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Innere Leere Wenn an der Depression die Partnerschaft zerbricht

Depressionen zu verstehen ist mühsam. Patienten und Angehörigen eine Stimme geben, sie zu Experten machen: Das ist wichtig. Und wertvoll.
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Während sich draußen die Welt weiterdreht, verabschiedet sich der Depressive sukzessive vom Leben. (Foto: Fernando @cferdo on Unsplash)
Die Leere im Innern

Während sich draußen die Welt weiterdreht, verabschiedet sich der Depressive sukzessive vom Leben.

(Foto: Fernando @cferdo on Unsplash)

Hamburg „Es ist das Gefühl, als würde ich in einem Zimmer liegen und von der Decke beginnt Öl zu tropfen, und man sinkt gleich in das Öl ein.“ Ferdinand von Schirach gab vor wenigen Wochen bei Markus Lanz ein eindringliches Bild von einer Diagnose, die zu den
weltweit häufigsten – und häufig tödlichen – zählt.

Der Strafrechtler und Schriftsteller sprach über sein neues Buch und über seine Depression. Und damit über eine Erkrankung, die letztlich ebenso einen biologischen Hintergrund hat wie Allergien oder Schuppenflechte. Allerdings wissen viele
Depressionskranke nicht mehr, wozu sie noch da sind.

Innere Leere – definiert als Unfähigkeit zur Freude, Verlust von Interesse an allem und damit als Abwesenheit von Lebendigkeit – ist ein quälender Kernaspekt. Praktisch kann das bedeuten: Ein vorher umtriebiger Mensch bewältigt seine Arbeit nicht mehr, wird bewegungsarm, ruhig bis einsilbig und zieht sich zurück, nicht selten ins Bett.

Ermüdet durch ständige Zweifel an sich und der Welt wird abgeblockt, was mal mit Lust und Genuss assoziiert war, werden Verbindungen gekappt: zu sich, zu Freunden, zur Familie, zum Partner. „Deshalb ist Depression oft die Ursache und nicht die Folge von
Partnerschaftskonflikten“, sagt Professor Ulrich Hegerl, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Leipzig und Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Die Stiftung hat Ende 2018 zum zweiten Mal das „Deutschland-Barometer Depression“ veröffentlicht, eine repräsentative Befragung zu Einstellungen und Erfahrungen mit Depressionen. Nach dem ersten Barometer 2017 mit dem Schwerpunkt „So denkt
Deutschland wurden 5.000 Frauen und Männer zwischen 18 und 69 Jahren online zum Thema „Auswirkungen der Depression auf Partnerschaft und Familie“ interviewt.

Von den Patienten berichten 50 Prozent über Folgen für die Partnerschaft, gespeist durch Schuldgefühle und Angst, den anderen zu enttäuschen. 84 Prozent davon fühlen sich unverstanden und/oder werden mit Vorwürfen konfrontiert, 83 Prozent erleben Streit und Konflikte, 45 Prozent haben eine Trennung hinter sich.

Wie verheerend eine Depression auf die Partner wirken kann, zeigen die Daten auch: 73 Prozent entwickeln Schuldgefühle und/oder fühlen sich verantwortlich für die Erkrankung und Genesung des Gefährten. 61 Prozent reagieren wütend und gereizt, denn
sie ahnen nichts von dem, was der Kranke erträgt.

Und: Fast jeder dritte Angehörige gibt an, schlecht über Depressionen informiert zu sein. Bei nicht wenigen gelten sie noch immer als Symbol für Mimosenhaftigkeit, Disziplinlosigkeit und Scheitern. Das überrascht nicht. Depressive Störungen zu verstehen
und als solche zu erkennen, ist mühsam – für medizinische Laien wie für Ärzte.

In Deutschland sitzt jedem Hausarzt täglich mindestens ein depressiver Patient gegenüber und er merkt es oft nicht. Weil: Depressionen haben kein einheitliches Krankheitsbild, sondern viele Gesichter. Vordergründig sind Beschwerden wie Kopf-, Magen-,
Rückenschmerzen, Schlafstörungen, die Nicht-Diagnose Burnout. Andererseits hat die Krankenkasse Halle gerade festgestellt, dass immer häufiger Antidepressiva verordnet werden. Doch das ist ein anderes Thema.

Die Last der Depression lässt sich verringern, wenn die Familie und enge Freunde mit einbezogen werden. (Foto: Toa Heftiba on Unsplash)
Nicht ohne meine Familie

Die Last der Depression lässt sich verringern, wenn die Familie und enge Freunde mit einbezogen werden.

(Foto: Toa Heftiba on Unsplash)

Frauen neigen zu übermäßigem Klagen, Männer verstummen und tendieren zu Suchtproblemen („Ich trinke im Moment zu viel“). Es gibt aber auch Menschen, die wirken überaus aktiv, verfolgen nahezu fanatisch berufliche, sportliche oder kulturelle Interessen und präsentieren sich bei allem, was sie tun, locker und redegewandt. Andere wirken nervös, angespannt, innerlich getrieben; sie können plötzlich panisch werden.

Ob mit oder ohne manische Symptome, an ihrem Tiefpunkt angekommen, eint alle eines: Depressiv Erkrankte sind in ihrer Gesamtheit zutiefst erschüttert, ohne dass die Ursachen immer erklärbar wären. Per definitionem finden fundamentale Veränderungen im Verhalten, Erleben und in der Vitalität statt, die länger als zwei Wochen die Wahrnehmung und alle Handlungen überschatten.

Im Verlauf der häufigsten Form, der unipolaren Depression, ist nahezu jeder Tag trostlos. Hinzu kommen Appetit- und Schlaflosigkeit oder das Bedürfnis nach „Dauerschlaf“. Schwer Erkrankte reagieren und sprechen nur sehr zögernd, Gestik und Mimik wirken erstarrt, sie können nicht einmal mehr weinen.

Vulnerabilität und Stress

António R. Damásio, Professor der Neurowissenschaften und Psychologie an der University of Southern California, hat mal gesagt: „Bei der Depression atmet die Seele durch den Körper.“ Um das zu verstehen, lohnt ein Blick auf die Verflechtungen zwischen Körper und Kopf: Im Zusammenspiel von seelischen, sozialen und biologischen Mechanismen werden verschiedene Nervennetzwerke beim Übertragen von Signalen gestört. Die Megafaktoren heißen Verletzbarkeit der Psyche (Vulnerabilität) und Stress, zusammengefasst wird das Ganze im sogenannten Vulnerabilitäts-Stress-Modell: Die Haut wird dünn, die Seele empfindsam, die Stressverarbeitung behindert.

Als Verstärker wirken gelernte Verhaltensmuster, Erfahrungen, Lebensbedingungen, auch Vererbung und bestimmte Persönlichkeitsmerkmale. Das Fass zum Überlaufen bringen dann meist äußere Ereignisse, die massiv unter Druck setzen und in eine als lähmend empfundene Einsamkeit münden; eine Scheidung beispielsweise, Jobverlust, Geldsorgen.

Es gibt auch gute Nachrichten. Die beste im Depressions-Barometer ist die, dass die Krankheit das Potenzial für mehr Substanz und Tiefe in der Partnerschaft hat. 36 Prozent der Erkrankten und 56 Prozent der Lebensgefährten sagen das. Unterstützung erfahren 52 Prozent der Patienten, 63 Prozent vertrauen sich dem Partner an.

Dass sie sich öffnen, persönliche Einblicke in den eigenen Kosmos gewähren, der Krankheit eine Stimme geben: Dies will auch „Die Mitte der Nacht“, ein multimediales interaktives Forum, in dem Betroffene und Angehörige in selbst hochladbaren kurzen
Textbeiträgen und Videoclips ihre Geschichte mit der Welt teilen können.
Die Initiatoren – eine Regisseurin und ein Facharzt für Psychiatrie – möchten mit ihrem Projekt Verständnis wecken und einen offenen Umgang mit der Erkrankung fördern, die für Außenstehende oft so schwierig zu fassen ist. Dafür machen sich auch Experten und Prominente stark, zum Beispiel Harald Schmidt.

Wenn sich auf diese Weise die Familie und ziemlich beste Freunde mit ins Boot holen ließen, wäre das quasi eine Fortsetzung mit anderen Mitteln von etwas, das der Psychiater Dr. Josef Bäuml vom Klinikum rechts der Isar der TU München vor einigen Jahren als „Meilensprung in der Psychotherapie“ bezeichnet hat. Gemeint ist ein Konzept mit dem Fachbegriff „Psychoedukation“ und der Devise „Nicht ohne Deine Angehörigen“. Als ein zentrales Element meist in der klinischen Behandlung bindet es eben diese explizit ein, um die Hilflosigkeit und Ohnmachtsgefühle zu verringern.

Psychoedukation ist der Versuch, mit interaktiven Informationen allen Beteiligten Aha-Momente zu ermöglichen. Speziell jene Sachverhalte kommen zur Sprache, die das Verständnis von neurobiologischen und psychosozialen Zusammenhängen erleichtern und den Austausch beflügeln. So kann es einfacher werden, sich mit der Erkrankung auseinanderzusetzen und sie zu akzeptieren. Ziel ist es, beide Seiten zu Experten in eigener Sache zu machen und in ein lebenswertes Leben zurückzuführen.

In jedem Fall ist damit die Hoffnung verbunden, Menschen auf Basis ihrer individuellen Ressourcen in den Seelenbrüchen helfen zu können – frei nach einem anderen Wortmächtigen, Leonard Cohen, der einmal gesungen hat: „Vergiss Deine perfekte
Darbietung. In allem ist ein Riss, das ist die Stelle, durch die das Licht hineinkommt.“

Bei leichter Depression bietet die European Alliance against Depression das Online-Selbstmanagement-Programm iFightDepression an: Selbsttest und Übungen zum Ändern von Gedanken oder Verhaltensweisen.

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