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Zuckerkonsum Süß war gestern – So will Deutschland den Dickmacher Zucker bekämpfen

Die Deutschen verzehren viel zu viel Zucker. Ein „Reduktionsgipfel“ in Berlin will aufklären – und zu gesünderen Lebensmitteln beitragen.
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Hier ist der Zuckergehalt offensichtlich – bei vielen anderen Lebensmitteln oft aber nicht. Quelle: Rawpixel on Unsplash
Bunte Süßigkeiten

Hier ist der Zuckergehalt offensichtlich – bei vielen anderen Lebensmitteln oft aber nicht.

(Foto: Rawpixel on Unsplash)

Berlin Es gibt ein Leben nach dem Zucker. Das verspricht zumindest Fernsehmoderatorin Anastasia Zampounidis, die sich selbst als „trockenen Sugarholic“ bezeichnet, seit sie vor zwölf Jahren dem Zucker abgeschworen hat. Inzwischen schreibt sie Bücher über ihr Leben ohne Limo und Schokoriegel. Von diesem Lebensstil ist die Mehrheit der Deutschen weit entfernt.

90 Gramm Zucker nimmt der Durchschnittsbürger jeden Tag zu sich – klingt nach wenig, ist aber fast doppelt so viel, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) maximal empfiehlt. Das sind etwa 32 Kilogramm pro Jahr. Zucker, einst als weißes Gold hochgeschätzt, hat sich zu einem günstigen Rohstoff entwickelt. Er ist vielen Lebensmitteln zugesetzt – auch herzhaften.

Der hohe Zuckerkonsum in Deutschland hat seinen Preis, findet der AOK-Bundesverband. 2017 hat er daher den ersten „Deutschen Zuckerreduktionsgipfel“ ausgerufen, der nun am 17. Oktober in zweiter Auflage unter dem Titel „Süß war gestern“ in Berlin stattfindet. Der Verband erwartet dazu Vertreter der Lebensmittelindustrie und des -handels, aus Wissenschaft und Politik. Zugesagt hat auch die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, Julia Klöckner.

„Der zugesetzte Zucker in zahlreichen Lebensmitteln hat erhebliche Auswirkungen auf unsere Gesundheit. Er steht in klarem Zusammenhang mit Adipositas, starkem Übergewicht, Karies und Diabetes“, sagt Kai Kolpatzik, Leiter der Abteilung Prävention beim AOK-Bundesverband. „Mit dem Thema Adipositas rollt eine Lawine auf uns zu, für die wir derzeit noch keine gesamtgesellschaftliche Gegenstrategie haben. Wir wollen den Anstoß dazu geben.“

Von der Lebensmittelindustrie erwartet die AOK verbindliche Ziele zur Reduktion von Zucker, zunächst auf freiwilliger Basis. „Wir werden an dem Thema dranbleiben und verfolgen, wie die Industrie ihre Zusagen umsetzt“, verspricht Kolpatzik. Neben Vertretern von Gesundheitsverbänden und Wissenschaftlern werden auch zwei Unternehmen der Lebensmittelbranche beim Berliner Gipfel erwartet, die ihre Initiativen zur Zuckerreduktion vorstellen: Rewe und Danone haben zugesagt.

Adipositas hat sich in Deutschland – wie in vielen anderen Industrienationen – zu einem Problem von Gewicht entwickelt: Nach Angaben des Berliner Robert-Koch-Instituts gelten 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen als übergewichtig. Etwa ein Viertel der Erwachsenen ist sogar stark übergewichtig, also adipös. Unter Kindern und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren sind 15 Prozent übergewichtig und sechs Prozent adipös.

Damit hat sich die Zahl der Kinder, die krankhaft dick sind, seit den 90er-Jahren verdoppelt. Starkes Übergewicht zieht zahlreiche Folgeerkrankungen nach sich, etwa Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Folgekosten allein von Diabetes für die deutschen Sozialkassen werden auf 35 Milliarden Euro jährlich geschätzt.

Dickmacher Erfrischungsgetränke

Auch Adipositas sorgt für einen hohen volkswirtschaftlichen Schaden: Die gesamtgesellschaftlichen Kosten für Deutschland beziffert eine im „European Journal of Health Economics“ erschienene Studie auf 63 Milliarden Euro pro Jahr.

Als echte Dickmacher gelten süße Erfrischungsgetränke, die Gesundheitsexperten daher besonders kritisch sehen. Auch die Verbraucherorganisation Foodwatch hat sie unter die Lupe genommen, weil sie eine „Schlüsselrolle beim Thema Fehlernährung spielen“, wie Luise Molling sagt, die Kampagnen mit dem Schwerpunkt Übergewichtsprävention vorantreibt. „In kaum einem anderen europäischen Land nehmen die Menschen so viel Zucker über Erfrischungsgetränke auf wie in Deutschland. Wir halten sie für das problematischste Produkt.“

Sie trinken sich so leicht und schnell – und sind echte Dickmacher.
Cola und Co.

Sie trinken sich so leicht und schnell – und sind echte Dickmacher.

Laut Foodwatch trinkt jeder Deutsche durchschnittlich 80 Liter pro Jahr davon. Nach der Studie der Verbraucherorganisation sind 58 Prozent der 600 untersuchten Erfrischungsgetränke in Deutschland überzuckert, das heißt, sie enthalten mehr als fünf Gramm Zucker je 100 Milliliter – das entspricht vier Zuckerwürfel pro 250-Milliliter-Glas. Spitzenreiter in puncto Zucker sind Energydrinks: Der Drink mit dem höchsten Zuckergehalt vom Marktführer Coca-Cola enthält pro 500-Milliliter-Dose umgerechnet 27 Zuckerwürfel.

Foodwatch hat eine Vergleichsstudie bereits vor zwei Jahren durchgeführt. Doch seitdem haben die Getränkehersteller den Zuckergehalt in ihren Produkten kaum abgesenkt. Die Verbraucherorganisation fordert daher eine verpflichtende Abgabe für gezuckerte Getränke – ähnlich wie in Großbritannien. Dort gilt seit April 2018 die sogenannte Limosteuer, die Hersteller und Importeure zu einer Abgabe auf zuckerhaltige Getränke verpflichtet.

„Schon die Ankündigung der Abgabe hat in Großbritannien zu einem Zuckersturz geführt“, sagt Luise Molling. „Auch in Deutschland würden unter ähnlichen Voraussetzungen 58 Prozent der Getränke von einer Zuckersteuer erfasst. Auf freiwilliger Basis hingegen werden wir keine Veränderung erreichen. Die Anreize müssen für alle Teilnehmer im Markt gelten. Ansonsten würden die Unternehmen, die freiwillig reduzieren, Marktanteile verlieren.“

Werbeeinschränkung gefordert

Neben der Pflichtabgabe auf süße Getränke fordert Foodwatch auch eine Einschränkung der Werbung für ungesunde Kinderlebensmittel und eine bessere Nährwertkennzeichnung bei Lebensmitteln. Ähnliche Forderungen hat auch ein breites Bündnis aus Ärzteverbänden, Gesundheitsorganisationen und Krankenkassen in einem offenen Brief an die Bundesregierung im Mai 2018 erhoben.

Eine Zwangsabgabe lehnt die Bundesregierung allerdings ab. Sie setzt vielmehr auf Freiwilligkeit. Durch eine nationale Reduktions- und Innovationsstrategie will das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft den Gehalt von Zucker, Fett und Salz in Fertigprodukten absenken.

Die Strategie will das Ministerium auf „freiwilliger Basis über Prozess- und Zielvereinbarungen“ gemeinsam mit dem Lebensmittelhandwerk, der Lebensmittelwirtschaft und dem Einzelhandel sowie Verbraucherorganisationen und Wissenschaftlern umsetzen.

Details der Strategie sollen Ende des Jahres vorstellt werden. Einige Handelsketten arbeiten bereits daran, den Gehalt von Zucker, Fett und Salz in ihren Produkten zu reduzieren. Aus Sicht des Verbraucherzentrale-Bundesverbandes reicht das allerdings noch nicht aus: Der Verband fordert ein transparenteres Vorgehen und verbindliche Zeit- und Zielvorgaben.

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