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25. Bamberger Kunst- und Antiquitätenwochen Das Geschäftsmodell schwächelt

Bamberg vermarktet sich als letzte Antiquitäten-Hochburg in Deutschland. Doch das Modell ist gefährdet, auch weil die benachbarten Wagner-Festspiele in diesem Jahr ausfallen.
23.07.2020 - 17:20 Uhr Kommentieren
Bei Christian E. Franke hat es System. Silber und Spiegel ergänzen elegante Möbel. Quelle: Christian Eduard Franke Kunsthandel
Das Nebeneinander besonderer Einzelstücke

Bei Christian E. Franke hat es System. Silber und Spiegel ergänzen elegante Möbel.

(Foto: Christian Eduard Franke Kunsthandel)

Düsseldorf Wann war es in Bamberg jemals so ruhig wie im Hochsommer nach Ausbruch der Coronakrise? Das für diese Jahreszeit typische Gedränge in den engen Altstadtgassen gibt es diesmal nicht. Aber auch nicht das Publikum, das sich vor den Bayreuther Festspielen schnell noch eine Stippvisite in den Antiquitätenläden der alten Kaiserstadt leistet.

In diesem Jahr ist alles anders. Amerikaner und Asiaten bleiben zuhause. Bayreuth hat abgesagt. „Die Wagner-Fans blättern hoffentlich alle in meinen Katalogen“, wünscht sich Christian Eduard Franke. Er ist einer von sechs Händlern, die in diesen Wochen normalerweise ihre besten Geschäfte machen, seit sie vor einem Vierteljahrhundert die „Bamberger Kunst- und Antiquitätenwochen“ ins Leben riefen. Sie laufen in diesem Jahr noch bis zum 24. August.

In keiner anderen Stadt Deutschlands funktioniert das Geschäft mit den alten Kostbarkeiten so gut wie in Bamberg, wo die Händler ihre Ladenlokale in enger Nachbarschaft führen; fast wie auf einer Messe, nur mit viel mehr Flair.

Das Geschäftsmodell der Antiquitätenwochen setzt auf die simple Erkenntnis: Wer Wagner hört, mag oft auch Antiquitäten. Wer sich Karten für Bayreuth leistet, hat auch das nötige Geld für schöne alte Stücke. Und schließlich liegt das Bayreuther Festspielhaus in idealer Ausflugsdistanz zu Bamberg. Nun muss es ohne Wagner gehen. Doch schon vor Corona lief es in Bamberg nicht optimal.

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    Die Händler, die vier Wochen lang täglich öffnen, sind nur noch zu sechst, das Auktionshaus Schlosser und das Antiquariat Lorang mitgerechnet. Das ist gerade mal ein Drittel der Teilnehmerzahl von 2005, als die Antiquitätenwochen ihr zehnjähriges Jubiläum feierten. Für eine Stadt, deren Antiquitäten-Hotspot als einziger in Deutschland den Geschmackswandel hin zu moderner Wohnkultur überlebte, muss der Schwund ein Alarmzeichen sein.

    Möglicherweise handelt es sich bei der am Oberrhein in den 1480er-Jahren entstandenen Tafel um das Mittelteil einer Altarpredella. Quelle: Wenzel Kunsthandel Bamberg
    Anbetung der Könige

    Möglicherweise handelt es sich bei der am Oberrhein in den 1480er-Jahren entstandenen Tafel um das Mittelteil einer Altarpredella.

    (Foto: Wenzel Kunsthandel Bamberg)

    Geschlossen wurde die Glaserie Pusch und das erst vor wenigen Jahren eröffnete Geschäftslokal von Reinhard Keller. Und für die jungen Kunsthändler Julian Schmitz-Avila und Gregor von Seckendorff, die in den letzten beiden Jahren aufgaben, ist noch immer kein Ersatz da. Die verbliebenen Kunsthändler beschönigen nichts. „Fünf Monate nix verkauft“, erklärt Christian Franke auf Nachfrage. Thomas Herzog, Geschäftsführer des Kunsthandels Senger, kommt ein „sehr schwierig“ über die Lippen. „Es ist Bewegung drin. Es ist nicht tot“, erwidert sein Schwiegervater Walter Senger routiniert.

    „Es hat uns schon schlimm getroffen“, sagt Matthias Wenzel, der außerdem als Oberstleutnant der Reserve den Corona-Einsatz von knapp 40 Soldaten in Alten- und Pflegeheimen koordinierte. Dazu passt Wenzels Faible für den Erzengel Michael als Bezwinger des Satans und Schutzheiliger der Soldaten. Wie im letzten Jahr hat Wenzel wieder eine Michael-Figur aus dem neapolitanischen Kulturraum im Angebot. Kostenpunkt 39.000 Euro.

    Ein Heiliger mit Charme

    Senger ist nach wie vor erste Adresse für mittelalterliche, aus Holz geschnitzte Heiligenfiguren. Obwohl die um 1480 geschnitzte „Hl. Barbara“ kunsthistorisch und auch preislich mit 148.000 Euro das größere Gewicht hat, bleibt das Auge an einem Heiligen Christopherus aus Lindenholz hängen. Der hat zwar seine originale Farbfassung verloren, nicht aber seinen robusten Charme. Den verdankt er auch dem Jesusknaben, der abenteuerlich auf einer Schulter balanciert und sich an einer Haarlocke des Heiligen festhält. Die in Landshut um 1510 entstandene Figur soll 48.000 Euro kosten.

    Das von Bruno Paul gemeinsam mit seiner späteren Frau, der Intarsienkünstlerin Ulla Schnitt entworfene Möbelstück ist von zeitloser Eleganz. Quelle: Senger Bamberg; VG Bild-Kunst, Bonn für Bruno Paul
    Speisezimmerschrank bei Senger

    Das von Bruno Paul gemeinsam mit seiner späteren Frau, der Intarsienkünstlerin Ulla Schnitt entworfene Möbelstück ist von zeitloser Eleganz.

    (Foto: Senger Bamberg; VG Bild-Kunst, Bonn für Bruno Paul)

    Wie so oft gibt es bei Senger ein ungewöhnliches Objekt. In diesem Jahr ist es ein eleganter Speisezimmerschrank von Bruno Paul, dessen Erscheinungsbild maßgeblich Pauls spätere Frau, die Intarsienkünstlerin Ulla Schnitt, prägte. Das für die Deutschen Werkstätten Dresden-Hellerau entworfene Stück aus dem Jahr 1937 soll 165.000 Euro kosten.

    Das Nebeneinander besonderer Einzelstücke hat bei Franke System. Wiederholte Telefonate und Liebesbezeugungen brauchte Franke, um einem Italiener die um 1780 entstandene goldene Bonbonniere abzukaufen. Ihr Clou ist ein Micromosaik mit der Darstellung eines weißen, wachsam schauenden Hundes inmitten eines Kranzes von Diamanten. Der angerufene Italiener reagierte zunächst irritiert. Wieso Franke ihn denn lieben würde? Er kenne ihn doch gar nicht. Franke hatte in seiner überschwänglichen Art jedoch den wachsam herausschauenden Hund gemeint.

    Ein aufmerksamer weißer Hund in Micromosaik wird von einem Kranz Diamanten eingerahmt. Das ebenso formschöne wie detailverliebte Stück entstand in Italien um 1780. Quelle: Christian Eduard Franke/Michael Aust
    Goldene Bonbonniere

    Ein aufmerksamer weißer Hund in Micromosaik wird von einem Kranz Diamanten eingerahmt. Das ebenso formschöne wie detailverliebte Stück entstand in Italien um 1780.

    (Foto: Christian Eduard Franke/Michael Aust)

    Absoluter Hingucker bei Franke dürfte die seltene Fabergé-Tischuhr aus St. Petersburg zum Preis von 74.000 Euro sein. Das Gehäuse ist flach wie ein großer Platzteller, das Zifferblatt von Halbperlen gerahmt und eingefasst von strahlenförmig strukturierten, transluziden Emailstreifen in Rot und Weiß. Raffinierter und zugleich schlichter kann man sich keine Uhr aus der Zeit des Jugendstils vorstellen.

    Anders als im Norden Deutschlands gibt es für das puristische dänische Design im Süden kaum noch Händler. Julia Heiss macht mit ihrem Silber-Kontor eine Ausnahme. Hier finden die Anhänger des modernen Silbers Klassiker von zeitloser Anziehungskraft, und dies meist in überschaubaren vierstelligen Preislagen. Etwa die puristische, extrem schlanke Terrine des dänischen Entwerfers Aage Weimar, oder die Kerzenleuchter, die Henning Koppel für Georg Jensen entwarf.

    Alle rechnen mit ihren Stammkunden

    Natürlich leidet auch Heiss unter den Folgen der Coronakrise. Sie kann sich jedoch glücklich schätzen, denn sie zahlt weder Miete noch hat sie als Ein-Frau-Betrieb Lohnkosten am Bein.

    Auch ohne das Corona bedingt ausgefallene Rahmenprogramm werden die Antiquitätenwochen ihren Zweck hoffentlich erfüllen. Denn alle rechnen mit ihren Stammkunden. Die bleiben tunlichst im Land und fahren nicht ins Ausland, wo sie im Krankheitsfall mutmaßlich schlechter versorgt sind als zuhause. Christian Eduard Franke bleibt deshalb zuversichtlich: „Wir kommen mit einem blauen Auge durch.“

    Mehr: Nachruf auf einen Kunsthändler: Ulrich Gronert machte den Jugendstil salonfähig

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