder der Toten" bezeichnet, den sie selbst als "eine Gespenstergeschichte zur österreichischen Identität" umschrieben hatte. Der "Rheinische Merkur" bescheinigte dem Buch damals: "Was hier an Wortwitz und feiner Beobachtung aus den Sargdeckeln hervorkullert, ist so pechschwarz, entlarvend böse und treffsicher geschrieben, wie man es lange nicht mehr zu lesen bekam."

Die 57-Jährige ist die erste deutschsprachige Trägerin des Literatur-Nobelpreises nach der Lyrikerin Nelly Sachs 1966. Seit der ersten Vergabe 1901 haben insgesamt 10 Frauen und 89 Männer die wichtigste literarische Auszeichnung der Welt erhalten.

Im vergangenen Jahr hatte J.M. Coetzee aus Südafrika den Nobelpreis erhalten. Letzter deutscher Preisträger war 1999 Günter Grass. Die diesjährigen Nobelpreise sind mit jeweils umgerechnet 1,1 Millionen Euro dotiert.

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