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Alkoholkonsum Veränderte Trinkkultur – Wie Unternehmen den Rausch strategisch nutzen

Ein Glas Wein zum Business-Lunch? Früher normal, heute verpönt. Doch der Alkohol ist nicht aus den Chef-Etagen verschwunden. Er wird nur anders eingesetzt.
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Die Kultserie zeigt, wie selbstverständlich früher Alkohol zum Arbeitsleben gehörte. Bildquelle: picture alliance / AP Photo
Szene aus „Mad Men“

Die Kultserie zeigt, wie selbstverständlich früher Alkohol zum Arbeitsleben gehörte.

Bildquelle: picture alliance / AP Photo

München, Düsseldorf Peter Glock* ist noch keine 40. Arbeiten müsste er wohl trotzdem nicht mehr, so viel Geld hat er schon verdient. Geholfen haben ihm dabei natürlich nicht nur, aber auch: Wein, Sekt, Wodka, Champagner, Sake. Für Glock ist Alkohol im Privatleben ein Gemeinschaftserlebnis; im Job ist er ein regelrechter Beziehungskleister.

Der gebürtige Münchener, der aus dem Versicherungsgeschäft kommt und zuletzt bei einem internationalen Konzern im oberen Management für einen Umsatz von zwei Milliarden Euro verantwortlich war, sagt: „Man lacht zusammen, gewinnt Nähe, bricht für kurze Momente aus dem Leistungskorsett aus.“

Vor allem aber sei Trinken in der Versicherungsindustrie „Bestandteil der Geschäftskultur und wichtig fürs Dealmaking“, so Glock. Zu Beginn seiner Karriere habe er regelmäßig mit Brokern gezecht. Das sei wichtig gewesen, um sie zu umgarnen. Schließlich entschieden sie darüber, welchen der vielen Versicherungsfirmen sie die Risiken ihrer Kunden übertrügen.

Glock überrascht es daher nicht, wie empört die Mitarbeiter des Versicherungsmarktplatzes Lloyd’s of London reagierten, als 2017 ein Alkoholverbot verhängt wurde, das kürzlich noch verschärft wurde. „Werden wir jetzt auch gebeten, früher ins Bett zu gehen?“, fragte ein Betroffener laut englischen Medienberichten. Ein anderer ätzte: „Bin ich gerade aus meinem Rausch aufgewacht und in Orwells ‚1984‘ gelandet?“

Dabei erfahren die Mitarbeiter des Policenmarktes derzeit nur, was sich in anderen Branchen längst etabliert hat. „Wir erleben eine krasse Ernüchterung des Arbeitslebens“, sagt Hasso Spode von der TU Berlin. Die „Optimierungskultur“ habe eine „stramm asketische Phase“ eingeläutet. So wie vor 100 Jahren, als einige Länder eine Prohibition einführten. Auch heute werde Alkoholkonsum wieder ähnlich kritisch gesehen.

Der Professor für Historische Soziologe und Vorstand der internationalen „Alcohol and Drugs History Society“ (ADHS) hat sich intensiv mit der Kultur- und Sozialgeschichte des Alkoholkonsums befasst und glaubt, dass der „Siegeszug des Neoliberalismus“ seit den 1990er-Jahren für diesen Wandel verantwortlich sei.

Generation der Asketen

Eine gesundheitsbewusste Managergeneration regiert heute, schlanke und durchoptimierte Asketen wie Adidas-Chef Kasper Rorsted oder Google-CEO Sundar Pichai. Sie leben Verzicht, Bodenständigkeit und Fitness vor – und die Mitarbeiter tun es ihnen gleich. Gehen vor der Arbeit joggen, schwitzen beim Firmen-Zumba, haben das Rauchen aufgegeben, trinken ein Glas Sekt mit viel Orangensaft, wenn die Kollegin Geburtstag hat.

Der Wandel ist ein Segen, wie Suchtexperten betonen. Alkoholismus ist ein ernstes Problem, das der Psychologe Louis Lewitan von seinen Klienten, überwiegend Führungskräften, gut kennt. Wenn das Abschalten nicht mehr gelingt, greifen manche zur Flasche. Andere nehmen Kokain oder Ritalin, um das Tempo zu halten.

Der Alkohol ist nicht verschwunden aus der Geschäftswelt; es ist seine kulturelle Rolle, die sich drastisch verändert hat. Ein zur Gewohnheit gewordener Rausch ist zwar tabu, als Schmierstoff für Geschäftsbeziehungen wird der Schwips aber gezielt eingesetzt. Warum das so ist, zeigt eine Studie des Evolutionspsychologen Robin Dunbar von der Universität Oxford.

Demnach regt gemeinsamer Alkoholkonsum Endorphine an, die dafür verantwortlich sind, soziale Bindungen und gegenseitiges Vertrauen zu stärken. „Unternehmen und Geschäfte funktionieren über Vertrauen“, so Dunbar. „Wirtschaft besteht am Ende aus Beziehungen zwischen Menschen.“ Er empfiehlt daher, sowohl mit Kollegen als auch mit Geschäftspartnern „moderat trinken zu gehen“.

Eine heiße Sommernacht in Rom im Jahr 1995. Auf der Spanischen Treppe greifen die Carabinieri drei alkoholisierte Deutsche auf. Pässe haben die Rom-Besucher nicht dabei, dafür eine Flasche Chianti. Es wird lautstark debattiert, von Beamtenbeleidigungen ist später die Rede, einige Medien berichten von Handgreiflichkeiten.

Auf der Wache stellt sich heraus, wen die Polizei da mitgenommen hat: den damaligen Daimler-Chef Jürgen Schrempp mitsamt Büroleiterin und Assistent. Heute herrschen andere Regeln. An die musste sich auch der ehemalige RWE-Chef und Edelrestaurantbesitzer Jürgen Großmann anpassen.

Der Lebemann beendete im Frühsommer 2010 seine tausendtägige Alkoholabstinenz mit einem Kräuterlikör, einem Lerina, hergestellt von Mönchen der Insel St. Honorat vor Cannes. „Wer mich kennt, kann ermessen, welch harte Zeit hinter mir liegt“, seufzte er. In geselliger Runde habe der Weinliebhaber, der seiner Frau Enthaltsamkeit versprochen hatte, schon mal ein Glas bestellt, doch nur, um daran zu riechen, kokettierte Großmann.

Sendboten des Wohlstands
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