Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

100-jähriges Jubiläum Wie das Bauhaus zum modernen Mythos wurde

Obwohl das Bauhaus nur wenige Jahre bestand, wurde es zu einer der wichtigsten Kunstschulen der Welt. Doch die Idee einer Kunst für alle ging nicht ganz auf.
Kommentieren
Bauhaus-Produkte wurden zumeist in kleinerer Stückzahl produziert als dies die Zielsetzung einer Kunst für Massen vermuten ließe. Quelle: dpa
Original und Nachbau der Wagenfeld-Lampe

Bauhaus-Produkte wurden zumeist in kleinerer Stückzahl produziert als dies die Zielsetzung einer Kunst für Massen vermuten ließe.

(Foto: dpa)

Berlin Wer heute ein Stück Bauhaus will, stellt sich zum Beispiel die Kugellampe ins Wohnzimmer. Oben rundes Glas und unten ein Metallfuß. Die Wagenfeld-Leuchte ist eines der Designbeispiele für das Bauhaus, ebenso der Stahlrohrstuhl Freischwinger. Mit der Gründung der Kunstschule hat Architekt Walter Gropius vor 100 Jahren Geschichte geschrieben.

Gerade hört und liest man wieder viel davon. In dieser Woche fand in der Berliner Akademie der Künste das Eröffnungsfestival des Jubiläumsjahres statt. Aber Bauhaus, was war das eigentlich?

„Ich finde es immer extrem schwierig, von ‚dem Bauhaus‘ zu sprechen“, sagt Architekt Philipp Oswalt, der an der Universität Kassel unterrichtet. Das Bauhaus habe zwar nur 14 Jahre bestanden, bis es unter dem Druck der Nationalsozialisten geschlossen wurde. „Aber die Entwicklung ist sehr dynamisch gewesen.“

Heute denkt man an klare Linien und Grundfarben. Die Kinderwiege von Peter Keler etwa besteht aus Kreisen, Dreiecken, Rechtecken. Das typische Bild von Wohnsiedlungen zeigt weiße Fassade und Flachdach. Dass vor allem solche Beispiele in den Köpfen geblieben sind, ärgert manchen Experten. Aber dazu später mehr.

Als Gropius 1919 in Weimar das „Staatliche Bauhaus“ gründet, haben die Menschen gerade den Ersten Weltkrieg hinter sich. Und Deutschland schafft seine erste Demokratie, die nur kurz währen soll.

Die wichtigsten Akteure des Bauhauses
Walter Gropius (1883-1969)
1 von 10

Der Architekt gründete 1919 in Weimar das Staatliche Bauhaus und war bis 1928 dessen Direktor. Mit der neuartigen Kunstschule wollte er Kunst, Architektur und Handwerk in einer Kombination von Lehre, Praxis und Forschung ideal verbinden. Nachdem die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren, emigrierte er über England in die USA, wo er als Professor für Architektur an der Harvard University in Cambridge arbeitete.

(Foto: dpa)
Hannes Meyer (1889-1954)
2 von 10

Der Schweizer Architekt wurde 1928 zweiter Direktor des inzwischen nach Dessau umgezogenen Bauhauses, nachdem er zunächst die Leitung der neugegründeten Bauabteilung übernommen hatte. Er reformierte Lehre und Werkstätten. 1930 wurde er wegen „kommunistischer Machenschaften“ von der Stadt fristlos entlassen.

(Foto: Bauhaus Kooperation)
Ludwig Mies van der Rohe (1886-1969)
3 von 10

Der Vertreter der Avantgarde-Architektur war von 1930 bis 1933 der dritte Direktor. In seiner Zeit geriet die Schule unter immer stärkeren politischen Druck. 1932 wurde sie von einem neu gewählten Stadtrat mit nationalsozialistischer Mehrheit geschlossen. Mies van der Rohe versuchte, das Bauhaus als private Einrichtung in Berlin weiterzuführen. 1933 musste es jedoch endgültig schließen. Der Architekt emigrierte ebenso wie andere Bauhaus-Kollegen in die USA.

(Foto: dpa)
Wassily Kandinsky (1866-1944)
4 von 10

Der russische Maler und Grafiker wurde 1922 ans Bauhaus berufen, wo er bis zu dessen Schließung in Berlin 1933 unter anderem „Abstrakte Formelemente“ und „Analytisches Zeichnen“ unterrichtete. Er war auch stellvertretender Direktor.

(Foto: Wikimedia Commons)
Lyonel Feininger (1871-1956)
5 von 10

Der deutsch-amerikanische Maler und Grafiker lehrte von 1919 bis 1925 als Meister der Druckerei in Weimar. Das Titelblatt des Bauhausmanifestes von 1919 zeigt seinen Holzschnitt „Kathedrale“.

(Foto: dpa)
Paul Klee (1879-1940)
6 von 10

Der Maler und Grafiker war am Bauhaus in Weimar und Dessau von 1920 bis 1931 engagiert. Er war unter anderem Leiter der Buchbinder-, Metall- und Glasmalereiwerkstatt und unterrichtete seine Elementare Gestaltungslehre.

(Foto: dpa)
Oskar Schlemmer (1888-1943)
7 von 10

Der Maler, Zeichner, Grafiker und Plastiker war von 1921 bis 1929 für das Bauhaus tätig. Er leitete unter anderem die Bühnenwerkstatt.

(Foto: Bauhaus Archiv Berlin)

Die neue Kunsthochschule in Thüringen soll Handwerk, Architektur, Kunst und Leben verbinden – quasi als Versuchslabor für eine neue, humanere Gestaltung der Gesellschaft. Lehrer wie Lyonel Feininger, Paul Klee, Wassily Kandinsky und László Moholy-Nagy machen sie im Laufe der Zeit zum Treffpunkt der Avantgarde.

„Die Schule will natürlich auch Gestalter ausbilden“, sagt Oswalt. Aber es habe die Idee gegeben, den Alltag und die Gesellschaft zu verändern. „Das ist etwas, was man mit dem Bauhaus sehr stark verbindet: Die Erwartung, dass der Gestalter in die Gesellschaft hineinwirkt und zur Verbesserung der Alltagswelt beiträgt.“

1923 komme der Slogan „Kunst und Technik – eine neue Einheit“ auf. Dort schwinge wiederum die Vision einer „technisch-künstlerischen Elite“ mit, einer „Expertokratie“, sagt Oswalt. Hat die Gruppe wirklich Design für den Alltag von vielen gemacht?

„Die Bauhäusler haben zwar versucht, die Dinge in Kooperation mit der Industrie seriell aufzulegen und einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen“, erklärt Kuratorin Nina Wiedemeyer, die für das Bauhaus-Archiv Berlin eine Jubiläumsausstellung plant. Aber man dürfe das aus ihrer Sicht nicht am heutigen Maßstab messen.

„Die uns heute am meisten bekannten Bauhaus-‚Ikonen‘, wie Breuers Stahlrohrsessel oder die Wagenfeld-Lampe, sind schon damals recht teuer gewesen“, erklärt Wiedemeyer. „Der Grund war natürlich das teure Material, das verarbeitet wurde, die kleine Auflage und die Handanfertigung. Es gab keine industrielle Massenproduktion.“

Aus ihrer Sicht wirkt aber vieles nach. „Allein die Tatsache, dass die Ideen des Bauhauses bis heute wirken und so viele Designer auf der Welt inspirieren, zeigt doch, dass das Versprechen, Design für den Alltag und für viele zu machen, eingelöst wurde“, schreibt sie.

Einen Bestseller habe es später auch gegeben: die Tapete. Das erklärt auch Architekt Oswalt. Der zweite Bauhaus-Direktor Hannes Meyer habe das Ziel „Volksbedarf statt Luxusbedarf“ verfolgt. Viele Tapeten seien produziert worden. „Es war noch nicht Ikea, aber kurz davor.“

Auch Architekten denken Wohnen neu, etwa mit der Siedlung Dessau-Törten oder dem Weimarer Musterhaus „Am Horn“. Die Unesco zählt die Bauhaus-Stätten in Weimar, Dessau und Bernau zum Welterbe: „Die Bauwerke basieren auf dem Funktionsprinzip, die Form der Gebäude verweigert sich den traditionellen, historischen Repräsentationssymbolen.“

Das Bauhaus zieht im Laufe der Jahre mehrmals unter politischem Druck um, von Weimar nach Dessau nach Berlin. Dort durchsucht die Polizei 1933 das Gebäude, Studierende werden festgenommen. Im Juli löst sich das Bauhaus auf. Die Nazis stufen Werke einiger Künstler später als „entartete Kunst“ ein. Viele Künstler gehen ins Ausland.

Heute findet man Bauhaus auch in Chicago oder in der „Weißen Stadt“ von Tel Aviv. Das Bauhaus sei vielleicht „der bedeutendste deutsche Kulturexport in die Welt im 20. Jahrhundert“, sagte Architekturhistoriker Winfried Nerdinger im „Deutschlandfunk“. Doch zuletzt gab es wieder Debatten, weil die Stiftung Bauhaus Dessau ein Konzert der linken Punkband Feine Sahne Fischfilet abgesagt hatte.

Direktorin Claudia Perren befürchtete Demonstrationen vor der Tür, nachdem rechte Gruppierungen gegen das Konzert mobil gemacht hatten. Die Stiftung erklärte, die Schule als Unesco-Welterbestätte solle nicht zum Austragungsort politischer Agitation und Aggression werden.

Viele Kulturschaffende kritisierten die Absage. „Das Bauhaus ist ein politischer Ort und war ein politischer Ort“, betonte Annemarie Jaeggi, die Direktorin des Bauhaus-Archivs.

Zum Jubiläum ist nun viel Programm geplant. Drei neue Museen entstehen in Weimar, Dessau und Berlin – 52 Millionen Euro gibt es dazu vom Bund. Auch der Einfluss auf Tanz, Theater, Film und Musik soll beleuchtet werden. Bei einer „Grand Tour der Moderne“ können Fans 100 Orte erkunden. Der Reiseführer „Lonely Planet“ empfiehlt Deutschland, auch eine TV-Serie und ein Fernsehfilm sind geplant.

Kuratorin Wiedemeyer sieht derzeit das Problem, dass vieles aus der Moderne automatisch mit dem Bauhaus gleichgesetzt wird – „weil man mittlerweile glaubt, dass ein Haus mit flachem Dach schon Bauhaus ist.“ Damit machten viele auch Werbung.

Lifestyle-Produkte bis heute

Das beschreibt auch Oswalt, der früher mal Bauhaus-Direktor in Dessau war, dessen Vertrag aber nicht verlängert wurde. Heute werde oft ein Mythos beschworen. „Es werden immer die gleichen Produkte hoch und runter gebetet.“ Das Interessante am Bauhaus seien aber die Suche und das Widersprüchliche, auch das Scheitern und die Krisen.

Viele Objekte seien Lifestyle-Produkte gewesen und bis heute geblieben. Bei der Wagenfeld-Lampe gebe es eine Ironie: Man habe anfangs versucht, sie als Nachttisch- oder Schreibtischlampe zu verkaufen. „So funktioniert sie aber gar nicht.“

Die Lampe eigne sich ja weniger zum Lesen, sondern schaffe ein diffuses Licht. „Aber nichtsdestotrotz gab es einen Bedarf dafür“, sagt Oswalt. „Es ist in einer Weise ein leuchtendes Markenzeichen: „Ich bin Bauhaus. Ich bin moderne Skulptur“.“

  • dpa
Startseite

Mehr zu: 100-jähriges Jubiläum - Wie das Bauhaus zum modernen Mythos wurde

0 Kommentare zu "100-jähriges Jubiläum: Wie das Bauhaus zum modernen Mythos wurde"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote