Alfred-Nobel-Museum in Stockholm

Die Schwedische Akademie kämpft weiter mit der größten Krise ihrer Geschichte.

(Foto: AFP)

Belästigungs- und Korruptionsskandal Literaturnobelpreis wird 2018 nicht vergeben

Ein Missbrauchsskandal hat die Schwedische Akademie fest im Griff. 2018 gibt es keinen Literaturnobelpreis. Akademie-Chef Olsson verspricht Reformen.
Update: 04.05.2018 - 12:32 Uhr Kommentieren

Zu viele Skandale – Literaturnobelpreis wird 2018 nicht vergeben

StockholmDie höchste literarische Auszeichnung der Welt, der Nobelpreis für Literatur, wird in diesem Jahr nicht vergeben. Das gab die für die Verleihung zuständige Schwedische Akademie am Freitag in Stockholm bekannt. Die Akademie sei „geschwächt“ und habe einen erheblichen „Vertrauensverlust“ zu verdauen, heißt es. Stattdessen sollen im kommenden Jahr zwei Preisträger ausgezeichnet werden.

„Wir halten es für notwendig, Zeit zu investieren, um das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Akademie wieder herzustellen, bevor der nächste Preisträger verkündet werden kann“, sagte der derzeitige Akademie-Vorsitzende Anders Olsson.

Es ist die schwerste Krise seit Gründung der Institution im Jahr 1786. Der französisch-schwedische Fotograf und Regisseur Jean-Claude Arnault, Ehemann von Akademiemitglied Katarina Frostenson, soll über Jahre hinweg Frauen und Töchter von Akademiemitgliedern sowie Mitarbeiterinnen und sogar Kronprinzessin Victoria sexuell belästigt haben.

Im vergangenen Herbst hatten 18 Frauen dem Mann sexuelle Übergriffe vorgeworfen. In Einzelfällen soll es sogar zu Vergewaltigungen gekommen sein. Arnault soll seine Position als Kulturschaffender und Betreiber des Kulturvereins „Forum“ bei seinen sexuellen Übergriffen ausgenutzt haben. Er galt als eine der wichtigsten Kulturpersönlichkeiten in der Hauptstadt.

Die Übergriffe hätten zum Teil in den Räumen der Akademie oder in von ihr angemieteten Wohnungen in Stockholm und Paris stattgefunden. Als wäre das nicht schon genug, sollen mehrere Akademie-Mitglieder von den groben Übergriffen gewusst, aber nichts unternommen haben.

Neben den Missbrauchsvorwürfen wird er zudem beschuldigt, mehrfach den Preisträger im Voraus verraten zu haben. Sein Verein hat zudem finanzielle Zuwendungen von der Akademie erhalten, obwohl seine Frau Akademiemitglied ist. Der Beschuldigte hat bis heute alle Vorwürfe zurückgewiesen und spricht von einer „Hexenjagd“ auf ihn.

Vor diesem Hintergrund kündigte Akademie-Vorsitzender Olsson an, das Institut grundlegend zu verändern. „Nichts wird so weitergehen, wie bisher”, erklärte er und unterstrich, dass das Gremium „aus Respekt vor den Preisträgern die Legitimitätskrise und die innere Spaltung der Akademie ernsthaft aufarbeiten muss”. Dazu will die Akademie auch externe Hilfe in Anspruch nehmen.

Mehrere Akademiemitglieder, darunter auch die Ständige Sekretärin Sara Danius, haben bereits ihr Amt niedergelegt. Sie werfen den übrigen Mitgliedern eine mangelnde Bereitschaft zur Aufklärung vor. Von den 18 ursprünglichen Mitgliedern sind nur noch zehn übrig geblieben – zu wenige, um nach den Statuten neue Mitglieder in die Akademie zu wählen. „Die Akademie löst sich derzeit selbst auf“, urteilte Svante Weyler, einer der bekanntesten Verleger und Publizisten Schwedens, bereits nach Bekanntwerden des Skandals.

Der schwedische König Carl Gustav hatte daraufhin als Schirmherr und Schutzpatron angekündigt, die Statuten der Institution zu verändern. So sollen künftig Akademiemitglieder die Institution auf eigenen Wunsch verlassen können. Bislang wurde ein Mitglied auf Lebenszeit gewählt.

Außerdem mahnte der Monarch die Akademiemitglieder, „ihrer Verantwortung gerecht zu werden“. Die Zerreißprobe innerhalb der Akademie nannte er „eine sehr, sehr traurige Entwicklung“. Er steht mit seiner Auffassung nicht allein: Schon seit Längerem fordern Kulturschaffende in Schweden eine Modernisierung der Satzung, die nicht mehr in die heutige Zeit passt.

In der 232-jährigen Geschichte der Akademie hat es schon mehrere Skandale gegeben, doch noch nie war der Ruf der Institution so beschädigt wie jetzt. Dass der Literaturnobelpreis in einem Jahr nicht verliehen wird, ist bereits sieben Mal vorgekommen, zuletzt 1949. In fünf Fällen gab es im darauffolgenden Jahr zwei Preisträger.

Die jetzt beschlossene Aussetzung der Preisvergabe sei „ willkommen und unausweichlich” gewesen, erklärte der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Johan Svedjedal. Ganz andere Sorgen hat der schwedische Regierungschef Stefan Löfvén. „Das ist nicht gut für das Ansehen Schwedens im Ausland“, erklärte er.

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