Strafverfahren lädieren die Karriere Chef sein wird zum unkalkulierbaren Risiko

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Warum verfolgen die Staatsanwaltschaften Wirtschaftsbosse? Ein Grund: Sie haben heute größeren wirtschaftlichen Sachverstand als noch vor zwanzig Jahren. "Wer weiß, dass eine Rückstellung fehlerhaft sein kann, weiß auch, dass eine Bilanz dann falsch ist", sagt ein Wirtschaftsrechtler. Inzwischen seien die Staatsanwälte hoch sensibilisiert für die strafrechtliche Relevanz wirtschaftlicher Vorgänge. Strafrechtsprofessor Klaus Volk aus München ergänzt: "Heute muss man aufpassen, dass die Großen nicht deshalb gehängt werden, weil sie die Großen sind."

Insider berichten, dass Manager inzwischen Straftaten zugeben, die sie gar nicht begangen haben - damit das Unternehmen keinen Imageschaden erleidet, wenn der Fall vors Strafgericht und damit in die Öffentlichkeit gezerrt wird. Das persönliche Interesse der Betroffenen daran ist hoch. Schließlich ist auch ihre Karriere nach einem Strafprozess lädiert. Egal, wie er ausgeht.

Managerhaftpflicht-Experte Michael Hendricks aus Düsseldorf berichtet: "Hat ein Manager schon ein Strafverfahren hinter sich, gilt er für viele Managerhaftpflichtversicherer als unversicherbares, unzumutbares Risiko." Die Folge: Die Versicherungen schließen einzelne Personen nachträglich und sogar mit Rückwirkung aus ihren Policen aus. "Und das ist das Brutale. Der Manager muss dann mit seinem persönlichen Hab und Gut für die hohen Schadenssummen wie bei einer fehlerhaften Kreditvergabe bei der WestLB geradestehen."

Und damit dieser Notausgang auch offen bleibt, steht schon in fast allen Versicherungspolicen, dass strafrechtliche Ermittlungsverfahren der Versicherung sofort angezeigt werden müssen, weiß Spezialist Hendricks.

Es kommt noch ärger, berichten Insider: Auf der zweiten Managementebene - Direktoren oder Betriebsleiter - machen heute schon Unschuldige Schuldeingeständnisse. Damit das höhere Management nicht belastet und in die Sache mit hineingezogen wird. Versprochen werden den Betroffenen im Gegenzug Karrieren und Prämien für ihre Aufopferung.

Das Problem: Manager stolpern heute schneller über Fehler als früher. Egal, ob bei der Produktentwicklung oder im Finanzmanagement - die Grenze zwischen unternehmerischem Risiko und Pflichtverletzung ist rasch überschritten. Der Grund: In Zeiten knapper Kassen sind Gesellschafter wie Aktionäre nicht mehr gewillt, durch Manager verursachte Schäden hinzunehmen.

Die Versicherung: Wurde früher ein Manager nach Fehlern nur gefeuert, wird er heute persönlich zur Kasse gebeten. Deshalb sind in Deutschland seit Mitte der 90er- Jahre Managerhaftpflichtversicherungen stark gefragt. "Seit der Arag-Entscheidung des Bundesgerichtshofs 1997 wissen Manager, dass die Aufsichtsräte verpflichtet sind, mögliche Schadensersatzansprüche gegen den Vorstand nachzugehen - wenn sie nicht selbst für den Schaden zahlen wollen", sagt Managerhaftpflichtversicherungsspezialist Michael Hendricks.

Die Fallen: Die Unternehmen lassen die Positionen versichern und keine Manager. Deshalb kennen die wenigsten ihre Police. Zudem verschlechtern die Versicherer seit kurzem die Bedingungen auch bei laufenden Verträgen. Die Versicherung ist dann, wenn die Staatsanwaltschaft ermittelt und der Betroffene womöglich sogar verurteilt wird, aus dem Schneider. Sie tritt nicht für vorsätzlich verursachte Schäden ein. Für den WestLB-Fall bedeutet das: Die Versicherung ist froh, wenn die Manager verurteilt werden, wenn nicht, kann es passieren, dass sie - je nach Police - zahlen muss. "Denn die zivilrechtliche Seite hat sich mit einem Strafverfahren noch lange nicht erledigt", sagt Hendricks.

JOHANNES RINGEL, scheidender Vorstandschef der WestLB, sowie seine Vorgänger stehen unter dem Verdacht der Untreue wegen des Engagements der Landesbank beim britischen Unternehmen Boxclever. Unter anderem deswegen hatte die Bank einen herben Verlust verbucht. Das Geschäft war 1999 abgesegnet worden. Ringel, Friedel Neuber und Jürgen Sengera saßen damals im Vorstand. Manager des Instituts räumten ein, sie hätten das Finanz-Engagement Box Clever nicht durchschaut.

JOSEF ACKERMANN, dem jetzigen Chef der Deutschen Bank, wird genauso wie fünf weiteren früheren Aufsichtsräten und Managern des Mannesmann-Konzerns von der Staatsanwaltschaft Untreue und Beihilfe vorgeworfen. Sie sollen Prämien und Pensionsabfindungen für ehemalige Mannesmannmanager in Höhe von 110 Mill. DM gutgeheißen haben, obwohl es dafür keine Rechtsgrundlage gegeben habe. Der Prozess soll am 21. Januar in Düsseldorf beginnen.

KLAUS LEDERER, ehemaliger Vorstandschef des Oberhausener Anlagenbauers Babcock und späterer Chef der Kieler Werft HDW, steht genauso wie andere ehemalige Vorstandsmitglieder des insolventen Maschinenbaukonzerns unter dem Verdacht der Untreue und Insolvenzverschleppung. Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft ermittelt, weil sie glaubt, dass der ehemals zum Babcock- Konzern gehörenden HDW illegal Liquidität entzogen worden sei.

ROLF-E. BREUER, Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank, hatte im Mai 2002 ein Interview gegeben, mit dem er die Pleite des Medienunternehmers Leo Kirch letztlich ausgelöst haben soll. Neben einem Zivilprozess löste das Interview auch strafrechtliche Ermittlungen aus. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt will wissen, ob Breuer für das Interview vertrauliche Details aus dem Kreditinformationssystem der Bank benutzt hat.

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