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Zwift Training

Der aktuelle Place to be für Ausdauersportler.

(Foto: Zwift)

E-Sport mit Zwift Trainieren, Rennen fahren, Alpe d’Huez erkunden – im eigenen Wohnzimmer

Rennradfahren mit Zwift ist Training, Wettbewerb, Gaming und Social Media in einem. Warum das Programm boomt – und was nötig ist, um mitzumachen.
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DüsseldorfWer wäre das nicht gern: gesund und sportlich unterwegs, unabhängig vom Wetter, mit Spaß und in Gesellschaft. Gerade für die beliebten Ausdauersportarten Radfahren, Marathon oder Triathlon gilt ja: Gewinner werden im Winter gemacht.

Nur: Wie denn bitte schön Radfahren, wenn es unaufhörlich regnet? Oder schneit? Oder derart unwirtlich ist, dass auch mit bester Ausrüstung keine Outdoor-Aufenthalte jenseits von Alibi-Betätigungen infrage kommen?

Nun gibt es Ergometer und Laufbänder im Fitnessstudio, auch auf der Matte im Wohnzimmer kann schweißtreibendes Yoga, Faszien- oder Hanteltraining stattfinden. Aber auf Dauer macht das selten Spaß – und ist definitiv kein Ersatz fürs Radfahren.

Es gibt allerdings, der Technik sei Dank, Möglichkeiten, sich unabhängig von der Witterungslage (extrem) sportlich zu betätigen. Und zwar fast so, als wäre man doch da draußen irgendwo, am Tour-de-France-Berg, in der Ebene mit Weitblick, beim Intervalltraining oder gar im Wettbewerb mit anderen unterwegs. Das alles in den eigenen vier Wänden.

Wer mit Radsportlern auf sozialen Netzwerken wie Facebook oder der Fitness-App Strava verbunden ist, wird es schon gemerkt haben: Der aktuelle Place to be für Ausdauersportler heißt Zwift. Zwift, das ist eine Art Massen-Onlinespiel für Radfahrer. Mithilfe eines internetfähigen Rollentrainers trainieren sie in einer virtuellen Welt, der Computer simuliert Anstrengung und Steigung.

Die frische Luft fehlt, aber Ausblick, Steigung und Wettbewerb werden simuliert. Quelle: Zwift
Mit dem Avatar in der Zwift-Welt

Die frische Luft fehlt, aber Ausblick, Steigung und Wettbewerb werden simuliert.

(Foto: Zwift)

Seit Einführung der kostenpflichtigen Zwift-Anwendung – derzeit 14,99 Dollar pro Monat – im Herbst 2015 hat sich die Zahl der Nutzer laut Angaben des kalifornischen Unternehmens jedes Jahr mehr als verdoppelt. Mitte Januar hatten fast 1,1 Millionen Menschen ein Konto bei Zwift, die bis dato annährend 750 Millionen Kilometer zusammengefahren hatten.

Am 8. Januar um 20 Uhr mitteleuropäischer Zeit erreichte die Auslastung ihren bisherigen Rekord: 13.000 Radfahrer ließen simultan ihre Avatare gegeneinander anstrampeln. Mittlerweile übersteigt die Zahl der sogenannten Zwifties in Europa die der US-Nutzer – wobei Deutschland der am schnellsten wachsende Markt ist.

Nun ist das nicht ganz neu: auf dem Rollentrainer die Alpen im Wohnzimmer überqueren oder den Mont Ventoux neben dem Weinregal im Keller erklimmen, inklusive simulierter Steigung und virtueller Animation auf einem Bildschirm. Woher also der plötzliche Hype um Zwift?

Es ist der Mix aus Social Media, Playstation, Wettbewerb, effektivem Training und Glamourfaktor: Man kann anderen Sportlern folgen und sich vernetzen, sich in Wettbewerben mit (Tausenden) anderen Fahrern, die zeitgleich starten, messen oder an Trainingsfahrten teilnehmen.

Alle Aktivitäten lassen sich zudem, das ist der Clou, mit anderen Anwendungen zum Beispiel des Sportuhren-Herstellers Garmin oder der beliebten Social-Fitness-App Strava kombinieren. Denn die Orte haben echte GPS-Koordinaten – so wird das Training auf Strava angezeigt, als ob man wirklich dort unterwegs wäre.

Im virtuellen Radfahr-Mekka findet sich auch der Anstieg „Alpe du Zwift“ – mit den unverwechselbaren Kurven von Alpe d’Huez. Quelle: Zwift
Watopia

Im virtuellen Radfahr-Mekka findet sich auch der Anstieg „Alpe du Zwift“ – mit den unverwechselbaren Kurven von Alpe d’Huez.

(Foto: Zwift)

Dafür hat Zwift fiktive Radfahr-Mekkas geschaffen in „Watopia“ – zum Beispiel die „Alpe du Zwift“, die unverwechselbar dem legendären Anstieg von Alpe d’Huez nachempfunden ist. Es lassen sich auch die Kurse der Weltmeisterschaften 2018 von Innsbruck oder Richmond 2015 nachfahren sowie Strecken in London und New York. Zum Boom hat sicher beigetragen, dass Zwift Ende 2016 eine iOS-Version launchte und ein knappes Jahr später eine Apple-TV-App.

Gemeinsam mit anderen Unternehmen aus dem Radbereich – etwa mit dem britischen Bekleidungshersteller Rapha, dem amerikanischen Rad-Tech-Unternehmen Wahoo oder dem Brillenhersteller Oakley – lädt Zwift auch zu Wettbewerben wie gerade in Wien oder Australien, ausgerufen werden die von Strava bekannten Titel „Qom“ („Queen of Mountains“) und „Kom“ („King of Mountains“).

Dabei fahren die Teilnehmer gegeneinander – und auch nebeneinander, aber eben auf den Rollentrainern. Auf großen Bildschirmen von ihnen läuft der Wettbewerb ihrer Avatare in der animierten Welt von Zwift, und zu diesen Events kommen eventuell Hunderte Zuschauer, um anzufeuern und das Spektakel mitzuverfolgen.

Besonderer Reiz: Auf den virtuellen Routen besteht die Chance, auch echten Profis zu begegnen, die an ihrem „Pro“-Schriftzug auf dem Trikot zu erkennen sind. Keine Frage, es hat was, mal zu vergleichen, wie man sich gegen einen Tour-de-France-Star schlägt – am Berg gegen André Greipel ist es für die richtig ambitionierten Hobbysportler vielleicht sogar gar keine komplett niederschmetternde Erfahrung.

Der Promi-Faktor ist nicht aufgesetzt – die Nutzung durch die Stars darf sehr wohl als Bürgschaft für die Effektivität des Trainings gewertet werden. Der deutsche Sprinter Rick Zabel zum Beispiel, der sich im vorigen November bei einem Unfall auf der Straße das Schlüsselbein brach, nutzte Zwift, um wieder in Form zu kommen.

Auf der Präsentation seines Alpecin-Katusha-Teams Ende des Jahres erzählte der 25-Jährige, der auf Instagram oder Facebook auch gern mal lockere Beiträge und Spaßbilder postet, freimütig: Er habe eigentlich nichts übrig für das Training auf der Rolle, ziehe stets das Outdoor- dem Indoor-Training vor.

Aber mit dem frischen Bruch? Sein Vater, Ex-Profi Erik Zabel, habe ihn dann auf die Idee gebracht: „Versuch es doch mal mit Zwift.“ Und es habe ihm tatsächlich Spaß gemacht und ihn schon wenige Tage nach dem Unfall zurück aufs Rad gebracht.

Der Ausstatter von Zabels Team, Canyon Bicycles aus Koblenz, der auch Sponsor eines Profi-Frauen-Teams ist, macht sich Zwift noch in ganz anderer Form zunutze: Erstmals 2016 rief das Team Canyon-Sram Radfahrerinnen in aller Welt zu einem Wettbewerb auf, bei dem es am Ende um einen Profivertrag ging.

2016 gewann die Amerikanerin Leah Thorvilson, im Dezember 2018 sicherte sich die erst 20-jährige Neuseeländerin Ella Harris den Platz im Team – und 2017 war es die Deutsche Tanja Erath.

Die damals 28-Jährige hatte eigentlich ganz andere Pläne, als ihr sportliches Hobby zum Beruf zu machen: Sie hatte gerade ihr Medizinstudium beendet und eine Karriere im Krankenhaus im Sinn, als ein Freund sie auf den Wettbewerb in der virtuellen Welt aufmerksam machte.

Insgesamt 2.159 Frauen hatten sich angemeldet, und nach fast 20 Work-outs in der virtuellen und weiteren Wettkämpfen in der realen Welt setzte sich Erath durch. Gerade erst hat sie ihren Vertrag mit dem Canyon-Sram-Team für das Jahr 2019 verlängert.

Für Erath ist Zwift „nicht nur eine Trainingsplattform, die Indoor-Training effizienter und reizvoller gestaltet“. Es habe sich zu einer weltweiten Community entwickelt, die es ermögliche, zusammen mit Menschen von überall auf der Welt zu trainieren und Rennen zu fahren.

Am besten gefalle ihr, „dass es dabei nicht um das beste Material, den besten Look, die richtigen Connections oder die richtigen Entscheidungen geht. Deine Zahlen, deine Leistung und dein Willen, dich zu quälen, sind entscheidend, um dich ins Finale zu bringen.“

Eraths Beispiel zeigt, wie sich die virtuell animierte Sportwelt mit dem Wettbewerb in der echten Welt verquicken lässt. Während der Weltradsportverband UCI am Rande der Weltmeisterschaft in Innsbruck im September 2018 ankündigte, dass man sich intensiv mit dem Thema E-Sport auseinandersetze und in Zukunft auch Wettbewerbe von Profis auf Zwift denkbar seien, treibt Zwift die Entwicklung selbst voran.

„Wir haben große Pläne für Zwift und E-Sport“, versprach Zwift-Gründer und -Chef Eric Min im Dezember – wenige Tage, bevor das Start-up bekanntgab, dass es sich in einer weiteren Finanzierungsrunde 120 Millionen Dollar an Investitionen gesichert hatte.

Nun hat das Unternehmen selbst eine virtuelle Rad-Liga geschaffen, in der die Teams die Wettbewerbe nur in der virtuellen Welt, theoretisch also rund um den Globus verteilt, austragen. Das erste Live-Rennen findet am 23. Januar 2019 statt.

Zum Start gehören der „Kiss Super League“, wobei „Kiss“ für „Keep it simple stupid“ steht, vier UCI-Pro-Continental-Teams an – also Teams, die quasi zweite Liga sind, aber deren Fahrer mit Wildcards auch bei den großen Rennen und Landesrundfahrten der Profifahrer starten: die Teams „Israel Cycling Academy“ und „Cofidis, das mit Diabetikern besetzte Team „Novo Nordisk“ sowie das Team „Hagens Berman Axeon“ und weitere Profiteams wie „Canyon dhb p/b Bloor Homes“ oder das Nachwuchsteam „Team Dimension Data for Qhubeka U23“.

Im Wettbewerb starten außerdem erfolgreiche Teilnehmer bisheriger Zwift-Wettbewerbe. Und, ja: Auch eine Frauen-Liga ist in Planung.

Diese Ligen und Events dürften die Popularität der Plattform weiter vorantreiben. Und währenddessen feilt das Unternehmen, das seit bald einem Jahr auch eine (noch kostenfreie) Anwendung für Läufer anbietet, schon an neuen Plänen. Derzeit können sich Läufer auf dem Laufband ein sogenanntes Bluetooth Foodpod an ihre Schuhe anheften, das die Daten an den PC und das Zwift-Programm übermittelt.

Im Gegensatz zum Radsport, wo sich auch durch den Boom von Zwift in den vergangenen Jahren die Qualität der Rollentrainer stark verbessert hat, fehlen allerdings noch geeignete Laufbänder, die Steigungen und das Lauferlebnis realistisch nachempfinden lassen.

Aber auch hier will Zwift den Markt pushen. Und da das Unternehmen die Marktchancen im Laufbereich noch größer einschätzt als im Radsport, ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis auf Facebook und Strava auch reihenweise Laufrekorde von Freunden aus der Watopia-Welt aufpoppen.

Die Autorin ist bekennendes Mitglied der Strava-Gruppe „Siff statt Zwift“.


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