So seh ich es Wir brauchen moderne Gewerkschaften

Bei der Bekämpfung der hohen Arbeitslosigkeit waren die Ergebnisse der Tarifverhandlungen lange Zeit äußerst kontraproduktiv. Doch relativ unbemerkt hat sich hier nun seit einiger Zeit etliches verändert. Tarifpolitik heißt heute, die Leistungen der Arbeitnehmer zu würdigen und gleichzeitig die Arbeitsplätze sicher zu machen.
  • Lothar Späth

In den letzten Jahren mussten sich die Gewerkschaften einiges an Kritik gefallen lassen. Etwa die vielen Unmutsäußerungen über die allzu starren Flächentarifverträge. Oder über die zu hohen Lohnabschlüsse. Gerade diese erzeugten ja den enormen Rationalisierungsdruck und hatten auf diese Weise einen nicht zu unterschätzenden Anteil am steten Arbeitsplatzabbau. Die Unternehmen mussten auf die überhöhten Lohnstückkosten mit einer Steigerung des Rationalisierungstempos reagieren. So wurden immer mehr Maschinen genau dort eingesetzt, wo vorher noch Menschen mit moderateren Löhnen ihr Auskommen fanden. Und es erhöhte sich der Anreiz, Teile der Fertigung in Länder zu verlegen, in denen für vergleichbare Leistungen deutlich geringere Löhne gezahlt werden mussten.

Bei der Bekämpfung der hohen Arbeitslosigkeit waren die Ergebnisse der Tarifverhandlungen also lange Zeit äußerst kontraproduktiv. Das ist ja geradezu die stete Paradoxie in der Vergangenheit gewesen, dass genau die Schwächsten der Schutzbefohlenen unter der verfehlten Strategie der Gewerkschaften zu leiden hatten.

Doch relativ unbemerkt hat sich hier nun seit einiger Zeit etliches verändert. Man sollte deshalb auch so fair sein und die Kritik an den Gewerkschaften anhand der realen tarifpolitischen Entwicklungen der letzten zwei Jahre überprüfen. Bei näherem Hinschauen ist nämlich nicht zu leugnen, dass sich - entgegen den weit verbreiteten Vorwürfen - die Gewerkschaften durchaus beweglicher verhalten haben, als dies ihr Ruf eigentlich belegt.

Zwar ist es nur zu verständlich, dass die Bundesregierung aus Anlass des einjährigen Jubiläums der großen Koalition die Senkung der Arbeitslosenquote unter die Zehn-Prozent-Marke gerne als ihren alleinigen Erfolg beanspruchen möchte. Doch es wäre nicht nur fair, sondern auch klug, den Beitrag der Gewerkschaften daran ebenso zu würdigen und die Verantwortlichen und Betroffenen auch weiterhin zu ermutigen, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. Schließlich besteht ein direkter Zusammenhang zwischen dem Rückgang der Arbeitslosigkeit und den Lohnzurückhaltungen der letzten Jahre.

Beispielsweise sind angesichts der relativ geringen Lohnsteigerungen und der gleichzeitig gestiegenen Produktivität die Lohnstückkosten bei Deutschlands Automobilzulieferern seit dem Jahr 2000 um fast zehn Prozent gesunken. Damit gewinnt der Standort Deutschland gegenüber Osteuropa wieder ein Stück an Wettbewerbsfähigkeit.

Sicherlich, dort sind die Löhne auf lange Zeit immer noch deutlich niedriger. Doch etwa in Tschechien und der Slowakei steigen sie bereits deutlich an. Zudem ist der Krankenstand dort spürbar höher. Und die Suche nach geeigneten Arbeitskräften gestaltet sich zunehmend schwieriger. Insgesamt basiert die gute konjunkturelle Entwicklung im laufenden Jahr also nicht zuletzt auf der lobenswerten Lohnzurückhaltung. Als Folge davon waren bereits im August dieses Jahres 258 000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze mehr zu verzeichnen als im selben Monat des Vorjahres.

Doch es ist nicht nur die reine Lohnzurückhaltung der Gewerkschaften, die hier zu nennen ist. Auch die neue Flexibilität der Gewerkschaften ist in diesem Zusammenhang zu loben. Die Flächentarifverträge wurden stärker aufgebrochen, indem es Betrieben leichter möglich gemacht wird, im Bedarfsfall eigene Sondertarife auszuhandeln. Die Forderung nach einer stärkeren Öffnung, die die individuelle Lage eines Betriebs berücksichtigt, ist nicht neu. Doch jetzt haben die Gewerkschaften erstmals gezeigt, dass sie nicht mehr um jeden Preis nach zentralen Lösungen suchen, sondern sich im Einzelfall durchaus auch pragmatisch zeigen.

Ebenfalls ökonomisch vernünftig ist der verstärkte Einsatz von Einmalzahlungen, Gewinnbeteiligungen und Sonderzahlungen. So wurde beispielsweise in den Tarifverhandlungen der Stahlindustrie mit Hilfe von Einmalzahlungen der Tatsache Rechnung getragen, dass sich die Branche momentan einer außerordentlich guten Konjunktur erfreut. Es gibt allerdings keinen Grund zu der Annahme, dass diese Situation ewig anhält. Mit einer Einmalzahlung können die Arbeitnehmer so von der guten Auftragslage der Branche profitieren, ohne dass daraus Standards abgeleitet werden, die in schlechteren Zeiten nicht mehr rückgängig zu machen sind.

Noch direkter wurde der Unternehmenserfolg mit dem Lohn der Arbeitnehmer verknüpft, indem man sich auf Gewinnbeteiligungsprämien statt ausschließlich auf Lohnerhöhungen einigte. Dies ist etwa im Bankgewerbe geschehen, wo immerhin das 13. Monatsgehalt in schlechten Zeiten um zehn Prozent gekürzt wurde, dafür aber in guten Zeiten bis zu 20 Prozent aufgestockt werden kann.

Das alles sind richtige und Erfolg versprechende Ansätze für eine moderne Gewerkschaftspolitik. Sie würdigen die Leistungen der Arbeitnehmer und erhöhen gleichzeitig die Möglichkeiten der Arbeitgeber zur Beschäftigung.

Doch Vorsicht bleibt geboten. Gerade vor dem Hintergrund der Ängste vieler Verbraucher vor Preissteigerungen, die etwa durch die anstehende Mehrwertsteuererhöhung geschürt werden, besteht die Gefahr, dass die Gewerkschaften nach Jahren der Zurückhaltung fordern, die Arbeitnehmer nun wieder am Aufschwung stärker finanziell zu beteiligen.

Das aber wäre schon wieder das Ende des augenblicklichen Abbaus der Arbeitslosigkeit. Um sie wirksam zu bekämpfen, brauchen wir moderne Gewerkschaften, die jetzt in den eigenen Reihen für die von ihr praktizierte Strategie werben. Sie dürfen nicht angesichts der guten Konjunkturdaten in Verhaltensreflexe von gestern zurückfallen.

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