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Nachruf US-Schriftsteller Philip Roth mit 85 Jahren gestorben

Von komischer Verrücktheit bis hin zu gefühlvoller Lyrik konnte Philip Roth für praktisch jede Gemütslage Worte finden. Der Autor hinterlässt eine Lücke in der US- und Weltliteratur.
Update: 23.05.2018 - 10:10 Uhr Kommentieren
Philip Roth: US-Schriftsteller stirbt im Alter von 85 Jahren Quelle: Reuters
Philip Roth

2012 ist der Schriftsteller in Ruhestand gegangen.

(Foto: Reuters)

New York„Portnoys Beschwerden“ und „Amerikanisches Idyll“ waren nur zwei von Dutzenden bedeutenden Werken des Autors Philip Roth. Seine Bestseller waren preisgekrönt, in mehr als 25 Romanen zeigte er böse Satire, Realismus ohne Kompromisse und konfrontierte seine Leser oftmals mit seiner Überzeugung, bloß nicht auf eine himmlische Belohnung nach dem Leben auf Erden zu hoffen.

Wie sein Agent Andrew Wylie der Nachrichtenagentur AP sagte, starb Roth am Dienstagabend in einem Krankenhaus in New York an Herzversagen. Der amerikanische Starautor mit jüdischen Wurzeln wurde 85 Jahre alt.

Er gehörte zu den größten Schriftstellern der US- und Weltliteratur, ein Literaturnobelpreis war ihm zeit seines Lebens aber nicht vergönnt. Stattdessen nahm er nahezu jede andere mögliche Auszeichnung mit nach Hause: zwei National Book Awards, zwei Preise der amerikanischen Literaturkritiker-Vereinigung National Book Critics Circle und 1998 den Pulitzer-Preis für „Amerikanisches Idyll“.

Roth wurde nicht nur gefeiert, sondern galt auch als umstritten. Seine Geschichten über Sexualität, Religion und Sterblichkeit wurden von Kritikern abgewehrt wie ein Schwarm Bienen. Für seinen Roman „Der Ghost Writer“ zitierte der Autor einen seiner Helden, Franz Kafka: „Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen.“

Feministen, Juden und eine Ex-Frau griffen ihn an. Auf einem Cover des Magazins „The Village Voice“ wurde er als Frauenhasser verurteilt, weil Frauen in seinen Romanen oftmals lediglich als Lust- oder Hassobjekte vorkamen. Ein Moderator fragte ihn einmal, ob er seine komische Darstellung von Juden auch in Nazi-Deutschland geschrieben hätte. Der jüdische Gelehrte Gershom Scholem nannte „Portnoys Beschwerden“ ein Buch, „für das alle Antisemiten gebetet haben“.

Roth, selbst atheistischer Jude und im eigenen Verständnis nicht jüdischer, sondern amerikanischer Autor, thematisierte oftmals das jüdische Leben in den USA. Ihm ging es dabei um die zweite Generation nach den Einwanderern, die ohne religiöse Rituale und Zugehörigkeit zu einer Synagoge ihren Alltag bestreitet. Sein Bestseller „Portnoys Beschwerden“ (1969) erzählt von einem sexsüchtigen jüdischen Anwalt.

In „Sabbaths Theater“, einer wilden Erzählung von Lust und Sterblichkeit, die Roth selbst als sein bestes Werk bezeichnete, sinniert er über den Schriftzug auf dem Grabstein seines Protagonisten: „Sodomist, Frauenschänder, Zerstörer der Moral.“

Roths Ex-Frau Claire Bloom schrieb in ihren Memoiren, einst das Manuskript für seinen Roman „Täuschung“ in den Händen gehalten zu haben. Mit Schrecken habe sie festgestellt, dass unter seinen Charakteren eine langweilige Ehefrau mittleren Alters namens Claire gewesen sei, verheiratet mit einem fremdgehenden Schriftsteller namens Philip. Sie bezeichnete ihren Ex-Mann als kalt, manipulativ und instabil.

Tatsächlich hatte Roth auch mit eigenen Dämonen zu kämpfen. 1987 litt er an einer Depression, die fast im Suizid geendet wäre. Nach negativen Reaktionen auf seinen 1993 veröffentlichten Roman „Operation Shylock“ fiel er erneut in eine Depression und sprach über Jahre hinweg nur selten mit den Medien.

Bis zu seinem abruptem Ruhestand vor drei Jahren war Roth ein produktiver Autor, der fast jedes Jahr ein Buch veröffentlichte. Schriftstellern aus dem Ausland gegenüber galt er als großzügig: Jahrelang bereitete Roth etwa Werke von osteuropäischen Autoren für die amerikanische Leserschaft auf; Milan Kundera beispielsweise profitierte davon. Roth half außerdem, eine breitere Leserschaft hinter dem israelischen Schriftsteller Aharon Appelfeld zu versammeln.

Der 1933 geborene Roth begann seine Karriere in Rebellion gegen die Konformität der 1950er Jahre. Bekannt wurde er 1959 mit seinem Werk „Goodbye, Columbus“. Voller Wärme schrieb er über seine Kindheit, voller Trauer und Wut über den Schock verlorener Unschuld. Seiner Leserschaft versprach er indes nie, ein Freund zu sein. Schreiben sei die Erzählung des Lebens „in seiner ganzen schamlosen Unreinheit“.

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  • ap
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