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Cannabis Wenn ein Rezept die Droge Cannabis zur Medizin macht

Einstieg in die Szene oder das Beste gegen chronische Schmerzen – was ist der Unterschied zwischen einem Joint und medizinischem Marihuana?
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Aus den Blüten der schnell wachsenden Pflanze wird unter anderem das Cannabinoid THC gewonnen. Quelle: AP
Cannabispflanze

Aus den Blüten der schnell wachsenden Pflanze wird unter anderem das Cannabinoid THC gewonnen.

(Foto: AP)

Hamburg Zwischen Wundertüte und Teufelszeug: Mit Cannabis ist alles anders – denken, fühlen, kommunizieren, erinnern, erleben. Während sich die einen beim Kiffen auf der Couch tiefenentspannt ihrem Kopfkino hingeben, reißt bei anderen der Film. Und dann sind da noch die, die weniger Schmerzen haben wollen, möglichst ohne lull und lall zu sein.

Seit dem 1. März 2017 steht in Deutschland solchen und anderen Patienten mit „schwerwiegenden“, allerdings nicht näher definierten Erkrankungen Cannabis als Medizin zur Verfügung. Ein Arzt kann seither auf (Betäubungsmittel-)Rezept zum Abholen in der
Apotheke getrocknete Cannabisblüten – sogenannter Medizinalhanf – oder Blütenextrakte verschreiben. Eins wie das andere muss aus staatlich kontrolliertem Qualitätsanbau beziehungsweise aus entsprechenden Importen (Kanada, Niederlande) stammen, da der Anbau hier noch nicht so weit ist.

Verwendet werden können die Blüten dann zum Rauchen mit oder ohne zusätzlichen Tabak, zum Inhalieren (Verdampfer), Trinken (Tee) oder Essen (Gebäck). Die Extrakte gibt es in Form von Tinkturen, Cremes, Tropfen. Bislang konnten schon synthetisch
hergestellte Fertigarzneimittel verordnet werden. Nach wie vor gilt des Doktors begründete Einschätzung, dass ein Krankheitsverlauf oder schwere Symptome zeitnah spürbar positiv beeinflusst werden.

„Wem Cannabis wirklich hilft, der soll Cannabis nun auch bekommen können“, hatte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, gesagt, als der Gesetzentwurf „Cannabis als Medizin“ (18/10902) im Januar 2017 beschlossen wurde. Mortler hatte diesen Schritt als einen großen „für eine moderne und differenzierte Gesundheitspolitik“ bezeichnet. Die Behandlungskosten würden unter bestimmten Voraussetzungen von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.

Dies kann bei Diagnosen wie Multipler Sklerose, HIV/Aids, dem Tourette-Syndrom oder bei Hepatitis C der Fall sein; bei Appetitlosigkeit und Übelkeit während einer Chemotherapie oder in der ambulanten Schmerztherapie: bei Gelenkschmerzen im
Rahmen einer rheumatischen Erkrankung zum Beispiel, Schmerzen in den Beinen aufgrund einer Querschnittslähmung oder Kopfschmerzen als Folge einer Gehirnblutung.

Das Ganze immer als Alternative, wenn eine allgemein anerkannte Therapie mit besserer Wirksamkeit und möglicherweise weniger Nebenwirkungen nicht funktioniert, und bezogen auf den berühmten Einzelfall.

Die Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin e.V. (ACM) listet, Überraschung, um die 60 Einsatzmöglichkeiten allein für Cannabisblüten auf – darunter Allergien und sogar grüner Star –, und noch mal die etwa gleiche Zahl an Ausnahmeerlaubnissen der Bundesopiumstelle.

Einer generellen Legalisierung von Cannabis war seinerzeit eine Absage erteilt worden. Mehr noch: Als im Dezember 2018 in Berlin der Jahresbericht der deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht zur Situation illegaler Drogen (DBDD)
veröffentlicht wurde, teilte Marlene Mortler mit, den Konsum mit umfangreicher Suchtprävention im Wert von einer halben Million Euro eingrenzen zu wollen. Cannabis sei unter den verbotenen Suchtstoffen am meisten verbreitet, sowohl bei den
Jugendlichen als auch bei den Erwachsenen und vor allem bei Männern.

So hätten 2017 7,3 Prozent der Zwölf- bis 17-Jährigen und 6,1 Prozent der 18- bis 64-Jährigen Cannabis konsumiert. Zum Vergleich: Nur 1,2 Prozent der Jugendlichen und 2,3 Prozent der Erwachsenen hätten in dem Jahr andere illegale Drogen zu sich genommen.

Cannabidiol-Kapseln werden in der Schmerztherapie eingesetzt. Quelle: dpa
Cannabis als Medizin

Cannabidiol-Kapseln werden in der Schmerztherapie eingesetzt.

(Foto: dpa)

„Das ist keine gute Entwicklung“, sagte Mortler und betonte, dass es eine bedenkliche Entwicklung gäbe, Drogenkonsum als Lifestyle zu verharmlosen: „Die ständige Debatte um die Legalisierung suggeriert gerade den Jüngeren, Cannabis sei eine ungefährliche Substanz – das ist falsch! Cannabis von heute hat mit der vergleichsweise schwachen Droge von vor 20 Jahren wenig gemein. Wer in jungen Jahren regelmäßig kifft, schädigt sich fürs ganze Leben.“

Merkfähigkeit, Konzentration und Leistungsfähigkeit lassen nach, Depressionen und Schizophrenie können die Folge sein. Auch beim medizinischen Marihuana sind Nebenwirkungen ein heikles Thema. Der wohl wichtigste Grund liegt im Wirkstoff selbst. Die weibliche Hanfpflanze Cannabis sativa enthält etwa 500 verschiedene Komponenten, davon rund 100 Cannabinoide.

Zwar ist die medizinische Wirksamkeit zum Lindern von Schmerzen und Entzündungen von zwei Cannabinoiden, nämlich Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD), durch einige klinische Studien und in Einzelfällen erwiesen. Das gilt besonders für Nervenschmerzen. Darüber hinaus jedoch sind die Effekte auf den menschlichen Körper weitgehend unerforscht.

Genaue Dosisangaben fehlen

Es gibt keine Hinweise, für welche Beschwerden welche Anwendung in welcher Dosierung am besten geeignet ist. Gerade für die beliebten Cannabisblüten fehlen genaue Dosisangaben: Für derzeit 14 verschiedene Sorten liegen die Konzentrationen für
THC zwischen einem und 22 Prozent, die für CBD zwischen 0,05 und neun Prozent. Häufig wirken die Cannabinoide gleichzeitig auf mehrere Symptome einer Diagnose. Angewiesen auf Erfahrungswerte anderer Patienten gilt damit wie in der Depressionstherapie das Prinzip „Trial and Error“, hier allerdings seit gut 20 Jahren.

Mit anderen Worten: Was dem einen hilft, kann beim nächsten komplett unwirksam sein. Oder: Wer illegal einen Joint rauchen oder Cannabis inhalieren will, weiß, worauf er sich einlässt. Das THC, das für die berauschende Wirkung verantwortlich ist, geht direkt ins Blut. Wer das legal auf Rezept tut, weiß nicht unbedingt, was ihn erwartet. All das führt zu Unsicherheiten, Vorbehalten und Ablehnung – bei einem Teil der Ärzteschaft wie bei Krankenkassen. Nein, die erstatten die Behandlungskosten nicht
grundsätzlich, allenfalls für zwei Drittel der gestellten Anträge.

„Es müssen für jedes Krankheitsbild methodisch gut gemachte Studien vorliegen, die den gewünschten Effekt belegen und die Art, Schwere und Häufigkeit von Nebenwirkungen wie zum Beispiel Verwirrtheit oder Psychosen erfassen“, mahnte Professor Winfried Häuser vom Klinikum Saarbrücken 2017 auf dem Deutschen Schmerzkongress in Mannheim. Der Leiter des Schwerpunkts Psychosomatik hat zusammen mit Kollegen aus insgesamt 750 Studien elf Übersichten ausgewertet, die sich mit Cannabisarzneien bei Tumorschmerzen, rheumatischen Schmerzen, Schmerzen im Magen-Darmtrakt oder Appetitlosigkeit bei Krebs und AIDS beschäftigt haben. Ernüchterndes Ergebnis: Positive Effekte sind nicht erwiesen.

Um weitere Erkenntnisse zur Wirkung von Cannabis zu gewinnen, führt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) begleitend zur Verordnungspraxis und auf Basis anonymisierter Daten über Diagnose, Therapie, Dosis und Nebenwirkungen eine Erhebung durch. Damit sollen auch Informationen zum langfristigen Gebrauch von Cannabis zu medizinischen Zwecken gesammelt werden.

Solange noch keine konkreten Ergebnisse vorliegen, bleiben die Hürden hoch und der Weg in die Therapiefreiheit erscheint nach nahezu zwei Erfahrungsjahren lang und steinig. Selbsttherapie ist auch kein Weg. Die Nebenwirkungen sind unüberschaubar. Wie beim Kiffen.

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