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Mein Handelsblatt Beständig ist nur der Wandel

Die erste Ausgabe des Handelsblatt wurde auf drei Schreibmaschinen geschrieben. 70 Jahre später erinnert sich unser Autor an eine aufregende Zeit – und blickt optimistisch in die Zukunft.
Update: 06.05.2016 - 13:35 Uhr 11 Kommentare
Auf der Titelseite der Zeitung leuchtete die Farbe Orange durch einen breiten Balken.
14. Mai 1971

Auf der Titelseite der Zeitung leuchtete die Farbe Orange durch einen breiten Balken.

DüsseldorfSchon der antike Philosoph Heraklit profitierte vom Fortschritt seiner Zeit. Souverän setzte er sich über herkömmliche Vorstellungen hinweg, durchdrang die Ordnung der Welt und musste seine Gedanken nicht mehr mühsam in Tontafeln ritzen, sondern konnte sie seit Kurzem flüssig auf Papyrus niederschreiben. Für antike Griechen war diese Innovation ähnlich epochal  wie für heutige Zeitgenossen der mediale Umbruch - Digitalisierung, Internet und Multimedia. Diese Revolution hat das Monopol des Papiers, Nachfolger des Papyrus, als Träger des geschriebenen Worts gebrochen. Heraklits 2.500 Jahre alte Erkenntnis wirkt aktueller denn je: „Nichts ist so beständig wie der Wandel.“

Das gilt auch für den Qualitätsjournalismus. Noch nie konnte er dank der Digitalisierung mit vergleichsweise geringen Produktionskosten so viele Menschen erreichen wie heute. Noch nie hatten aber auch die Leser so viele Möglichkeiten, ihrerseits Stellung zu journalistischen Inhalten zu nehmen. „Deshalb muss sich der Redakteur davon verabschieden, über dem Leser thronend seine  Botschaften zu verkünden“, sagt Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart.  Gerade wegen der anonymen Hetze in den sozialen Netzwerken ist für ihn die Zukunft des Qualitätsjournalismus interaktiv-demokratisch.

Dennoch verlangen die neuen Techniken vom Journalisten nicht, technikbesessen zu sein. Der Journalist ist ja kein Ingenieur. Technik ist für ihn nur Mittel zum Zweck, Inhalte zu transportieren und Leser durch die Informationsflut zu navigieren. Nach wie vor kommt es  darauf an zu klären, wer was wann wo wie und warum entschieden beziehungsweise getan hat und welche Folgen das haben könnte. Nach wie vor müssen seriöse Medienhäuser auch auf dem Fundament eines Wertekanons stehen, um nicht dem flüchtigen Zeitgeist zu huldigen. Innovation braucht Tradition, Neuerung muss auf Erprobtem gründen.

Das Handelsblatt hat Heraklits Devise beherzigt, sich zu verändern, um zu bewahren, was es nicht verlieren will. In schnelllebigen Zeiten feiert das Handelsblatt jetzt auf dem hart umkämpften Markt der Wirtschaftspresse seinen 70. Geburtstag.  

Die erste Ausgabe vom 16. Mai 1946 war auf drei Schreibmaschinen geschrieben worden.  Unter widrigen Umständen: Das Besatzungsregime hatte zwar die Nazi-Diktatur abgelöst, nach wie vor aber herrschten materielle Not und Elend. Einen Zeitungsmarkt gab es nicht, Papier war knapp, die Zuteilung rationiert. In den oberen Etagen des kriegsbeschädigten Pressehauses am Düsseldorfer Martin-Luther-Platz residierte ein britischer Major – der Zensor der Militärregierung prüfte vor Erscheinen alle Texte darauf, ob sie gegen demokratische Grundsätze verstießen. Die Zensur endete erst im September 1949.

Handelsblatt erscheint börsentäglich

So haben Sie die Geschichte des Handelsblatts noch nie gesehen

Der  Aufmacher der ersten Ausgabe drehte sich unter der Schlagzeile: „Regelung des Verbrauchsgüterkreislaufs“ um Fragen des Bewirtschaftungssystems. Gut zwei Jahre später war die Bewirtschaftung mit der Währungsreform Vergangenheit. Über dem zweiten großen Seite-1-Artikel stand der noch 70 Jahre später tagesaktuelle Titel: „Eisen und Stahl in der Kostenkrise“. Die erste Handelsblatt-Ausgabe war eine Bleiwüste mit acht Seiten Umfang.  Ein Pferdefuhrwerk brachte die Zeitungspakete von der Druckerei im Pressehaus über den halben Kilometer zum Düsseldorfer Hauptbahnhof. Das Blatt erschien zunächst nur einmal die Woche, jeweils am Donnerstag, in einer Auflage  von 10.000 Exemplaren. Mehr gab das von der Britischen Militärbehörde zugeteilte Papierkontingent nicht her.  

Zeitungen, so heißt es,  entwickeln sich meist  in Sprüngen –  das Handelsblatt wagte den ersten Sprung unmittelbar nach der Währungsreform vom 20. Juni 1948. Der Geldschnitt hatte die wertlose Reichsmark durch die werthaltige D-Mark ersetzt. Über Nacht wandelte sich der Verkäufer- zum Käufermarkt. Um aktueller berichten zu können, erschien die Zeitung nun zweimal die Woche, später dann dreimal wöchentlich und seit April 1959 „börsentäglich“ fünfmal die Woche.

Wie sich eine Zeitung immer wieder neu erfindet
2016
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Das Handelsblatt feiert seinen 70. Geburtstag: am 16. Mai 2016

16. Mai 1946
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Das erste „Handelsblatt“ erschien am 16. Mai 1946, acht Seiten stark und mit einer trockenen Schlagzeile: „Regelung des Verbrauchsgüterkreislaufs“.

Lizenz für das Handelsblatt
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Nach der nationalsozialistischen Terrorherrschaft prüfte die britische Besatzungsmacht genau, welchen Deutschen sie die Lizenz gab. Es ging nicht nur darum, eine Zeitung aufzubauen. Sie sollte auch mithelfen, die verschüttete demokratische Kultur im Land neu zu entwickeln. Dem Journalisten Herbert Gross trauten die Briten das zu - zunächst.

Ende 1946
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Ein prominentes Thema war "Eisen und Stahl in der Kostenkrise". Zunächst erschien die Zeitung nur einmal in der Woche, jeweils am Donnerstag, und nur in der britischen Zone. Schon nach wenigen Monaten aber konnte die Zeitung deutschlandweit gekauft werden - sie wurde geschätzt, vor allem wegen ihrer Informationsdichte.

Friedrich Vogel
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Der Gründungsvater Herbert Gross gab Ende 1946 seine Lizenz zurück, die Briten ernannten den als wirtschaftsnah geltenden Journalisten Friedrich Vogel zum neuen Lizenznehmer. Da in Großbritannien zu jener Zeit die Labour-Party regierte, wurde Vogel zunächst der prominente Gewerkschafter Erich Potthoff zur Seite gestellt.

16. Mai 1956
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Das Handelsblatt feiert seinen zehnten Geburtstag mit einer Sonderbeilage. Gezeigt wird auch die Aufwärtsentwicklung - in Form von Text- und Anzeigenseiten.

Ludwig Erhard
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Im ersten Jahrzehnt nach ihrer Gründung ähnelte die Zeitung nicht nur optisch amtlichen Bekanntmachungen, sondern auch inhaltlich. Schlagzeile am 25. Juni 1957: „Erhard lobt das Kartellgesetz“.

(Foto: dpa)

Von Anfang an verstand  sich das Handelsblatt als „Stimme der ökonomischen Vernunft“. Die Redaktion trat und tritt für die Soziale Marktwirtschaft ein. Der Wertekanon zielt ab auf ein sozial verantwortliches Unternehmertum, das von Staat und Gesellschaft nicht über Gebühr gegängelt wird. Zu den eifrigsten Lesern des Handelsblatts gehörte jahrzehntelang Ludwig Erhard, Bundeswirtschaftsminister und später Kanzler. In einem Almanach zum Bonner Bundespresseball heißt es: „Was Erhard morgen denkt, steht heute schon im Handelsblatt.“ Vor allem Chefkorrespondent Wolfram Langer hatte einen direkten  Draht zum „Dicken mit der Zigarre“. Er schrieb 1957 auch Erhards  Buch „Wohlstand für alle“ –  der populärste Slogan des „Wirtschaftswunders“ war geboren. 1958 wechselte Langer als Leiter der Grundsatzabteilung ins  Bundeswirtschaftsministerium.

Vogel prägt die nächsten 25 Jahre

Erster Chefredakteur und Verleger in Personalunion war der Wirtschaftsjournalist Friedrich Vogel. Anfang 1947 hatte der 44-Jährige von Herbert Groß, Journalist und Dolmetscher bei der Britischen Militärregierung, die Lizenz für das Handelsblatt übernommen. Unklar ist, ob Groß wegen Vorwürfen, in seiner Zeit als Korrespondent in den USA Wirtschaftsspionage betrieben zu haben, seine Lizenz abgeben musste oder weil bekannt wurde, dass er – wie der TV-Gastgeber des Internationalen Frühschoppens, Werner Höfer - jahrelang für das Nazi-Intelligenzblatt „Das Reich“ geschrieben hatte.

Vogel jedenfalls sollte die Geschichte des Handelsblatts fast 25 Jahre lang  entscheidend prägen.  Schon früh führte er beispielsweise einen Weltwirtschaftsteil ein, weil er die zentrale Bedeutung der deutschen Exportwirtschaft erkannt hatte. Im Laufe der Jahre verbesserte sich auch die Optik der Zeitung. Fotos, Grafiken und Porträts veränderten das äußere Bild, das zuvor den Charme „Amtlicher Bekanntmachungen“ hatte.

Ab seinem 65. Geburtstag im Februar 1967 sondierte Vogel, wer sein Lebenswerk fortsetzen könnte. Ein direkter Erbe war nicht vorhanden, Versuche, intern Nachfolger aufzubauen, scheiterten. 1968 fand Vogel dann einen finanzstarken Partner, der die Kontinuität des Verlags sichern sollte: Georg von Holtzbrinck, Besitzer des Deutschen Bücherbundes, verschiedener Verlage und Mitgesellschafter der Wochenzeitung „Christ und Welt“. Von Holtzbrincks Einstieg „war das große Ereignis dieses Jahres“, heißt es in der  „Handelsblatt-Chronik 1946 bis 1996“.

Zunächst begnügte sich von Holtzbrinck mit einer Minderheitsbeteiligung von 47,5 Prozent, doch schon ein Jahr später wurde er Mehrheitsgesellschafter. Von Holtzbrinck  war zwar kaum jünger als  Friedrich Vogel, seine Kinder, vor allem Dieter von Holtzbrinck, schienen aber die verlegerische Zukunft des Handelsblatts zu garantieren.  1969 kam Dieter, studierter Betriebswirt mit verlegerischer Erfahrung, nach Düsseldorf, um die Holtzbrinck-Gruppe vor Ort zu repräsentieren. Bald trat er in die Geschäftsführung ein, aus der sich Vogel im Januar 1971 zurückzog. „Der Wechsel war vollzogen“, bilanziert die Handelsblatt-Chronik. „Die Leitung des Handelsblatts war aus den Händen eines erfahrenen Journalisten in die Obhut eines gelernten Verlegers und zukunftsorientierten Unternehmers übergegangen.“

Die goldenen Zeiten brechen an

So feiern nur wir – 70 Jahre Handelsblatt

Diese Zäsur gab dem Handelsblatt neuen Schwung.  Die Verlagsgruppe expandierte in das Geschäft mit Wirtschaftsmagazinen, das Handelsblatt übernahm den „Industriekurier“ und steigerte die Auflage erheblich – von 30.000 Exemplaren im Jahr 1970 auf 80.000 im Jahr 1982. Publizistisch war die Bedeutung des Blatts ohnehin immer größer als die Auflage vermuten ließ.

Im Durchschnitt wurde jede Zeitung von fünf bis sechs Lesern in die Hand genommen, überwiegend Führungskräfte aus Wirtschaft und Politik. 1983 zog die Redaktion vom Martin-Luther-Platz in die Kasernenstraße um, eine Parallelstraße der Königsallee. Dort produzierte sie eine optisch aufgefrischte Zeitung, die statt im „Rheinischen“ nun im größeren „Nordischen“ Format erschien. 

Mitte der 1990er-Jahre war die Auflage auf 140.000 Exemplare gestiegen. 1999, Deutschland befand sich im Börsenfieber,  schwang sich nicht nur der Deutsche Aktienindex zu immer neuen Höhen auf, auch die gedruckte Auflage des Handelsblatts erreichte mit 230.000 Exemplaren ihr Allzeithoch. Diese „goldenen Zeiten“ sind  Vergangenheit. Im Zeitalter der Digitalisierung findet heute allerdings auch eine Transformation des traditionellen Zeitungsbegriffs statt. Beim Handelsblatt hat sich der Print-Abonnent als langjähriger Fixstern des Verlagsuniversums  bereits in ein interaktives Mitglied des Handelsblatt-Wirtschaftsklubs verwandelt, mit Ausweiskarte und Mitgliedsnummer. 120.000 Abonnenten und Digitalpassinhaber besitzen sie bereits. Tendenz: steigend.

„Das Handelsblatt ist bei uns eine Instanz“
Tim Zimmermann
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Um in Krisenzeiten den Überblick zu behalten, die Politik bewerten und Entscheidungen treffen zu können – deswegen ist Tim Zimmermann Leser des Handelsblatt. Dem Studenten ist es besonders wichtig, informiert zu sein und zu bleiben. Deswegen liest der 24-Jährige Nachrichten am liebsten unterwegs und schätzt vor allem die digitale Ausgabe des Handelsblatt. Toll findet er, dass die Handelsblatt-Redaktion sich auch sportlichen und politischen Themen widmet – natürlich mit wirtschaftlichem Fokus.

(Foto: Uta Wagner für Handelsblatt)
Claudio Gentile
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Er ist extra aus dem Ruhrgebiet nach Berlin gereist, weil er bei #wirstudierenhandelsblatt, einer Social-Media-Foto-Aktion des Handelsblatt, Tickets für den Pathfinder-Event im Tempodrom gewonnen hatte. Von dem „Tag des Nachdenkens“ ist der 24-Jährige ebenso begeistert wie vom Handelsblatt. „Denn das bringt wichtige Nachrichten aus Wirtschaft und Politik kurz und knapp auf den Punkt“, sagt Claudio Gentile. In der Uni-Bibliothek liest der Student das Handelsblatt gerne in der Print-Version. „Ansonsten auf dem iPad.“ Eine Überschrift, die er über sich gerne mal im Handelsblatt sehen möchte? „Der Junge aus dem Ruhrpott, der es geschafft hat.“

(Foto: Uta Wagner für Handelsblatt)
Alexander Ernst
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Wenn Alexander Ernst Zeitung liest, fragt der Daimler-Mitarbeiter sich immer: Wem nutzen die Informationen? Beim Handelsblatt stünden die Leser im Vordergrund. „Die Zeitung ist unabhängig von Politik, die Texte sind nicht reißerisch, ich bekomme weniger versteckte Meinungsmache serviert“. Seit 20 Jahren liest der 44-Jährige das Handelsblatt. Auch weil es Themen „anders als etwa der Spiegel von vielen Perspektiven beleuchtet“.

(Foto: Uta Wagner für Handelsblatt)
André Schlüter
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Es gehört zu seinem Job, das Handelsblatt eine halbe Stunde vor seinem Chef gelesen zu haben. Denn André Schlüter, 43, leitet die Unternehmenskommunikation bei der Berliner Bank- und Immobilienberatung „Ziegert“. “Ich muss auf tagesaktuelle Fragen Antworten parat haben und das Handelsblatt ist bei uns eine Instanz“. Daher liest Schlüter das Handelsblatt schon in der Früh. Die anderen Zeitungen folgen im Laufe des Tages . „Mich interessiert alles, was mit Immobilien zu tun hat, global und lokal“. Vom Handelsblatt wünsche er sich deshalb eine Berlin-Seite.  

(Foto: Uta Wagner für Handelsblatt)
Lena Stadler und David Schanzenbach
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David Schanzenbach und Lena Stadtle sind begeisterte Handelsblatt-Leser. Der 19-jährige Stadler studiert Wirtschaftsingenieurwesen und bekommt das Handelsblatt im Abo über sein Stipendium beim Karrierenetzwerk e-fellows. Die 27-Jährige unterrichtet an einem Mannheimer Gymnasium Biologie und Deutsch. „Ich habe zwar wenig mit Wirtschaft zu tun, will aber die Fragen meiner Schüler beantworten können“, sagt sie. Sie findet im Handelsblatt genauere Hintergrundinformationen als in anderen Tageszeitungen, etwa zum VW-Skandal: „Wo andere zurückschrecken, hakt das Handelsblatt nach“. Die Party hat sie überrascht. „Wir sind immer noch total geflashed von der Veranstaltung. 70 Jahre Handelsblatt – wir haben gedacht, da treffen wir nur Menschen mit weißen Haaren“, sagt Schanzenbach. „Wir waren total baff, wie gemischt das Publikum war und was für tolle Acts auf der Bühne standen.“

(Foto: Uta Wagner für Handelsblatt)
Julian Kichling und Matthias Schwarze
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Julian Kichling, 22, und Matthias Schwarze, 22,

Warum liest jemand, der sich an der Uni mit Nordamerikastudien beschäftigt, das Handelsblatt? „Ich interessiere mich vor allem für Politik und bekomme so auch den wirtschaftlichen Hintergrund“, sagt Julian Kichling, der an der Freien Universität (FU) Berlin studiert. Von seinen Kommilitonen kenne der 22-Jährige sonst niemanden, der das Handelsblatt lese, trotzdem fühle er sich nicht wie ein Wirtschaftsnerd. Für den 22-jährigen Matthias Schwarze, der ebenfalls an der FU Jura mit Schwerpunkt Wirtschaftsrecht studiert, ist das Handelsblatt  Pflichtlektüre. Genau wie Kichling bekommt er die Zeitung im Abo des Karrierenetzwerks e-fellows. Daneben liest er auch die Apps „Handelsblatt Live“ und seit kurzem „Handelsblatt 10“, weil er damit Zeit spare. Einen Vorteil sieht er aber auch bei der gedruckten Ausgabe: „Sie ist so schön handlich. In der Bahn breite ich das Handelsblatt nicht auch noch über das Gesicht meines Sitznachbarn“.  

(Foto: Uta Wagner für Handelsblatt)
Monika und Klaus Engelbertz
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Klar gebe es auch Dinge, die er als Unternehmensmitglied anders sehe. Insgesamt sei die Berichterstattung im Handelsblatt aber objektiv, findet Klaus Engelbertz, Geschäftsführer der RWE Netzservice GmbH, einer Tochter des Energieversorgers RWE. Den 60-Jährigen interessieren Berichte, in denen er etwas über die Strategien von Unternehmen erfährt. Besonders über die anderer Dac-Unternehmen. Seine Frau Monika, 58-Jährige Verwaltungsangestellte, schaut auch gern in die Zeitung. Für die Lektüre ist etwa nach dem gemeinsamen Abendessen Zeit. „Wenn ich Bahn fahre, lese ich das Handelsblatt natürlich vorher, da liegt sie aus“, sagt Klaus Engelbertz.

(Foto: Uta Wagner für Handelsblatt)

In den vergangenen 70 Jahren begnügte sich das Handelsblatt nicht damit,  das Auf und Ab der Konjunkturzyklen zu analysieren und politische Umbrüche wie die erste sozial-liberale Koalition 1969 oder den epochalen Mauerfall 1989 ausführlich zu schildern und zu kommentieren. In den vergangenen 70 Jahren schrieb das Handelsblatt auch immer wieder Pressegeschichte.

Im Dezember 1971 etwa warnte die Zeitung auf der  Titelseite vor „konfiskatorischen“ Steuerplänen der SPD.  Die Schlagzeile „Leistung wird sich nicht mehr lohnen“ war erstmals  mit einem markanten Orange unterlegt, das im Laufe der Jahre zum Markenzeichen des Handelsblatts avancierte. Die kleine „orangefarbene Revolution“ hatte Erfolg: Statt der geplanten  Erhöhung senkte die sozial-liberale Koalition 1975 die Einkommensteuer. Im September 1978 variierte das Handelsblatt den Slogan und forderte: „Leistung muss sich wieder lohnen“. Im Bundestagswahlkampf 1983 prangte der Spruch dann auf CDU-Plakaten. In jüngerer Zeit enthüllte die Wirtschaftszeitung beispielsweise eine rauschende Sex-Party in Budapest, auf Kosten der Versicherten organisiert für die 100 besten Vertreter  der Hamburg Mannheimer, oder den Skandal um den Pleite-Billigstromanbieter Teldafax.

Die Redaktion wird modernisiert

Empathie, ein Pferd und tanzende CEOs
Pathfinder 2016
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Es geht um die Themen der Zukunft, um die Unternehmensführung der Zukunft, um "Skills", die junge Talente haben müssen: Zum vierten Mal hatte das Handelsblatt gemeinsam mit sechs Unternehmen zum Zukunftskongress Pathfinder eingeladen.

(Foto: Marc-Steffen Unger für Handelsblatt)
Tempodrom
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Mehr als 700 Menschen kamen im Berliner Tempodrom zusammen, um über die Unternehmens- und Arbeitswelt der Zukunft zu diskutieren.

(Foto: )
Daimler-Chef Dieter Zetsche (l.) und Handelsblatt-Herausgeber Dieter von Holtzbrinck
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In der Nacht zuvor war an gleicher Stelle der 70. Geburtstag des Handelsblatt gefeiert worden, am Morgen ging es dann mit Pathfinder weiter.

(Foto: Marc-Steffen Unger für Handelsblatt)
Gabor Steingart
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Einige Gäste waren noch etwas müde, die Nacht nach der Feier zum 70. Handelsblatt-Geburtstag war kurz. „Gestern haben wir die Vergangenheit gefeiert, heute feiern wie die Zukunft“, begrüßte Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart. 

(Foto: Marc-Steffen Unger für Handelsblatt)
Tempodrom
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Die Gäste, junge Talente von Allianz, Deutsche Bank, Daimler, Siemens, der Techniker Krankenkasse und Deloitte, kamen aus 30 Ländern - internationaler geht es wohl kaum. 

(Foto: )
Nicole Cross
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Los ging es musikalisch mit einem Auftritt von Nicole Cross.

(Foto: Marc-Steffen Unger für Handelsblatt)
Julia Engelmann
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Die Poetry-Slammerin hatte bereits am Vorabend das Publikum begeistert und wurde auch bei Pathfinder bejubelt.

(Foto: Marc-Steffen Unger für Handelsblatt)

Seit Mitte der 1990er-Jahre hatte sich das Handelsblatt weiter modernisiert: Das optische Erscheinungsbild wurde verbessert, diesmal nicht nur mit Fotos und farbigen Grafiken, sondern auch mit einer Kopfleiste auf der Titelseite. Dieses  „Mäusekino“, so die  redaktionsinterne Bezeichnung, kündigte die besten Geschichten, Reportagen und Hintergrundberichte an. 1999 kam,  nach einem Relaunch durch den New Yorker Zeitungsdesigner Mario García, auch Farbe auf die Titelseite.

Den größten Sprung wagte die Zeitung im November 2009 unter Chefredakteur Bernd Ziesemer. Zum ersten Mal lief das Handelsblatt im deutlich kleineren „Business“-Format aus der Druckerpresse. Deutschlands traditionsreiche Wirtschaftszeitung ließ sich nun bequem in der Bahn oder im Flugzeug lesen, ohne dass man sie falten musste. Verbunden mit der Umstellung des Formats war ein erneuter Relaunch durch García: Die Geschichten mussten nun dichter erzählt werden als zuvor. Gleichzeitig erhielten Analysen und Kommentare mehr Platz. Eine oft überkomplex wirkende Realität verlangt nach professioneller Einordnung.

Im April 2010 löste der langjährige „Spiegel“-Journalist Gabor Steingart Ziesemer als Chefredakteur ab – die Redaktion merkte schnell, dass dieser Wechsel ebenfalls mit einem großen Sprung verbunden war. In Konferenzen bemerkte Steingart gerne, er sei „nicht dazu da, dass Redakteure schnurren wie die Kätzchen“. Energisch ging er daran, die Reste des alten Verlautbarungsstils im Handelsblatt zu eliminieren.

Gut ein Jahr nach seinem Amtsantritt erklärte er in einem Interview: „Das Klima ist in der Tat tougher geworden. Es muss vor allem präziser gearbeitet werden, da bin ich fordernd, auch drängend. Diesen Willen zur Exzellenz muss ich abverlangen, und das ist ohne Frage für viele ein Kulturwandel.“ Steingart überarbeitete die Titelseite, schuf neue Rubriken wie den „Pinocchio des Tages“ und baute die Blattstruktur um. Am 1. Januar 2013 ernannte der  Verleger Dieter von Holtzbrinck Steingart in Personalunion zum Herausgeber und Vorsitzenden der Geschäftsführung der Verlagsgruppe Handelsblatt.

Computer statt Schreibmaschine

In der Redaktion hatten 1979 Computer die Schreibmaschinen ersetzt, der Aufbruch ins digitale Zeitalter  begann 1998 mit dem Start der ersten Web-Site „handelsblatt interaktiv“, 2001 in „handelsblatt.com“ umbenannt. Steingart forcierte die Digitalisierungsstrategie. Auf das Korrespondentennetz setzend und die Zeitverschiebung zwischen Europa, den USA und Asien nutzend,  führte er einen 24-Stunden-Betrieb der Online-Redaktion ein. Im März 2013 startete die digitale Tageszeitung Live für das iPad, einige Monate später kam das E-Paper auf den Markt, mit dem die Handelsblatt-Ausgabe des nächsten Tages schon am Vorabend digital verfügbar ist. Seit Oktober 2014 erscheint die Wirtschaftszeitung auch in einer englischen Ausgabe, der Handelsblatt Global Edition. Die vorerst letzte Neuerung ist die Smartphone-App Handelsblatt 10, eine mobile Abendzeitung mit den zehn aktuell wichtigsten Themen.

Bei allen Erfolgen gab es natürlich auch in der Geschichte des Handelsblatts Höhen und Tiefen, schwere Irrtümer und existenzielle Herausforderungen.  Eine Schnapsidee war es etwa, zeitweise den traditionellen Werbeslogan  „Substanz entscheidet“ durch  den Spruch „Jeder Tag zählt“ zu ersetzen. Seit dem Jahr 2000 musste sich das Handelsblatt der ernst zu nehmenden Konkurrenz der neuen „Financial Times Deutschland“ (FTD) erwehren, massiv subventioniert von ihrem Verlag Gruner + Jahr.

2008 legte der Verlag die FTD mit seinen Wirtschaftsmagazinen „Capital“, „Börse Online“ und „Impulse“ zusammen – eine fatale Fehlentscheidung. Ende 2012 wurde die FTD aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt. Auch in der Geschäftsführung der Verlagsgruppe  Handelsblatt hatte es Überlegungen gegeben, das Handelsblatt mit der „Wirtschaftswoche“ zu verschmelzen – doch wurde diese redaktionsintern „Operation Fischsuppe“ genannte Idee nicht in die Tat umgesetzt.

Buchstäblich am Scheideweg stand das Handelsblatt Mitte 2009: Acht Jahre zuvor hatte Dieter von Holtzbrinck die Leitung der Verlagsgruppe Handelsblatt an seinen damals erst 37-jährigen Halbbruder Stefan übergeben. Nun stand Stefan offenbar kurz davor, die Verlagsgruppe an die Konkurrenz zu verkaufen. In dieser Stunde größter Not übernahm Altverleger Dieter die Verlagsgruppe Handelsblatt wieder von seinem Halbbruder. „Die Rückkehr des Verlegers“, formulierte Gabor Steingart, „war mehr als nur eine Übertragung von Gesellschafteranteilen. Sie war ein Bekenntnis zum Handelsblatt – und zur Kultur der Qualitätszeitung“.

Seinen 70. Geburtstag feiert das Handelsblatt in einer Zeit, deren Signum die digitale Innovation ist. Die 2.500 Jahre alte Erkenntnis des antiken Philosophen Heraklit: „Panta rhei – alles ist im Fluss“ scheint heute mehr denn je zu gelten. Gerade in schnelllebigen Zeiten braucht Innovation aber auch Tradition. Das Handelsblatt kann jedenfalls aus einem langen, erfolgreichen Fundus schöpfen. Vielleicht ist gerade das der Garant für eine gute Zukunft.

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Mehr zu: Mein Handelsblatt - Beständig ist nur der Wandel

11 Kommentare zu "Mein Handelsblatt: Beständig ist nur der Wandel"

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  • Warum brauche ich die Auswahl zwischen 25 inhaltlich gleichen TV-Programmzeitschriften, wenn mir letztlich eine genügt?
    Sowas ist doch Wahnsinn!

  • Erstmal herzlichen Glückwunsch ans Handelsblatt für die bisherigen 70 Jahre!
    „Auflagen-Verluste der Magazine dramatischer denn je“
    Wenn der stern so weitermacht, ist er auch bald nur noch Geschichte und das absolut zurecht, Jörges sei Dank.
    Gilt für viele weitere Printerzeugnisse und Verlage. Sind ja eh alle im Eigentum der paar Großen, die den noch vorhandenen immer kleiner werdenden Markt unter sich aufteilen => Bertelsmann, Bauer, Burda, Holtzbrinck (verlegt das Handelsblatt), Springer, Gruner + Jahr, Medien-Union Schaub. Wenn man sich mal die Preise (zwischen 5 und 20 Euro) anschaut, welche zum größten Teil heute für die Printausgaben der Magazine und Sonderhefte aufgerufen werden, dann verzichte ich als möglicher Käufer gerne auf deren Nachfrage und den Kauf. Auch die Inhalte können nicht mehr überzeugen, da fast alle eh das gleiche voneinander klauen und abschreiben. Nennt sich dann politisch motivierter Journalismus. Nein, auf große Teile der aktuellen Printmedienlandschaft kann ich gut und gerne verzichten. Zu D-Mark Zeiten waren es mir die 3,50 D-Mark noch wert, ein Wochenmagazin käuflich zu erwerben. Seit sich aber die Preise mittlerweile innerhalb von nur 14 Jahren verdoppelt haben, sind mir diese Ausgaben schlicht und ergreifend zu teuer geworden. Das Internet ist für mich persönlich übrigens kein wirklicher Leseersatz zu den Printausgaben. Hinzu kommt eine Flut von Zeitschriftentiteln, die kein Mensch wirklich braucht. Ich frage mich oft, wie die Verlage diese Überproduktion finanzieren, da sich die Zeitschriften und Magazine immer mehr als Ladenhüter entpuppen.

  • @Caruso

    wie Sie sehen, wurde nun wegen "sachlich" gelöscht.......

    Einen "Grund", missliebige Meinungen zu löschen, findet sich eben immer.......

  • Ja, ich wäre auch für so ein bedingungsloses Grundeinkommen, wenn es zur Abwechslung mal die Industrie bezahlen würde. Dafür aber bräuchten wir eine Politikvertretung, die Lobbyarbeit für die Bürger und und nicht für die Industrie machen würde und so etwas gibt es nicht. Daran scheitert das Konzept.

  • @ Herr Pier
    Herr Weimer ist aber auch nur Gastautor, seine Beiträge sind die einzigen mit politischem Inhalt, die ich auf dieser Seite noch ernstnehmen kann (von den Kommentaren mal abgesehen).
    Nein, auch an mir verdient das HB schon lange keinen Cent mehr.
    Werbung? Kenne ich keine. Wozu gibt es das wunderbare Adblock Plus?

  • es ist sicher sinnvoll keine Namen zu nennen,sonst wird "gelöscht wegen "nicht persönlich werden......"

    Ich denke aber, dass jeder, der regelmäßig hier "unterwegs" ist weiß, wer gemeint ist.....
    Solange diese Leute beim HB auf der Gehaltsliste stehen, verdient das HB auch an mir, zumindest direkt, keinen Cent mehr.

    W. Weimer gehört in jedem Fall NICHT dazu.

    Werbung beachte ich gar nicht - die wird umgehend weggeklickt oder wo nicht mgl. , eben ignoriert.
    Es reicht, was ich jeden Monat an Zwangsgebühren für die ach' so neutralen GEZ-Sender abdrücken muss.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Hier die Vervollständigung des letzten Absatzes (sorry, eben keine Zeit mehr gehabt):

    Ist es für die Menschen da, oder ist es umgekehrt?

    Der letzte Absatz klingt reichlich zaghaft-resigniert:

    „Die Initianten glauben auch nicht ernsthaft an einen Sieg. Sie sind schon damit zufrieden, dass jetzt über das Konzept diskutiert wird.

    Auch wenn es die meisten (noch?) als „Spinnerei“ abtun, angesichts obiger Argmente gehört das Thema dringend aus der Versenkung geholt (und an prominenterer Stelle diskutiert)!!!

  • Richtig, beständig ist nur der Wandel. So gesehen, passt der Artikel „Die nächste soziale Revolution“, rechts oben auf Seite 11 der heutigen (06.05.16) HB-Printausgabe.

    Aus besagtem Artikel hier das gewichtigste Argument „PRO bedingungsloses Grundeinkommen“:

    „Guy Standing von der Universität London forscht seit Jahrzehnten über dieses Thema. Er hat Studien in Indien begleitet, bei denen 6.000 Menschen über Jahre ein bedingungsloses Grundeinkommen in bar bekamen. „Die Leute arbeiten mehr, nicht weniger, Kinderarbeit ging dagegen zurück“.

    Das muss natürlich erstmal nochmal genau überprüft werden, aber:

    Falls es sich so bestätigen sollte, dürfte es wohl das schlagendste Argument gegen die Befürchtung, dass eine Befreiung vom Zwang zur Arbeit von den Menschen als Freibrief zur Faulheit angesehen würde. Sondern dass diese Befreiung sich – ganz im Gegenteil – als ein sehr effektiver Impuls für die (nicht zuletzt wirtschaftliche) Weiterentwicklung der heutigen Gesellschaft erweisen könnte.

    Und jetzt das Argument „contra bedingungsloses Grundeinkommen“ (bezogen auf die Abstimmung in der Schweiz):

    „In einem hochentwickelten Industrieland wie der Schweiz hätte das Konzept indes pharaonische Kosten: Rund 200 Milliarden Franken im Jahr (…) Ohne massive Steuererhöhung würde es nicht gehen. Und die Folgen für die Wirtschaft wären kaum abzusehen.

    Dazu nur soviel:

    Was genau ist „Geld“? Und, weitaus interessantere Frage noch:

    Ist es für die Menschen da, oder ist es umgekehrt?
    Der letzte Absatz klingt reichlich zaghaft-resigniert:
    „Die Initianten glauben auch nicht ernsthaft an einen Sieg. Sie sind schon sehr Spinnerei oder nicht, Dabei gehört das Thema – auch wenn es die meisten (noch) als „Spinnerei“ abtun, angesichts obiger Argmente dringend aus der Versenkung geholt (und an prominenterer Stelle diskutiert).

  • Beständig ist nur die Erkenntniss dass sich das Volk gegen die tendenziöse Berichterstattung immer mehr wehrt wenn man sich die Auflage von Bild, Spiegel und Co. anschaut. Sie werden bald ihren Pressemüll nur noch gratis ans Kanzleramt liefern können denn die Leute werden es nicht mal zum anzünden ihres Kamins oder Grills kaufen.

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