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Mobilität und Arbeit Das „Pendlersyndrom“ – Wenn das Hin und Her maximal stresst

Immer mehr, immer weiter, immer länger: Pendeln ist der Preis für mehr Flexibilität in Zeiten von Arbeit 4.0. Was macht das mit der Gesundheit?
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Der typische Pendler in Deutschland nutzt das Auto – und tappt damit in die Hauptstressfalle. Quelle: dpa
Rein in die Stadt

Der typische Pendler in Deutschland nutzt das Auto – und tappt damit in die Hauptstressfalle.

(Foto: dpa)

Hamburg „Streik bei der Bahn, Straßen alle dicht – so einen Wochenstart braucht kein Mensch“. So brachte es der „Berliner Kurier“ dieser Tage auf einen Nenner. Rund 17 Millionen Berufspendler in Deutschland brauchen kurz vor Weihnachten einmal mehr Nerven aus Stahl.

Abgesehen davon, dass sie in dieser Jahreszeit im Dunkeln aufstehen und im Dunkeln heimkommen, liegt dazwischen ein gegebenenfalls anspruchsvoller Arbeitstag – und schlimmstenfalls ein extrem nerviger Arbeitsweg. Hin und zurück. Das legt man am Abend nicht mal eben mit dem Mantel ab.

Was eine solche „Work-Life-Balance“ mit der Gesundheit macht, wird regelmäßig in Studien untersucht. Im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK) wurden nun 79 der wichtigsten nationalen und internationalen wissenschaftlichen Arbeiten aus den Jahren
2010 bis August 2018 zu dem großen Überblick „Mobilität in der Arbeitswelt“ zusammengefasst. Ergänzt werden die Ergebnisse um eine Untersuchung der beschäftigten TK-Versicherten.

Die fünf wichtigsten Fakten lauten:

1. Beschäftigte in Deutschland müssen immer flexibler sein, was ihre Arbeitswege angeht. Pendeln ist für viele mittlerweile ein fester Bestandteil des täglichen oder wöchentlichen Arbeitsrhythmus.

2. Pendeln ist mit zahlreichen seelischen, körperlichen und sozialen Belastungen für die Gesundheit verknüpft.

3. Pendler sind insgesamt zwar weniger krankgeschrieben als Beschäftigte mit kurzem Arbeitsweg, sie sind aber häufiger von psychischen Erkrankungen betroffen.

4. Entscheidend für die gesundheitlichen Auswirkungen sind fünf Faktoren: Pendelmodus (Auto, öffentliche Verkehrsmittel), Entfernung, Dauer, Geschlecht, Erlebnisse auf der Pendelstrecke.

5. Beschäftigte mit Promotion und anderen Hochschulabschlüssen pendeln am weitesten.

Die Anzahl an Pendlern ist in den vergangenen 15 Jahren stark gestiegen. Heute sind rund 45 Prozent der Beschäftigten hierzulande Berufspendler, das heißt, ihr Arbeitsplatz liegt in einem anderen Kreis als ihr Zuhause. Tendenz steigend. Während kürzere Fahrstrecken zum Arbeitsplatz bis zu zehn Kilometer rückläufig sind, steigen die Distanzen zwischen zehn und 50 Kilometern. Davon betroffen sind laut Studie zurzeit 33,4 Prozent.

Aber auch Wege bis zu 200 Kilometern und mehr je Strecke sind drin. Rund 7,5 Prozent der Männer und 5,4 Prozent der Frauen legen die tagein, tagaus zurück. Ein Grund ist, dass vermehrt nicht nur vom Land in die Stadt gependelt wird, sondern auch zwischen städtischen Regionen. Ein anderer: Je spezialisierter der Beruf, desto weniger Einsatzorte gibt es.

Beschäftigte in Deutschland müssen, was ihre Arbeitswege angeht, immer flexibler sein. Quelle: dpa
Im Pendelmodus

Beschäftigte in Deutschland müssen, was ihre Arbeitswege angeht, immer flexibler sein.

(Foto: dpa)

Der typische Pendler in Deutschland ist männlich und zwischen 35 und 55 Jahre alt. Er ist hochqualifizierter Haupt- und Besserverdiener, der vollzeit im Dienstleistungsgewerbe aktiv ist, vor allem in der Luftfahrtbranche. Auch Vertriebler und IT-Spezialisten sind viel unterwegs. Vergleichsweise sesshaft sind Angestellte in der Agrar- und Ernährungsbranche sowie in privaten Haushalten, zum Beispiel Reinigungspersonal.

Und: Der typische Pendler in Deutschland nutzt das Auto – und tappt damit in die Hauptstressfalle. Wer täglich mehr als 90 Minuten zum Job und wieder weg braucht, also länger als 45 Minuten pro Strecke, erlebt das als grundsätzlich belastend. Wenn man
sich nach einem langen Tag dann auch noch zur Rush Hour darauf konzentrieren muss, Unfälle zu vermeiden, wird Pendeln zum Trigger. Hier gibt es einen direkten Zusammenhang zu verbalen Entgleisungen.

Entsprechend machen die Autoren einen eindeutigen Trend aus: Je mehr Zeit das Hin und Her zwischen Wohn- und Arbeitsstätte braucht, und je bewegungsloser – passiver – das geschieht, umso häufiger zeigen sich die vielen Facetten von Stress. Also Nervosität und gesteigerte Reizbarkeit, Erschöpfung und Müdigkeit, Schwindelgefühle und depressive Stimmungen.

Oben auf der Symptomliste des „Pendlersyndroms“ stehen außerdem Kopf-, Glieder-, Nacken-, Schulter-, Rückenschmerzen sowie Erkrankungen des Atemsystems. Da Pendler obendrein meist früher aufstehen müssen, leiden sie zu allem Übel häufiger unter
Schlafmangel, Tagesmüdigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten.

„Damit hat der Straßenverkehr als Stressfaktor denselben Stellenwert wie die ständige Erreichbarkeit durch Smartphone, Facebook und Co.“, sagt Albrecht Wehner, bei der TK verantwortlich für die Gesundheitsberichte. Wer diese Situation nicht beeinflussen könne, indem er den Wohnort wechselt, würde einen hohen Preis zahlen: In den letzten fünf Jahren lagen Fehltage und Krankschreibungen allein aufgrund seelischer Probleme bei 49 Prozent.

Hier spielt es dann allerdings keine Rolle mehr, ob im Auto oder in öffentlichen Verkehrsmitteln gependelt wird. Wenngleich es in Zügen und auf Flügen mehr Gelegenheiten zum Abschalten gibt, sind die Erfolge meist kurzfristig. Augen zu, ein gutes
(Hör-)Buch, die Lieblingsmusik oder -meditation können beim Ausblenden der meist unschönen Realität dennoch helfen.

Immerhin entfielen laut der TK-Studie 2017 auf 100 Pendler mit Arbeitswegen von mehr als 50 Kilometern 242 Ausfalltage aufgrund psychischer Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen etc. Bei jenen mit kurzen Wegen waren es 219 Tage – ein Unterschied von elf Prozent. Bei den Frauen liegt die Differenz sogar bei rund 15 Prozent. Obwohl sie insgesamt weniger lange und weit pendeln, reagieren Frauen, vor allem wenn sie kleine Kinder haben, stärker als Männer auf lange An- und Abfahrtszeiten mit Unwohlsein.

Frauen reagieren stärker

Mehr noch: Magen- und Verdauungsbeschwerden können zunehmen, Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Beschwerden steigen, der Schlaf sowie die Partnerschaft, das Familien- und soziale Leben leiden. Albrecht Wehner vermutet den Zusammenhang darin, dass Frauen immer noch mehr Aufgaben zuhause übernehmen und mehrfache Belastungen mit Haushalt und Kindern weite Wege nicht zulassen.

Völlig anders sieht das Ganze aus, wenn sich die Gelegenheit zum „aktiven Pendeln“ bietet: Zur Arbeit mit dem Fahrrad oder zu Fuß wirkt sich durchweg positiv auf die seelische und körperliche Gesundheit aus. Ja – sofern das aber nicht mitten im
Großstadtlärm und -dreck geschieht und der Arbeitsweg vergleichsweise kurz ist.

In ihrem Fazit werben die Autoren für mehr Sensibilität in Unternehmen. Oft sei dort nicht klar, dass mit intelligenten Schichtplänen, guter Arbeitsorganisation und Digitalisierung großer Einfluss darauf genommen werden kann, dass Pendeln entlastet. Ein wichtiger Aspekt ist hier das Home-Office.

Ebenso erwähnenswert ist für sie eine zukunftsorientierte Verkehrspolitik, und nicht zuletzt sind die Pendler selbst gefordert. Einige Studien zeigen, dass die einen oder anderen mehr Fastfood essen, zum exzessiven Medienkonsum neigen und besonders Männer mehr Alkohol trinken: „Jeder kann selbst beeinflussen, wie belastend das Pendeln für ihn wird und wie er gegensteuert, sei es mit gesunder Ernährung und ausgleichender Bewegung, mit genügend Schlaf und Entspannungstechniken oder mit
Fahrgemeinschaften“, heißt es.

Eine bemerkenswerte Beobachtung hat zudem Marc Hassenzahl gemacht. Der Design-Professor an der Universität Siegen entwickelt Ideen, um die Technik im Auto so zu gestalten, dass sie den Bedürfnissen der Menschen nach Ruhe und Sicherheit
entsprechen. So will er mit seinem Team dafür sorgen, dass Pendeln sich positiv anfühlen kann.

Das Auto kommuniziert für den Fahrer

„Wir haben Menschen gefragt, ob sie sich lieber zur Arbeit beamen lassen würden, anstatt zu pendeln, und es stellte sich heraus: Viele wollten auf das Pendeln gar nicht verzichten, sie sehen das Autofahren zur Arbeit und zurück als wichtigen Teil des Alltags an und schätzen die Distanz zur Arbeitsstelle“, so Hassenzahl. Einige bräuchten die Zeit, um vom Modus „Arbeitsmensch“ in den „Freizeitmensch“ umzuschalten.

Dabei helfen könnte eine Technik, die vor und direkt nach dem Job vor Kommunikation schützt. Wie? Anrufe werden nicht durchgestellt, das Handy klingelt nicht und das Auto kommuniziert für die Fahrer, dass sie erst später wieder erreichbar sind. Nun ja, dazu würde es eigentlich schon reichen, das Mobilfon einfach auszuschalten.

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