Entspannung im Office

Selbstführung des Managers stärkt Wohlbefinden und Widerstandskraft und soll zugleich Hochleistungen ermöglichen – eigene und bei den Mitarbeitern.

(Foto: picture alliance)

Gesund führen Wenn Vorgesetzte ihre Arbeitsmodelle umstellen

Führungskräfte, die ihre eigene Gesundheit und die der Mitarbeiter im Blick haben – das klingt grandios. Aber auch viel einfacher, als es ist.
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HamburgGesund führen – so lautet ein Mantra in Unternehmen, in denen Vorgesetzte bewusst als Vorbild vorangehen möchten. Sie setzen sich also aktiv mit ihrer eigenen Gesundheit, mit der Gesundheit ihrer Mitarbeiter sowie mit dem Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz auseinander, leben die Wertschätzung dafür explizit vor – und sparen damit im besten Fall Kosten.

Selbstverständlich sind aber auch die Mitarbeiter gefordert. Das klingt klasse. Das ist aber alles andere als einfach.

Bodo Janssen ist so einer, der eine Vision vom Kulturwandel in der Arbeitswelt vorlebt und diese seit einigen Jahren daran teilhaben lässt, zum Beispiel im aktuellen Film zu seinem Buch „Die stille Revolution”. Darüber sprechen kann man mit ihm persönlich nicht, für ein paar Tage hat sich der Manager auf den Rhythmus in einem Kloster eingelassen, um in neue Balance zu kommen. Rückzug, Muße, Reflexion: „Herr Janssen lebt selbst, was er in seinem Unternehmen weitergibt”, sagt eine Mitarbeiterin.

Eine Frage zu diesem Kulturwandel lautet: „Wie würden wir arbeiten, wenn wir uns nochmal neu erfinden würden?”, eine andere: „Wofür ist es sinnvoll, sich einzusetzen, als Mensch, nicht als Unternehmer?”

Der Herr über zurzeit 82 Hotel- und Ferienwohnungsanlagen an der Ost- und Nordseeküste zeigt sich davon überzeugt, dass das betriebswirtschaftliche Diktum der Wertschöpfung durch Ressourcenausbeutung gewandelt gehört in Wertschätzung durch Potentialentfaltung. Von der Quantität zur Qualität, und das in einer reifen Unternehmenskultur, die daran interessiert ist, dass alle sich wohl fühlen.

So können Chefs den Krankenstand der Mitarbeiter senken

„Dieser Paradigmenwechsel wird ein Spektrum erschließen, das in seinen Dimensionen noch gar nicht absehbar ist,” sagt Janssen, 44 Jahre alt, Betriebswirt und Sinologe aus Emden, im Film. Im Kern gehe es um Führung – Selbstführung sowie Mitarbeiterführung. Und zwar in genau dieser Reihenfolge: Am Anfang stehe die Selbsterkenntnis – und in der Folge auch der Mut, alte, tief verinnerlichte Denkmuster und Arbeitsmodelle in Frage zu stellen und einen neuen Weg zu suchen.

Janssen hat mit seinem neuen Unternehmen 2010 einen neuen Weg eingeschlagen, nachdem er verheerende Ergebnisse einer Mitarbeiterumfrage erhalten hatte: „In Schulnoten ausgedrückt, zwischen vier und fünf. Der Wunsch nach einem neuen Chef war ein Schlag ins Kontor”, erzählt er.

Heute gilt der Mann als eine Art Spiritus Rector in einem Topmanagement, in dem Vorgesetzte das Zeug zum Vorbild haben, weil sie starke Persönlichkeiten sind. Solche mit Erfahrung und einer Haltung; mit der nötigen Aufmerksamkeit für die eigene Gesundheit und die der Beschäftigten.

Gesund führen, was ist das? Megatrend, Gegenbewegung, Glücksversprechen, oder einfach Anachronismus in einer Arbeitswelt, die sich tiefgreifend transformiert? Obwohl starre nine-to-five-Zeiten und steile Hierarchien in vielen Berufen von flexiblen Modellen und flachen Strukturen abgelöst werden, gilt: „Digital“, „global“, „flexibel“, „mobil“, vernetzt“ oder „selbstoptimiert“ bleiben Kampfbegriffe der Industrie 4.0, die große Teile der Gesellschaft derart herausfordert, das sie mit Krankheit reagieren. Tendenz steigend.

Der jüngste DAK-Gesundheitsreport 2018 zum Beispiel gewährt tiefe Einblicke in den deutschen Arbeitsalltag. Mit etwa 110 Millionen Fehltagen im Jahr 2017 (2016: 107 Millionen) stehen bei 44 (43,5) Millionen Erwerbstätigen seelische Störungen auf Platz zwei der Krankschreibungen; Probleme mit dem Muskel-Skelettsystem führen die Liste an.

Zeitdruck und Leistungsverdichtung, unangemessene Bezahlung, Überforderung und Mobbing manövrieren Beschäftigte scheinbar unaufhaltsam in eine tiefe Erschöpfung, die wiederum den Weg für Depressionen, Angst- oder Suchterkrankungen ebnen kann.

Auch Spitzenmanager bekommen den Stress der veränderten Arbeitswelten zu spüren. Sie werden nicht mehr allein von Mitarbeitern und Investoren nach ökonomischen und moralischen Kriterien bewertet und gegebenenfalls sanktioniert, sondern auch von der Öffentlichkeit, sofern das Unternehmen relevant genug ist.

Die Folgen wirken schlimmstenfalls auf die gesamte Organisation. 103 Milliarden Euro kosten schlechte Chefs laut aktuellem Gallup Engagement Index die deutsche Volkswirtschaft, auch, weil jeder siebte Mitarbeiter innerlich gekündigt hat. Die gute Nachricht: Es wird viel experimentiert in Unternehmen.

Überall gibt es den Wunsch und eine gewisse Sehnsucht nach neuen Führungsstilen und einem Personal mit umfangreichen Kompetenzen. Idealerweise und im Sinne von „Prävention 4.0“, einem Projekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, sind das Kommunikationsfähigkeit, emotionale Kompetenz, Beziehungskompetenz.

Gesund führen also. Was das bedeutet, hat 2016 die Universität Witten/Herdecke aus dem Status quo der Forschung in einer Studie zusammengefasst. Gesunde Führung, heißt es da, beginnt bei jedem selbst: „Wer sich nicht selbst zu führen versteht, kann auch andere nicht führen.” Selbstführung ist umschrieben mit Selbstfürsorge, Selbstmanagement, Selbstreflexion, Selbstverantwortung, und mit der Vorbildwirkung verbunden. So stärkt sie Wohlbefinden und Widerstandskraft und soll zugleich Hochleistungen ermöglichen, eigene und bei den Mitarbeitern.

Als wichtig für eine gesunde Selbstführung gilt die Erkenntnis, dass subjektiv empfundene Belastungen immer im eigenen Kopf entstehen. Entsprechend geht es neben dem klassischen Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz zunächst stets um die psychische und mentale Gesundheit – um Transparenz bei Belastungen, um offensiven Stressabbau und ja, um freundlichen Umgang. Körperliche Fitness wird vorausgesetzt.

Mit mitarbeiterorientierten Verhaltensweisen bringen 211 für die Studie befragte Führungskräfte (46 % Frauen, 54 % Männer, durchschnittliches Alter: 44 Jahre) Respekt, Anerkennen guter Arbeit und wiederum Kommunikation in Verbindung. Letztere spiegelt sich darin, regelmäßig Feedback zu geben und anzunehmen; eine offene Fehlerkultur zu haben; kooperativ mit Wissen und Ideen umzugehen und, nicht zuletzt, ein positives Grundrauschen herzustellen.

„Wo solche Konzepte gelebt werden können, richtet man sich an einem übergeordneten Zweck aus, der sich an etwas anderem misst als dem eigenen Vorteil”, sagt Professor Timo Meynhardt vom Dr. Arend Oetker Lehrstuhl für Wirtschaftspsychologie und Führung an der HHL Leipzig Graduate School of Management.

Die private Universität hat 2015 in einer Untersuchung mit dem Titel „Healthy Leadership: Prevention, promotion, balance” herausgearbeitet, dass Firmen, die sich den Mitarbeitern ebenso verpflichtet fühlen wie den Zielen, ihre Leute nicht nur darin unterstützen, allen hinlänglich bekannten Diagnosen vorzubeugen. „Prävention darf sich nicht in betrieblich geförderten Fitnessprogrammen erschöpfen”, so der Tenor. „Wer Leistung fordert, muss heute etwas Besonderes bieten.”

Die zentralen Erfolgsfaktoren für wirksame Strategien sind Organisation und gute Führung. Gut bedeutet, dass mit den Mitarbeitern regelmäßig Ziele vereinbart werden, die sie nicht nur intrinsisch motivieren, sondern zuweilen herausfordern, die persönliche Latte etwas höher zu legen. Fehlt noch das „Wie“.

Gesund führen heißt für den Wirtschaftspsychologen Meynhardt, der eigenen Macht einen Sinn zu geben, indem man anderen einen Nutzen stiftet: Was hat die Gesellschaft davon, dass es das Unternehmen gibt? Was der Einzelne? Im sogenannten Leipziger Führungsmodell steht er für das Credo „Gemeinsam sinnvoll wachsen”, schließlich verbringe der Mensch 80 Prozent seiner wachen Zeit in der Arbeitswelt, diese sei ein Fundament seiner Erfahrungen.

Das Problem der Eigenverantwortung

„Wer Gestaltungsspielräume hat und schafft, kann wachsen, fachlich und persönlich, und als Team die Zukunft des Unternehmens gestalten.” Für Meynhardt schließt sich damit der Kreis zur Gesundheit. Allerdings: In der Realität wird das höchstens in jedem zehnten Unternehmen gelebt.

Das Problem ist die Eigenverantwortung bei den Mitarbeitern. Denn wirklich erfolgreich wird gesunde Führung erst, wenn Engagement von Unternehmerseite sich mit einer Haltung der Beschäftigten trifft, in ganzheitliche Gesundheit einsteigen zu wollen.

Gelingt dies, könnte auch damit die Feststellung des amerikanischen Ökonom und Nobelpreisträgers Edmund Phelps, dass 95 Prozent des persönlichen Glücks durch die Arbeitswelt bestimmt werden, einen neuen Sinn ergeben.

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