US-Außenministerin sieht keinen Grund zur Panik Rice: US-Wirtschaft ist belastbar

Nachdem es in den vergangenen 25 Jahren nur zwei relativ milde Rezessionen in den USA gegeben hat, darf nunmehr das Schlimmste befürchtet werden. Die Märkte reagieren trotz Not-Zinssenkung der Fed weiter panisch. Umso erstaunlicher erscheint da die Gelassenheit, die US-Außenministerin Condoleezza Rice beim Weltwirtschaftsforum in Davos an den Tag legt.
Condoleezza Rice: 'US-Wirtschaft belastbar und auf lange Sicht gesund.' Foto: Reuters

Condoleezza Rice: 'US-Wirtschaft belastbar und auf lange Sicht gesund.' Foto: Reuters

HB/saf DAVOS. US-Außenministerin Condoleezza Rice hat Bedenken über eine grundsätzliche Schwächung der amerikanischen Wirtschaft zurückgewiesen. "Die amerikanische Wirtschaft ist belastbar, ihre Struktur ist gesund, und ihre langfristig gesehenen wirtschaftlichen Fundamente sind gesund", sagte Rice zur Eröffnung des Weltwirtschaftsforums ins Davos.

"Unsere Wirtschaft wird ein treibender Motor weltweiten Wirtschaftswachstums bleiben." Die USA begrüßten weiterhin ausländische Investitionen und den freien Handel. "Wir sollten also Vertrauen in die grundlegende Stärke der weltweiten Wirtschaft haben", sagte die Außenministerin.

Das sehen meisten Ökonomen und Manager anders. Sie befürchten, dass, dass Amerika vor schweren Zeiten steht. "Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass die US-Wirtschaft in eine Rezession abgleitet", sagte Joseph Stiglitz, amerikanischer Wirtschafts-Nobelpreisträger dem Handelsblatt. Daran könne auch das von US-Präsident George W. Bush angekündigte Konjunkturprogramm nichts ändern.

Unter dem Motto "Die Kraft gemeinsamer Erneuerung" begann am Mittwoch in Davos das 38. Weltwirtschaftsforum. Bis zum Wochenende werden rund 2 500 Spitzenkräfte aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Kultur über die jüngsten globalen Entwicklungen diskutieren. Der weltweite Einbruch an den Finanzmärkten hat sich dabei über Nacht zum alles überragenden Thema in den Schweizer Bergen entwickelt. Zwar hoffen die vielen angereisten Manager, in den nächsten Tagen die Ursachen für das Ausmaß der Finanzkrise besser verstehen zu können, doch an eine vollständige Beantwortung aller Fragen glaubt so recht niemand. "Klar ist nur eins: Die Zukunft ist extrem unsicher geworden", sagte ein Vorstandsmitglied einer deutschen Bank dem Handelsblatt.

Das Weltwirtschaftsforum beschäftigte sich gleich auf mehreren Veranstaltungen mit den Auswirkungen der US-Finanzkrise. Der Befund war überraschend eindeutig: Die globalen Risiken haben deutlich zugenommen, die meisten Experten schätzen die Ansteckungsgefahren der US-Finanzkrise für den Rest der Welt als ausgesprochen hoch ein. Die alte Ökonomenregel, dass die Welt einen Schnupfen bekommt, wenn die USA husten, scheint unverändert Gültigkeit zu besitzen. "Wenn die US-Konjunktur lahmt, spürt das auch die Weltwirtschaft", sagte Michael Klein, Vize-Chef der US-Bank Citigroup, die erst kürzlich einen weiteren Abschreibungsbedarf auf Subprime-Kredite in Höhe von 18 Mrd. US-Dollar verkraften musste.

Nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) wird die Finanzkrise das Wachstum der Weltwirtschaft dieses Jahr kräftig bremsen. Eine "deutliche Abschwächung" sei in diesem Jahr unvermeidlich, sagte IWF-Sprecher Masood Ahmed. Es werde sich als komplexe und langwierige Angelegenheit erweisen, die Stabilität an den Märkten wiederherzustellen. Die Leitzinssenkung in den USA um 75 Basispunkte auf nunmehr 3,5 Prozent sei in diesem Zusammenhang hilfreich gewesen.

Die US-Notenbank Fed, deren reguläre Sitzung erst in der kommenden Woche ansteht, hatte mit diesem Schritt am Dienstag auf die zunehmende Angst vor einer Rezession in der weltgrößten Volkswirtschaft reagiert. Dies konnte jedoch weitere Kurseinbrüche nicht verhindern. Der deutsche Leitindex Dax verlor am Mittwoch knapp 4,9 Prozent, auch die Aktienmärkte in den USA notierten deutlich im Minus.

Der IWF-Sprecher äußerte sich überzeugt, dass die Fed auch künftig ohne Zögern handeln werde, sollte es die Lage erfordern. Aber auch die Politik sei aufgefordert, mit "gezielten und zeitnahen" fiskalischen Maßnahmen die Nachfrage in den USA kurzfristig zu unterstützen. Am Freitag will der Fonds einen Bericht zur Entwicklung der Weltwirtschaft und der Finanzmärkte vorlegen. Bisher geht der IWF von einem Wachstum von 4,8 Prozent der Weltwirtschaft aus. Diesen Wert dürfte der Fonds jetzt nach unten korrigieren.

Mit erheblichen Auswirkungen der US-Finanzkrise rechnet vor allem China. "Die USA haben unvermindert eine große Bedeutung für die Weltwirtschaft. Wir sind deshalb besorgt über die konjunkturelle Performance der US-Wirtschaft", sagte Cheng Siwei, Mitglied des Nationalen Volkskongresses in China. Weder seien die Auswirkungen der Finanzkrise absehbar, noch sei klar, wie sich der Dollar weiterentwickeln werde. Cheng fürchtet, dass die US-Regierung eher an einem schwächeren Dollar interessiert sei. Cheng nannte es eine ausgesprochen optimistische Prognose, dass die Weltwirtschaft um fast fünf Prozent in diesem Jahr wachsen soll. Wegen der schrittweisen Aufwertung der chinesischen Währung sieht er aber auch seine Heimat unter Druck. "Der Handelsüberschuss Chinas wird in diesem Jahr sicherlich rückläufig sein", kündigte Cheng an.

George Soros, berühmter US-Investor und Stammbesucher von Davos, ist sogar davon überzeugt, dass die Weltwirtschaft in der "schlimmsten Krise seit 60 Jahren steckt". Der 1945 begonnene "Super-Boom" gehe zu Ende, sagte er. Soros empfiehlt eine möglichst schnelle und tiefgreifende Überprüfung der Bankbilanzen durch die Aufsichtsbehörden, um das ganze Ausmaß der Risiken offenzulegen. Noch könne keine Rede davon sein, dass alle potenziellen Belastungen der Finanzindustrie durch komplexe Verbriefungsstrukturen wirklich erfasst seien. Das harte Durchgreifen der Regulierer könne zwar dazu führen, dass Banken zahlungsunfähig würden. Deren Pleite müsse dann durch eine Übernahme oder staatliche Unterstützung verhindert werden.

Optimismus versuchte dagegen Fred Bergsten, Direktor des Peterson-Instituts für internationale Wirtschaft, zu verbreiten. "Selbst wenn das Wachstum in den Vereinigten Staaten und Europa zurückgeht, wird die Weltwirtschaft immer noch um etwa vier Prozent wachsen können", sagte der renommierte US-Ökonom. Er begründete seine These damit, dass das unverändert hohe Wirtschaftswachstum Chinas und Indiens die Entwicklung der Weltwirtschaft positiv beeinflussen werde.

Ausgesprochen optimistisch zeigt sich die Mehrheit der deutschen Manager in Davos. "Die deutsche Wirtschaft ist gut gerüstet gegen eine Abkühlung der Weltwirtschaft", sagte ein Konzernchef dem Handelsblatt. "Unsere Unternehmen sind ausgesprochen wettbewerbsfähig", ergänzte ein Bankvorstand. Voraussetzung sei jedoch, dass das Konjunkturprogramm der US-Regierung möglichst bald komme und die gewünschte Wirkung entfalte. Ohne eine Portion Hoffnung geht es dann eben doch nicht.

Die Rede vom afghanischen Präsidenten Hamid Karsai in Davos geriet angesichts der Krise an den Finanzmärkten in den Hintergrund. Er rief zum anhaltendem Kampf gegen den internationalen Terrorismus auf. "Der Terrorismus, den wir bekämpfen, ist eine existenzielle Kraft, keine konzipierte Herausforderung", sagte Karsai. "Er hat nichts mit Religion zu tun oder mit einer Idee größeren Ausmaßes." Karsai sagte, dieser Terrorismus sei "eine politische Mutation, ein Frankenstein". Die Infrasturktur der Terroristen müsse in der Region vernichtet werden. Um den Teufelskreis von Terrorismus und Gewalt zu durchbrechen, seien Konzentration Entschlossenheit für eine dauerhafte weltweite Partnerschaft vonnöten, sagte der Präsident.

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