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Gesünder leben Fasten ja – Aber muss es Heilfasten sein?

An den Empfehlungen für eine gute Ernährung ändert sich letztlich nichts. Fasten kann ein perfekter Einstieg sein, Gewohnheiten zu überprüfen.
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Die Getränke der ersten Wahl sind Wasser, Tees, Säfte ohne künstliche Zusätze, selbstgemachte Saftschorlen und leichte Gemüsebrühen. Quelle: gms
Flüssiges zum Fasten

Die Getränke der ersten Wahl sind Wasser, Tees, Säfte ohne künstliche Zusätze, selbstgemachte Saftschorlen und leichte Gemüsebrühen.

(Foto: gms)

HamburgAm Aschermittwoch beginnt wieder die Fastenzeit – also der Bis-Ostern-Verzicht, wahlweise auf Alkohol, Schaumzuckermäuse, Tütensuppen und inzwischen sogar auf permanente Erreichbarkeit, neudeutsch: digital Detox. Das tut gut und sensibilisiert für Sinnloses und Krankmachendes, zumindest kurzfristig.

Um Kurzfristigkeit geht es beim Fasten aber eigentlich nicht, ohnehin nicht beim klassischen Heilfasten, das außerdem keine wirkliche Maßnahme zum Abnehmen ist. Was ist es dann? Eine wichtige Zeit in den Kalendern großer Religionen, eine Philosophie, so alt wie die Völker der Erde, „freiwilliger, bewusster Verzicht auf feste Nahrung für einen begrenzten Zeitraum“.

So hat es Dr. Otto Buchinger beschrieben, der längst verstorbene Begründer des Heilfastens in den 1920er-Jahren. Mit dem Satz „Nach dem Fasten sollte das Bewusstsein weiter sein als der Hosenbund!“ hat der Mediziner wichtige Eigenschaften des Fastens bereits angedeutet.

Fasten ist eine Enthaltsamkeitsübung: Jenseits vom Übermaß und über körperliche Reinigungsprozesse hinaus ist Fasten eine mentale Erfahrung wie Schweigen oder Meditieren, mit der Einladung zur Innenschau: Lebensstil überprüfen, sich in jeder Hinsicht leer machen, Gewohnheiten los- und neue Erkenntnisse zulassen, Sinne schärfen, Selbstheilungskräfte aktivieren beziehungsweise stärken.

Fasten ist Rückzug in völlige Stressfreiheit: Idealerweise ist das Fasten ärztlich begleitet, mit Bewegung, Darmreinigung und Leberwickeln; ein sieben bis 28 Tage (manche mögen´s noch länger) dauernder strukturierter Weg zur Regeneration und Transformation, auch des Stoffwechsels. Und es ist das Gegenteil von Hungern, wenn man nicht nur stille Wasser und Tees zu sich nimmt, sondern auch frisch zubereitete Bio-Gemüsebrühen und -säfte sowie Buttermilch für die Muskulatur.

Fasten kann nicht jeder: Wer möchte oder sollte, sei es präventiv oder bei Diagnosen wie Diabetes, Erkrankungen der Haut, des Bewegungs- oder Verdauungssystems, der braucht einen Check-up und eine wohlwollende Einstellung zum Thema, das im Übrigen gänzlich ideologiefern ist.

Richtig durchgeführt, entwickelt sich nach einer typischen Fastenkrise – als Folge der Umstellung auf körpereigene Reserven – mit Kreislaufproblemen und schlechter Laune ein ungeahntes körperliches Leistungs- und psychisches Stimmungshoch, ausgelöst durch eine Endorphin-Flut.

Als Jetztzeit-Version solcher traditionellen Trinkkuren wird inzwischen das Intervallfasten beschworen. Auf Basis der Kürzel 16:8 oder 5:2 wird 16 Stunden nicht und acht Stunden wie gewohnt, am besten aber „gesund“ gegessen. Oder fünf Tage gegessen und zwei Tage nicht. Das Ganze, wenn möglich, für immer. Zahllose Ratgeberbücher versprechen Gewichtsverluste ohne Jojo-Effekt, einen veränderten Stoffwechsel und gute Gesundheit.

Die Fangemeinde und mancher Wissenschaftler haben den Hype um das tage- oder stundenweise Fasten inzwischen zur Lebenshaltung geadelt. Forscher am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und Universitätsklinikum Heidelberg sprechen dagegen schlicht von Diät und haben nun Wasser in den Wein gekippt.

Ende 2018 wurde die „Helena-Studie“ der DKFZ im American Journal of Clinical Nutrition veröffentlicht, die bisher längste Untersuchung mit den meisten Teilnehmern zum Intervallfasten, und dem Ergebnis: hilft beim Abnehmen, lässt das tückische Bauchfett schmelzen, fördert die allgemeine Gesundheit – allerdings nicht besser als andere Diäten.

Das Geheimnis einer gesunden Ernährung liegt noch immer in der Abwechslung frischer und gering verarbeiteter Zutaten. Quelle: dpa
Back to basics

Das Geheimnis einer gesunden Ernährung liegt noch immer in der Abwechslung frischer und gering verarbeiteter Zutaten.

(Foto: dpa)

150 übergewichtige und fettleibige Frauen und Männer im Alter zwischen 35 und 65 Jahren sind ein Jahr lang von einem Team um die (seinerzeit noch) Doktorandin am DKFZ, Ruth Schübel, begleitet worden. Eingeteilt in drei Gruppen machte eine Gruppe über zwölf Wochen eine Diät, Gruppe zwei ernährte sich im 5:2-Rhythmus. In beiden Gruppen wurde die tägliche Kalorienmenge um rund 20 Prozent gesenkt.

Die dritte Gruppe hatte keinen Ernährungsplan und wurde lediglich zum Thema Ausgewogenheit beraten, wie alle anderen auch. Anschließend wurden 38 Wochen lang Gewicht und Gesundheitswerte der Teilnehmer dokumentiert. Letztlich ließen sich keine nennenswerten Unterschiede bei den Diätformen ausmachen. Die Erfolge in Gruppe drei tendierten gen null.

Langzeiterfahrungen fehlen

Es mag überraschen, dass die Arbeit die Euphorie um das Intervallfasten nicht bestätigt; sie zeigt aber auch, „dass es einigen Menschen leichter fällt, an zwei Tagen sehr diszipliniert zu sein, statt jeden Tag Kalorien zu zählen und sich einzuschränken“, sagt Tilman Kühn vom DKFZ, wissenschaftlicher Leiter der Studie. „Schon ein kleiner Diäterfolg ist ein großer Gewinn für die ganzheitliche Gesundheit. Wichtig ist es jedoch, das neue Gewicht zu halten.“

Möglich, dass bei Intervallfastenden dieser Aspekt sogar weniger im Vordergrund steht als der des Durchhaltens. Kritiker, unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, halten den Trend jedenfalls für ungeeignet, daraus eine dauerhafte Kostform zu machen. Langzeiterfahrungen würden fehlen, auch zum Jojo-Effekt.

Überhaupt ist es für die meisten nach wie vor schwierig, eine Ernährung konsequent beizubehalten oder umzusetzen, die sich mit vernünftig etikettieren lässt. Und die in diesen Zeiten beim Verbrauch von Fleisch, Fisch, Eiern, Obst, Gemüse quasi automatisch die politisch-ethisch-nachhaltigen Dimensionen in den Blick nimmt.

Als ökologisch denkender Mensch wünscht man sich, dass das Motto „Bessere Qualität statt Quantität“ sich langsam durchsetzt. Wer ohnehin mit „Ernährungsbildung“ beschäftigt ist, hat hiermit kein Problem. Regional, saisonal, wenn möglich unverpackt: eh klar.

Auch die biologisch korrekte Bratwurst ein ums andere Mal ist dann kein Thema. Für alle anderen verschleiern die immer neuen Ideen, die jedes Jahr durch die Medien getrieben werden, letztlich eine schlichte Wahrheit: An den Empfehlungen für eine gute Ernährung ändert sich nichts.

Sofern Trends dabei helfen, dass sich gerade junge Leute und chronisch Kranke damit auseinandersetzen, ist alles gut. Denn eine nährstoffreiche Kost mit nicht mehr als drei Mahlzeiten pro Tag bleibt grundsätzlich anspruchsvoll, ist aber Medizin.
Experten gehen davon aus, dass mehr als die Hälfte sämtlicher Krankheiten durch einen Lebensstil mit falscher Ernährung mitbedingt ist, das gilt auch für viele Krebsarten.

Nicht zuletzt deshalb ist es logisch, vorbeugend und therapeutisch eine Ernährung zu finden, die jenseits von magischen Spezialdiäten
• einfache Regeln hat und weder umständlich noch schwierig oder langweilig ist,
• dauerhaft dabei hilft, gesund und schlank zu werden respektive zu bleiben,
• keine Ge- und Verbote kennt,
• auf Diätpläne und Cholesterintabellen verzichtet,
• sich jederzeit in den Alltag integrieren lässt,
• exzellent schmeckt und gut verträglich ist,
• die Lust am Essen nicht verdirbt.

In dem Sinne liegt das Geheimnis im „Back to Basics“: in der Abwechslung frischer und gering verarbeiteter Zutaten. Eine Vielfalt pflanzlicher Lebensmittel wird kombiniert mit Getreide- und Milchprodukten, Nüssen und Hülsenfrüchten, gegebenenfalls mit Fisch und Fleisch vom Händler des absoluten Vertrauens. Hauptfettquellen sind hochwertiges Oliven- und Rapsöl.

Die Getränke der ersten Wahl sind Wasser, Tees, Säfte ohne künstliche Zusätze, selbst gemachte Saftschorlen, leichte Gemüsebrühen. Alles andere ist für die Glücksmomente. Das Beste daran: Kombiniert mit regelmäßiger Bewegung sind künftig nicht nur Gewichtsprobleme erledigt.

Klingt einfach? Ist es. Allerdings darf niemand schnelle Wunder erwarten. Die Auswirkungen eines körperlich und seelisch überbeanspruchenden Lebens mit Nikotin, Alkohol, Stress und Bewegungsmangel können auch durch klügstes Essverhalten nicht kompensiert werden.

„Es funktioniert nicht, das komplizierte Regelwerk des menschlichen Körpers nur durch einen einzelnen Faktor positiv beeinflussen zu wollen“, hat Professor Claus Fischer, Chefarzt der Klinik für Urologie am Klinikum Bayreuth, im Rahmen eines Kongresses mal gesagt. (Heil-)Fasten kann da ein perfekter Einstieg sein.

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