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Medienwissenschaftler "DSDS ist organisierte Hysterie"

Die Kandidaten der Castingshow "Deutschland sucht den Superstar" würden es normalerweise nicht zu C-Promis schaffen. Warum sie bei RTL jedoch Massenhysterien auslösen erklärt Medienwissenschaftler Alexander Kissler.
28.03.2011 - 16:11 Uhr Kommentieren

Berlin Ardian Bujupi, Marco Angelini, Pietro Lombardi, Sarah Engels, Sebastian Wurth und Zazou Mall: Sechs Namen, die die meisten Deutschen noch nie gehört haben, und trotzdem gibt es wegen dieser jungen Menschen eine Massenpanik. 19.000 Fans drängelten sich am Sonntag in Oberhausen, quetschten, schubsten - alles nur, um ein Autogramm zu bekommen. Ein Autogramm von einem DSDS-Kandidaten, der es ziemlich sicher nicht einmal zum C-Promi schaffen wird. Gecastet, gehyped und vergessen - so lautet das gängige Motto von Shows wie „Deutschland sucht den Superstar“ (RTL). Doch die Macher schaffen es geschickt, ihre „Stars“ ins rechte Licht zu rücken.

„Das ist organisierte Hysterie“, sagt der Medienwissenschaftler Alexander Kissler. „So wie die Kandidaten präsentiert werden und die Juroren sich als Oberaufseher geben - das schürt eine Hysterie auch unter den Fans.“ In den DSDs-Shows werde diese überschäumende Begeisterung durch die Juroren kanalisiert, bei einem anderen Event aber könne die „unausgelebte Hysterie“ dann offen hervorbrechen. Tatsächlich reicht es im heutigen TV nicht mehr, lediglich junge Talente mit einem Mikro auf der Bühne zu präsentieren. Um kontinuierlich sechs bis sieben Millionen Zuschauer bei der Stange zu halten, muss der Hunger nach Klatsch und Tratsch befriedigt werden.

Da gab es in DSDS-Staffel acht einen veritablen Zickenkrieg inklusive Weinkrämpfen und Zusammenbrüchen, SMS-Mobbing, Aufregung um angebliche Nacktfotos und nachgesagte Liebeleien. Die Titel mancher Videos auf der Homepage klingen nach Trash-Filmen aus dem Nachtprogramm: „Die Sex-Geheimnisse der Kandidaten“, „Polizei-Alarm bei Pietro“ oder „Tränen, Hysterie & Beschimpfungen“. Die Fanlager werden so aufgewiegelt und mobilisiert. „Das ist eine Erzählweise im Stile von Daily Soaps - und das beherrscht RTL gekonnt und hoch professionell“, sagt Kissler. „Durch diese serielle Erzählweise gibt es eine Hysterie auf Dauer, sie ist haltbarer, einfacher abrufbar.“

Das Problem daran: Die Kandidaten sind zwar echt, ihr Image aber häufig „gemacht“: „Die eine ist die Zicke, die zweite das unschuldige Opfer, der dritte der Macho - das Image bleibt haften.“ Die realen Personen erfüllen in diesem Gefüge nur noch ihre Rolle. „DSDS ist ein komplett künstliches Format, deshalb funktioniert es so gut.“ Mittlerweile trägt sich die Hysterie selbst. Gab es in den ersten Staffeln noch häufig Indiskretionen zuerst in den Boulevardmedien, so werden viele Skandälchen heute direkt über die DSDS-Homepage oder Online-Netzwerke verbreitet - auch ein Grund für den andauernden Erfolg, meint Kissler. „Das Internet ist der Hauptschauplatz. Dort findet die Show praktisch rund um die Uhr statt. Man kann quasi mitmachen, darüber diskutieren.“ Das stärke natürlich die Aufmerksamkeit und die Fan-Bindung. „DSDS zeigt, wie Fernsehen und Internet verschmelzen.“ Zudem sei das Kandidatenfeld zuletzt jünger geworden, was wiederum jüngere Zuschauer anziehe. „Und die sind empfänglicher für Hysterie.“

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    Alles im Sinne der Unterhaltung, die stets im Vordergrund steht - selbst am Tag nach der Massenpanik mit rund 60 Verletzten und einigen Knochenbrüchen. So heißt es auf der DSDS-Homepage lapidar: „Die Autogrammstunde der Top sechs von „Deutschland sucht den Superstar“ musste aufgrund des großen Andrangs aus Sicherheitsgründen abgebrochen werden. Bis zu 19.000 Fans wollten die DSDS-Kandidaten hautnah erleben.“ Erst weiter unten steht etwas von „Quetschungen oder Kreislaufzusammenbrüchen“. Doch selbst RTL scheint von der aktuellen Massenhysterie überrascht worden zu sein. Die DSDS-Autogrammstunde im vergangenen Jahr habe zwischen 4000 und 6000 Fans angezogen, hieß es in einem schriftlichen Statement am Montag. „Ob und in welcher Form es auch in Zukunft Autogrammstunden geben wird, werden wir entscheiden, wenn wir wissen, wie es zu dem gestrigen Hergang kam.“

     

    • dpa
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