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58. Auflage der Kunstausstellung Der Knigge für die Biennale Venedig – was man tun und was man lassen sollte

Ankunft, Unterkunft, Ausstellungsorte, Programm, Preise: So wird der Besuch der Biennale in Venedig zum ungetrübten Kunstgenuss.
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2017 sorgte Lorenzo Quinn mit einer Skulptur aus gigantischen Kinderhänden für Furore. Für die diesjährige Biennale hat der italienische Künstler eine Nachfolgeskulptur geschaffen: sechs Paare überdimensionaler gefalteter Hände. Quelle: dpa
Gefaltete Hände

2017 sorgte Lorenzo Quinn mit einer Skulptur aus gigantischen Kinderhänden für Furore. Für die diesjährige Biennale hat der italienische Künstler eine Nachfolgeskulptur geschaffen: sechs Paare überdimensionaler gefalteter Hände.

(Foto: dpa)

VenedigAm Samstag startet die 58. Auflage der internationalen Kunstausstellung Biennale Venedig – und wer stressfrei zeitgenössische Kunst in der Lagunenstadt anschauen will, muss planen. Nicht nur Kunstfreunde kommen auf ihre Kosten, sondern auch Kunstmuffel. Warum? Weil sie Zutritt zu sonst unzugänglichen Privatpalästen bekommen. Tipps, gesammelt in 30 Jahren bei Reisen in die autofreie Stadt.

Vor dem Kunstgenuss

Anflug: Am Flughafen Marco Polo befindet sich die kilometerlange überdachte Passage zu den Alilaguna-Booten in die Stadt im 1. Stock, also eine Etage über der Ankunftsebene. Die Ticketschalter sind ganz am Ende der Passage, im Freien, dort befinden sich auch die Stege. Die Fahrt ins Zentrum kann bis zu 60 Minuten dauern.

Anstehen: Um lange Schlangen an Schiffs- oder Biennale-Schaltern zu vermeiden, vorher im Netz buchen: www.alilaguna.it; www.labiennale.org.

Belastbarkeit: Wer nicht gut zu Fuß ist, sollte sich Venedig und die Biennale im Film und auf youtube ansehen. Wegen der vielen Treppen zu den Brücken sind Eltern von Kindern im Buggy auch schlecht dran. Sehr bequeme Schuhe sind wichtig. Mit gepflegter Kleidung darüber akzeptieren die geschniegelten Italiener auch regenfeste Sneaker. Große Schirme stören in schmalen Gassen, in denen kaum zwei Schultern nebeneinander durchkommen. Praktischer sind da Kapuzen und Basecaps.

Der Amerikaner ist in diesem Jahr Kurator der Biennale. Quelle: dpa
Ralph Rugoff

Der Amerikaner ist in diesem Jahr Kurator der Biennale.

(Foto: dpa)

Quartier: Möglichste eine Unterkunft wählen in den östlichen Stadtvierteln. Nahe bei der Kunst liegen die  Sestiere Castello, Cannaregio, die Inseln S. Elena oder S. Piero. Wohnen auf dem Festland (Mestre) oder auf dem Lido schließt eine Ruhepause mit Füße-Hochlegen aus. Das ist bei den langen Fußmärschen manchmal notwendig.

Vaporetto: Im Grunde sind die Wasserbusse eine gute Möglichkeit, große Distanzen zu überwinden. Doch seit zehn Jahren überrollt der Welttourismus die Stadt so sehr, dass der Kunstfreund speziell auf der Linie 1 auf dem Canale Grande ein, zwei oder drei Boote warten muss, bis er überhaupt einsteigen kann, so überfüllt sind sie. Da ist schnell mal eine dreiviertel Stunde mit Warten weg. Besser ist es, sich zu Fuß aufzumachen.

Das Prinzip Biennale: Die Biennale di Venezia ist die älteste Schau für zeitgenössische Kunst im Zweijahresrhythmus und trotz weltweit rund 300 Nachfolgeveranstaltungen immer noch die wichtigste – und recht frisch, was die Ansichten und Einsichten betrifft. Gegründet wurde sie 1895, die Deutschen schickten damals Adolf von Menzel, Franz von Stuck und als jungen Wilden Max Liebermann hin.

Die Biennale begann mit der Kunst, entwickelte dann aber auch Plattformen für Musik (1930), Film (1932), Theater (1934), Tanz (1999) und seit 1980 auch für Architektur. 2019 findet das Tanzfestival Ende Juni statt, die Theaterbiennale Ende Juli und die Musik-Biennale Ende September.

Keine Übersicht ist so weiträumig und global gedacht und zeitlich so lange zu sehen wie die Kunstbiennale. Die 58. Ausgabe läuft vom 11. Mai bis zum 24. November 2019. Geöffnet ist sie von 10 bis 18 Uhr, Dienstag bis Sonntag. Montags ist sie geschlossen, bis auf 13. Mai, 2. September und 18. November.

Mittlerweile muss der Besucher der Kunstbiennale drei Bereiche aufsuchen, wenn er einen Überblick haben will: die Giardini mit 28 Länderpavillons, das Arsenale im ehemaligen Militärhafen und zahllose Adelspaläste verteilt in der ganzen Stadt, die jenen Ländern eine Etage vermieten, die ihr Land repräsentieren wollen, aber nicht zu den Stammausstellern mit eigenem Haus in den Giardini zählen (wie Großbritannien, Belgien, USA oder Kanada).

Kunstgenuss: Die Spielorte der Kunstbiennale

Kurator: Der Mensch mit der größten Macht ist der Kurator. 2019 verantwortet der Amerikaner Ralph Rugoff die Leitbild-Ausstellungen der Biennale im Zentralen Pavillon in den Giardini und im vorderen Teil im Arsenale. Im Range eines Direktors entschied sich Rugoff, nur lebende Künstler auszustellen, „um die toten sollen sich die Museen kümmern“. Er verzichtet auf ein alles überwölbendes Thema und eine Theorie. Damit verschafft er sich und der Kunst Freiheiten, wie sie auf den letzten Ausgaben der Biennale fehlten.

Ein tanzender Kuka-Roboter versucht, eine blutähnliche Substanz wegzuwischen. (Foto: Susanne Schreiber)
Sun Yuan und Peng Yu „Can’t help myself“

Ein tanzender Kuka-Roboter versucht, eine blutähnliche Substanz wegzuwischen.

(Foto: Susanne Schreiber)

Neu ist, dass sich Rugoff auf rund 80 Künstler beschränkt; 2015 waren es 140. Diese zeigt er aber mit jeweils unterschiedlichen Arbeiten an beiden Orten – und kommt doch in Platznot wie alle vor ihm auch. Rugoffs zentrales Anliegen ist die Multiperspektivität auf eine von alternativen Fakten und globalen Migrationsströmen geprägte Zeit. „Verschiedene Perspektiven manchen eine interessante Zeit aus. Kunst blickt immer polyperspektivisch“, sagt er. Klima- und Umweltschutz, sexuelle Identität und staatliche Gewalt sind immer wiederkehrende Leitmotive seiner Ausstellung.

Giardini: Die Keimzelle der Kunstbiennale sind die weitläufigen Parkanlagen der Giardini am südöstlichen Ende der Lagunenstadt. In Hitzeperioden ist es hier angenehm kühl und luftig. 2019 sind die folgenden Länderpavillons besonders zu empfehlen:

Brasilien: Barbara Wagner und Benjamin de Burca haben den mitreißenden Film „Swinguerra“ gedreht über Transgender in Brasilien, der politischen Grundstimmung von „Oder and Progress“ zum Trotz. Tolle Musik, phantastische Jugendliche, die professionell tanzen, weil sie als sozial Ausgegrenzte nur im Gruppentanz Anerkennung finden.

Deutschland: Unter dem Künstlernamen Natascha Süder Happelmann reflektiert eine Kunstfigur mit kartoffelartigem Kopfputz gemeinsam mit einem Kollektiv das Thema Annäherung an die Mehrheitsgesellschaft.

Russland: Der Pavillon zeigt, wie man mit überholten künstlerischen Mitteln ein Spektakel inszenieren kann. Da peppt Alexander Shishkin-Hokusai die in schwarz-weiß nachgemalten Alten Meister der Eremitage mit Neon auf. Dazu lässt er ein Dutzend marionettenartige Männerfiguren aus der Hocke an die Decke springen. Kunst für Gemüter, die mit neuen Formen fremdeln.

Neben den Länderbeiträgen zeigt auch der Biennale-Direktor Ralph Rugoff, was ihm wichtig ist in der aktuellen Kunst. Er bespielt in den Giardini den zentralen Pavillon in der Hauptachse. Man sieht ihn schon beim Eintritt. Das ist ein klassischer Museumsbau mit weißen Wänden, weniger roh als die Hallen im Arsenale.

Damit es um die weißen Säulen herum und auf der Rückfassade nicht so arg ordentlich aussieht, hat der Direktor vorne Kunst ablegen lassen, die wie Müll aussieht. Hinten hängen Socken, Slips und eine Tischdecke im Wind (Foto von Schreiber). Sie flattern nicht, weil die Ukrainerin Zhanna Kadyrova sie aus den Kacheln eines venezianischen Abbruchhauses nachhaltig zusammengeklebt hat.

Hauptwerke sind in Rugoffs zentralem Pavillon die eine gesellschaftliche Haltung einfordernde,  moderne Kunst- und Wunderkammer „Thinking Head“ von Lara Favaretto (Foto von Schreiber oder Agentur), der Kuka-Roboter, dem die Chinesen Sun Yuan und Peng Yu buchstäblich das Tanzen einprogrammiert haben (Foto von Schreiber oder Agentur) und der feitztanzende Derwisch im Hologramm von Cyprien Gaillard.

Arsenale: Das Arsenale sind die Schiffswerften mit Backsteinbauten von so erstaunlicher wie ermüdender Länge. Einst wurden hier unter anderem die Seile für die Tackelagen gedreht. Eine abgeschottete Stadt in der Stadt, nur für Kunstfreunde zugänglich.

Die erste Halle misst 320 Meter. Sie zeigt die Künstlerinnen und Künstler, die Kurator Rugoff ausgesucht hat. Nicht verpassen darf der Besucher die Skulptur „Microworld“ von Liu Wie und die apokalyptische Version vom letzten Überlebensversuch der Menschheit, den Alexandra Bircken in „ESKALATION“ mit Latex-Anzügen in Menschengestalt und Leitern, die doch nur in den Tod führen, dramatisch installiert.

Blick auf A. Shishkin-Hokusais jahrmarktbudenhafte Installation. (Foto: Susanne Schreiber)
Russland-Pavillon

Blick auf A. Shishkin-Hokusais jahrmarktbudenhafte Installation.

(Foto: Susanne Schreiber)

Heiter und ironisch kommt der parfümierte Brunnen daher, den die Gruppe Slavs and Tartars errichtet hat. Mit dem Titel „Aqua die Giorgio Hammadi“ spielt das Duo in der Wasserstadt auf den italienischen Modemacher Giorgio Armani an und die Gewinnschiene der Modehäuser mit Duftwässerchen.

Die Flächen hinter der ersten Halle sind Ländern wie dem Neuzugang Ghana, der Vereinigten Arabischen Republik oder Lettland vorbehalten. Nach den hinteren und den seitlichen Hallen stößt der Flaneur ganz hinten auf das ehemalige Öllager. Hier zeigen die Chinesen, wohin ihre Kunst geht.

Stadtgebiet: Die großen und die kleineren Paläste in der Stadt bleiben für einmal nicht dem Adel oder neuen Geldadel vorbehalten. Während der Kunstbiennale vermieten sie die eine oder andere Etage an ein Land für dessen Länderbeitrag. So kommt der Besucher in den Genuss großartige Architektur, reich verzierter Treppenaufgänge, Stuck, Muranolüster, Seidentapeten und oft auch zu einem grandiosen Ausblick auf den Canale Grade oder die Lagune.

Ideal für Menschen auf der Suche nach Fotomotiven oder Kunstmuffel, die sich auf Palast-Interieurs konzentrieren können. Anders als im Arsenale oder in den Giardini ist dazu kein Ticket nötig. Welches Land wo zu finden ist, entnimmt der Kunstflaneur dem Stadtplan, der in der Biennale ausliegt, oder den Karten im Kurzführer (18 Euro).

Erstmalig ist Bosnien Herzegowina in einem Palast vertreten. (Foto: Susanne Schreiber) Quelle: Handelsblatt
Palazzo Francesco Molon

Erstmalig ist Bosnien Herzegowina in einem Palast vertreten.

(Foto: Susanne Schreiber)

(Foto: Handelsblatt)

Erstmalig ist Bosnien Herzegowina in einem Palast vertreten. Im Palazzo Francesco Molon, Ca‘ Bernardo, San Polo 2184/A zeigt Danica Dakic in verschiedenen Filmsprachen utopisches Potenzial in der Stadt Zenica (Foto von Schreiber). Besonders anrührend: der Mann, der freiwillig öffentliche Flächen in der abgewirtschafteten ehemaligen Stahlstadt Zenica reinigt, oder der Techniker, der von dem avantgardistischen Theaterbau von 1978 erzählt.

Kunstmuffel: Wer sich nicht so sehr für die Kunst interessiert, hat trotzdem was davon. Mindestens ebenso anregend wie sich den Fragen zu stellen, die die Biennale-Kunst an den Betrachter richtet, ist es, die Menschen zu beobachten: Sammler, wissende Kenner, geschäftige Galeristen, geschwätzige Berater oder verlegene Künstler, die den Rummel nicht mögen.

Das Praktische

Zeitaufwand: Wer die Biennale und die Länderpavillons in den Blick nehmen möchte, sollte mindestens zwei Tage einrechnen.

Tickets: PLUS Ticket 35 Euro (für 3 Tage); Ticket 25 Euro (Einmalzugang zu beiden Ausstellungsorten), Vergünstigungen für Studenten, Rentner.

Pausen: In den Giardini und im Arsenale hat Sponsor Illy Espressobars eingerichtet. Es gibt auch Cafés und Restaurants. Wer zwischen den beiden Ausstellungsorten wechselt, kommt an der lebhaften Via Garibaldi vorbei. Hier gibt es viele Gaststätten. In der Stadt sollte sich der Kunstflaneur die „Ombra“ nicht entgehen lassen. Der sogenannte Schatten ist ein kleines Glas Weißwein. Dazu passen die fantasievoll zusammengestellten „Cicchetti“, Häppchen mit Stockfisch, Käse oder Braten. Jede Bar hat da ihre eigenen Kreationen.

Vertiefung: Erklärungen zu wichtigen Werken stehen auf Tafeln auf italienisch und englisch sowie im Katalog (85 Euro) oder Kurzführer (18 Euro). 

Höflichkeit: Auch wer kein Italienisch spricht, kommt auf vollen Booten, in Ausstellungen und Restaurants mit einem Lächeln und einem freundlichen „Permesso“ im Gedränge eleganter durch als mit den Ellbogen.

Die bequeme Tour: Kenntnisse der verzwickten Topographie von Venedig sind ein großer Vorteil beim ersten Biennale-Besuch. Wer es komfortabler möchte, tritt in diesem Frühsommer noch ganz schnell ein in einen der vielen Freundeskreise der Museen für zeitgenössische Kunst und bucht dort eine geführte Exkursion. Das ist herrlicher Luxus zu einem meist überschaubaren Preis.

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