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24. Kunst- und Antiquitätenwochen Bamberg: In der Hochburg der Händler für alte Kunst

Bienenfleißige Händler haben die Antiquitätenwochen zum Erfolg geführt. Jetzt proben sie den Schulterschluss mit der Gegenwartskunst.
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Die feinen, von Wellen gezeichneten Strukturen harmonieren mit alten Skulpturen. Quelle: Senger Kunsthandel
Mischa Fritsch: „River“

Die feinen, von Wellen gezeichneten Strukturen harmonieren mit alten Skulpturen.

(Foto: Senger Kunsthandel)

Bamberg Wie immer ist es heiß kurz vor der Eröffnung der „Bamberger Kunst- und Antiquitätenwochen“. Bei Temperaturen an die 30 Grad drängeln sich leicht bekleidete Touristen aus aller Welt durch die Gassen der denkmalgeschützten Altstadt. Schon am späten Vormittag sitzen die Ersten vor den Brauhäusern, um sich ein kühles Bier zu genehmigen, während die Kunsthändler vor ihren Augen letzte Hand an die Schaufensterauslagen legen. Ihre Türen stehen offen. Die nächsten sechs Wochen werden sie auch an den Sonntagen öffnen.

Matthias Wenzel, dem die älteste Kunsthandlung in der Welterbestadt gehört, ist gerade dabei, den Erzengel Michael mit seinem hochschwingenden Rock und wehenden Mantel noch ein bisschen besser ins Blickfeld der Passanten zu rücken. Alles befindet sich an dieser aus Laubholz geschnitzten Renaissance-Figur in eleganter Bewegung. Bis auf den Satan unter ihr, den sie mit einem langen Speer und mit einem Bein auf seinem Bauch balancierend in Schach hält.

48.000 Euro hat Wenzel für die um 1560 im damals reichen spanischen Königreich entstandene Skulptur angesetzt. Das ist sicher nicht zu viel für diese feine, sehr frühe Darstellung des Themas, die noch dazu mit einer weitgehend originalen Farbfassung und Goldmalerei aufwarten kann.

Acht Händler beteiligen sich an den Antiquitätenwochen in diesem Jahr, darunter auch wieder das Antiquariat Lorang und Burkhard Hauptmann, bei dem immer wieder ausgefallene Möbel des Art déco zu finden sind. Obwohl die schon vor einem Jahr geschlagenen Lücken durch den Weggang des jungen Gregor Freiherr von Seckendorff, von Julian Schmitz-Avila und das Fehlen von Reinhard Keller noch immer nicht wieder gefüllt sind: Bamberg ist immer noch die Hochburg des Antiquitätenhandels – deutschlandweit. „Jeder deutsche Kunsthändler müsste ein Interesse haben, nach Bamberg zu kommen“, findet der Kunsthändler Christian Eduard Franke.

In der Nachbarschaft von Wenzel und Lorang laufen die Familienmitglieder von Walter Senger zwischen drei Ladenlokalen hin und her. Schwiegersohn Thomas Herzog, der vor vier Jahren die Geschäftsführung übernahm, hat das erst im letzten Jahr bezogene Geschäftshaus gleich gegenüber vom Stammhaus unter seinen Fittichen.

Drei Etagen inklusive eines stilvoll eingerichteten Gästezimmers hat Herzog mit Exponaten bestückt. Ein Hammerklavier, das der Möbeltischler David Roent‧gen und Instrumentenbauer Peter Kinzing 1785 für Königin Maria Carolina von Neapel-Sizilien baute, steht im geräumigen Salon. Für musikbegeisterte Bayreuth-Pilger hat Herzog auch bereits ein Konzert arrangiert. Viele von ihnen legen regelmäßig in Bamberg einen Stopp ein, bevor die Festspiele eröffnen. Und auch der Dirigent und Antiquitätenliebhaber Christian Thielemann hat bereits – wie in jedem Jahr – hereingeschaut.

Die Renaissance-Figur, geschnitzt um 1560 von einem spanischen Bildhauer, hält den Satan in Schach. Quelle: Kunsthandel Wenzel Bamberg
Der Erzengel Michael in Bewegung

Die Renaissance-Figur, geschnitzt um 1560 von einem spanischen Bildhauer, hält den Satan in Schach.

(Foto: Kunsthandel Wenzel Bamberg)

Im Erdgeschoss mit seinen großen Schaufenstern kombiniert Herzog mit einigem Mut mittelalterliche Skulpturen und Altäre mit zeitgenössischer Malerei. Während die großformatigen Bilder von Marc Taschowsky neben den noblen, holzgeschnitzten Figuren doch recht grell wirken, hat er mit den feinen, vom Wind und mit nichts als schwarzem Stift „gezeichneten“ Leinwänden von Mischa Fritsch einen guten Griff getan. Die fast 1,90 Meter im Quadrat messenden großen Arbeiten sind mit 9.800 Euro ausgezeichnet, die mittleren mit 4.900 Euro.

Am besten aber laufen die kleineren, bunten Landschaften von Eckhart Schädrich, die Herzog zwischen 2.000 und 4.500 Euro anbietet. „Wie warme Semmeln kann ich die verkaufen“, lacht der Juniorchef, wohl wissend, dass er manchem dieser Kunden irgendwann auch einmal die Augen für die Alte Kunst öffnen kann.

Kunsthandlungen der alten Schule

Das Haus Senger ist zwar ein international renommierter Spezialanbieter für mittelalterliche Skulpturen. Doch Walter Senger war von Anfang an klug genug, sich nicht nur auf dieses eine Sammelgebiet zu verlassen. „Die Vielfalt des Angebots ist unser Erfolg“, erläutert der Senior auf Nachfrage seine Geschäftsstrategie. Er wolle nicht zu elitär sein.

„Für jeden muss etwas da sein“, betont Senger. Das kann auch ein Holzmodel für einen kleinen Betrag sein oder ein hochwertig verarbeiteter, historischer Silberlöffel für 3.200 Euro bis hin zu einem bedeutenden Barockgemälde von Barbara Rosina de Gasc. Dabei handelt es sich um eines der für die Zeit um 1747 äußerst seltenen Werke, die von einer Künstlerin geschaffen wurden: eine duftig gemalte Gartenszene, auf der sich das Markgrafenpaar von Schwedt mit Angehörigen seines Hofstaates um die Tänzerin Barbarina scharen. Mit 480.000 Euro ist es in Bamberg das derzeit teuerste Objekt.

Senger ist ein Allrounder, genauso wie Wenzel, der neben sakraler Plastik, Gemälden und Kunsthandwerk auch das Laufpublikum ansprechen will, zum Beispiel mit einem Paar strassbesetzter, bunt bekleideter Mohrenskulpturen der vorletzten Jahrhundertwende. Kostenpunkt zwischen 900 und 1.200 Euro. Ihre Kunsthandlungen sehen mit ihrer gedrängten Angebotsfülle im Prinzip noch fast so aus wie die Antiquitätenläden vor 40 Jahren.

Ein Händler alter Schule ist auch Christian Eduard Franke. Wer seine Räume betritt, dessen Auge verirrt sich zwischen erlesenem Porzellan, Silber und figürlicher Kleinplastik. Das Angebot ist überwältigend und von unvergleichlicher Vielfalt. Raffiniert getischlerte Möbel aus der Barock- und Rokokozeit sind seine Leidenschaft, auch die kleinen Schmuck- und Tabakdosen und immer wieder großformatige Tapisserien, aufgespürt mit dem sicheren Blick für „Wallpower“ der besonderen Art.

So porträtierte die Malerin die „Promis“ der Zeit um 1747. Abgebildet sich Markgraf Friedrich Heinrich und Markgräfin Leopoldine Marie von Brandenburg-Schwedt mit tanzender Barbarina und dem Selbstbildnis der Malerin (ganz rechts). Quelle: Senger Bamberg Kunsthandel
Barbara Rosina de Gasc

So porträtierte die Malerin die „Promis“ der Zeit um 1747. Abgebildet sich Markgraf Friedrich Heinrich und Markgräfin Leopoldine Marie von Brandenburg-Schwedt mit tanzender Barbarina und dem Selbstbildnis der Malerin (ganz rechts).

(Foto: Senger Bamberg Kunsthandel)

Ein großer und doch eleganter Dresdener Schreibschrank von Johann Michael Kimmel mit allseitig geschweiftem Aufsatz und verwandelbarem Innenleben, Geheimfächern und unzähligen Schublädchen gehört zu Frankes Spitzenstücken. Kostenpunkt 285.000 Euro.

Bei Franke wird der Kunde zum Entdecker von Welten. Auf je 20 Stück schätzt der Händler seinen Bestand allein an Kommoden und Schränken. Die Zahl der Stühle erreicht locker dreistellige Größenordnungen. Man will es kaum glauben. Doch das Konzept geht auf und funktioniert laut Franke so: „Die Interessenten wollen einen Stuhl und gehen mit einem Schreibtisch raus.“

Das Kontrastprogramm zur üppig-barocken Pracht Franke’scher Prägung findet sich ein paar Schritte weiter bei Christina Pusch, spezialisiert auf Jugendstil-Glas, und bei Julia Heiss. Ihr Silber-Kontor ist seit 1977 erste Adresse für das schlicht-elegante dänische Silberdesign des 20. Jahrhunderts. Anfangs konnten viele Käufer damit noch nicht viel anfangen. „Doch der Zeitgeschmack hat sich geändert – zu meinen Gunsten“, stellt die Händlerin befriedigt fest.

Schon vor der offiziellen Eröffnung der Antiquitätenwochen sind die beiden dreiarmigen Jugendstil-Leuchter verkauft. Und am ersten Tag ein Krug aus 830er-Silber mit Kopenhagener Stadtmarke, hergestellt von Cohr. Noch zu haben ist der hohe Wasserkrug aus dem Art déco mit seinem über einem bauchigen Korpus hochgezogenen Hals und Henkeln, die sich wie Schwanenhälse an der Form entlangschwingen. Das in ihrem bekannt trockenen Humor als „elegantös“ bezeichnete Objekt kostet 1.700 Euro; 750 Euro die wie ein schwimmender Rochen geformte Silberschale, die Allan Scharff 1993 für den Hersteller Georg Jensen entwarf.

Selten erschienen die Händler so zukunftsgewiss wie in diesem Jahr. Kein Wunder. Das Geschäft im oberen Preissegment läuft. Doch die Akquise von Ware, die höchsten Ansprüchen genügt, ist schwierig geworden. „Suchen, suchen, suchen“, beantwortet Walter Senger die Frage, wie es um den Nachschub steht. Der Händler, der inzwischen auch unter die Imker gegangen ist, muss nach eigenen Worten „bienenfleißig“ sein. „Wir können nicht nachbestellen wie der Autohändler oder das Schuhgeschäft.“

Ähnlich äußert sich Franke: „Das Schwierigste ist das Finden. Je besser die Qualität, desto schwieriger.“ Die breite Angebotsmasse spiele keine Rolle mehr. „Es gibt kein Mittelmaß mehr.“

Die 1993 für Georg Jensen entworfene Schale ist elegant wie ein Rochen. Angeboten wird sie vom Silber Kontor Heiss. Quelle: VG Bild-Kunst 2019/Christiane Fricke
Allan Scharff

Die 1993 für Georg Jensen entworfene Schale ist elegant wie ein Rochen. Angeboten wird sie vom Silber Kontor Heiss.

(Foto: VG Bild-Kunst 2019/Christiane Fricke)

Joseph Schlosser, Inhaber des gleichnamigen Kunstauktionshauses, siebt das Angebot auf einem anderen Niveau und hat kein Problem mit dem Nachschub. „Es ist mehr auf dem Markt, als aufgenommen werden kann“, sagt er. Sein interessantestes Los für die Auktion vom 27. Juli ist die Inneneinrichtung einer Wiener Jugendstil-Apotheke. Aus Österreich wurde ihm das fast sechs Meter breite, von Sigmund Jaray entworfene Mobiliar eingeliefert. Und dorthin wird es nach seiner Einschätzung auch zurückgehen. Die Taxe hat er auf 8.000 Euro angesetzt.

Im Parterre seines mehrstöckigen Altbaus hat Schlosser einen Raum für die zeitgenössischen Gemälde von Marc Gumpinger reserviert. Der Tech-Start-up-Gründer entwirft abstrakte Netzstrukturen und zerfließende, manchmal auch figürliche Formationen am Computer, um sie anschließend konventionell auf Leinwand zu übertragen.

Der Blick für das Neue

Was für den Auktionator Schlosser zurzeit noch ein Experiment ist, sollte vor dem Hintergrund des Geschmackswandels bald eine bedeutendere Rolle in Bamberg spielen: die Kombination des Alten mit der Kunst der Gegenwart. Doch wer jahrzehntelang auf Alte Meister und historische Möbelkunst spezialisiert war, hat nicht automatisch den Blick für das Neue.

Der Berliner Galerist Alexander Ochs zeigt mit seiner Ausstellung im Diözesanmuseum direkt neben dem Dom, wie sich das Zeitgenössische am Alten reibt, welch spirituelle Kraft von ihm ausgeht und welche gedanklichen Anstöße dieser Dialog geben kann. Fast wünscht man sich, dass „Der Funke Gottes“, so der Titel der Schau, auf die Bamberger Händlerschar überspringt.

Mehr: Bamberg ist Deutschlands Boomtown für Antiquitäten. Lesen Sie hier über das gelungene Zusammenspiel von Händlern und Stadt.

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