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Ehrenmord Entscheidung im Prozess zum Mord an Hatun Sürücü erwartet

Hatun Sürücü wurde vor mehr als zwölf Jahren von ihrem jüngeren Bruder in Berlin erschossen. In Istanbul wird nun ein Urteil gegen die beiden älteren Brüder erwartet. Sie sollen den Mord in Auftrag gegeben haben.
30.05.2017 - 07:01 Uhr Kommentieren
Die aus einer streng muslimischen Familie stammende Sürücü war am 7. Februar 2005 einem sogenannten Ehrenmord zum Opfer gefallen. Quelle: dpa
Gedenken an Hatun Sürücü

Die aus einer streng muslimischen Familie stammende Sürücü war am 7. Februar 2005 einem sogenannten Ehrenmord zum Opfer gefallen.

(Foto: dpa)

Istanbul Mehr als ein Jahr nach Prozessbeginn wird im Verfahren gegen zwei Brüder der ermordeten Deutsch-Türkin Hatun Sürücü am Dienstag in Istanbul ein Urteil erwartet. Die Staatsanwaltschaft wirft den heute 36 und 38 Jahre alten Brüdern laut Gerichtsunterlagen Beihilfe zur vorsätzlichen Tötung ihrer Schwester im Jahr 2005 vor. Sie sollen den jüngsten Bruder mit dem Mord an ihrer kleinen Schwester beauftragt haben, um die Familienehre wiederherzustellen. Dabei habe unter anderem der Beweggrund des „Brauchs“ eine Rolle gespielt, hatte die Staatsanwaltschaft in ihrem Abschlussplädoyer in der Verhandlung im März argumentiert.

Der ältere der beiden Brüder muss sich außerdem wegen illegalen Waffenbesitzes verantworten, weil er die Tatwaffe besorgt haben soll. Den beiden Angeklagten droht nach Angaben von Prozessbeobachtern lebenslange Haft.

Der jüngste Bruder erschoss Hatun Sürücü im Februar 2005 an einer Bushaltestelle in Berlin. Dafür wurde er in Deutschland zu neuneinhalb Jahren Jugendstrafe verurteilt. Damals gab er zu Protokoll, den westlichen Lebensstil seiner Schwester verachtet zu haben. Mit dem Mord habe er die Ehre der Familie wiederherstellen wollen. Nach Verbüßung der Strafe wurde der Täter in die Türkei abgeschoben. Der Fall hatte in Deutschland viel Aufsehen erregt.

Auch die beiden älteren Brüder standen in Deutschland vor Gericht, wurden aber zunächst aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Der Bundesgerichtshof hob die Freisprüche 2007 auf. Weil die beiden Männer sich in die Türkei abgesetzt hatten, konnte der Prozess jedoch nicht neu aufgerollt werden. Erst 2013 eröffnete die türkische Justiz ein eigenes Strafverfahren gegen die beiden Männer.

In der Istanbuler Anklageschrift heißt es: „Es muss angenommen werden, dass wenn auch kein Indiz alleine ausreicht, um die Schuld der Verdächtigen zu beweisen, dennoch die Gesamtheit der Indizien den nötigen Beweis liefern kann.“

Hauptbelastungszeugin der Anklage ist die Ex-Freundin des Täters. Sie hatte im Prozess gegen ihren Ex-Freund in Deutschland ausgesagt, dieser habe ihr vom Mitwirken der beiden Brüder erzählt. Die Frau konnte im Istanbuler Verfahren nicht noch einmal gehört werden, weil es den Behörden nicht gelang, ihren Aufenthaltsort zu ermitteln. Die Staatsanwaltschaft bezieht sich auf die Ermittlungsakten, die Berlin den türkischen Behörden übersendet hatte.

Der Täter war beim Prozessbeginn in Istanbul im Januar 2016 persönlich vor Gericht erschienen. Dort gab er an, die Tat allein begangen zu haben. Er widersprach seinen Aussagen in Deutschland und sagte, seine Schwester nicht wegen ihres westlichen Lebensstils umgebracht zu haben. Vielmehr habe er bei einem Streit die Fassung verloren.

Die Staatsanwaltschaft machte in ihrem Abschlussplädoyer klar, dass sie dennoch davon ausgehe, dass die Brüder die Tat gemeinsam beschlossen hatten. Die beiden Älteren hätten den Jüngsten damit beauftragt, die „Ehre zu säubern“.

  • dpa
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