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58. Kunstbiennale Venedig Klimawandel, Fake News und Staatsgewalt: Die Biennale reagiert auf eine Welt im Krisenmodus

Bei der 58. Kunstbiennale von Venedig geht es nicht mehr nur um schöne Künste, sondern um Migrationsbewegungen, alternative Fakten, Klima und Umweltschutz.
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Die Installation „Can‘t Help Myself“ lässt einen Roboterarm eine blutähnliche Flüssigkeit zusammenkehren. Quelle: Tiziana Fabi/AFP
Sun Yuan und Peng Yu

Die Installation „Can‘t Help Myself“ lässt einen Roboterarm eine blutähnliche Flüssigkeit zusammenkehren.

(Foto: Tiziana Fabi/AFP)

VenedigDer tanzende Kuka-Roboter wird eher in Erinnerung bleiben von der 58. Kunstbiennale in Venedig (11.5. bis 24.11.) als die kartoffelköpfige Kunstfigur Natascha Süder Happelmann, die den Deutschen Pavillon in ein „Ankersentrum“ verwandelt hat. Die chinesischen Künstler Sun Yuan und Peng Yu haben der schwarzen Maschine des Weltmarktführers Kuka 32 rasante Bewegungen einprogrammiert. Ihr ambivalenter Titel: „Can’t help myself“.

Umgeben von einem Spritzschutz aus Glas arbeitet sich der elegant choreographierte Roborterarm mit einem Rakel durch einen See von angedickter, roter Flüssigkeit. Blut? Vielleicht, meint der Chefkurator der Biennale, Ralph Rugoff.

Er schätzt an der Installation ihre Mehrdeutigkeit. Sie lässt sich lesen „als Streben nach Freiheit, nach der Überwindung von Restriktionen. Oder als Zukunftsvision pulsierenden Lebens. Oder aber als Ballett einer Maschine.“

Rugoff, der Amerikaner mit Wirkungsstätte in London, hat ein paar kluge Entscheidungen getroffen für seine Leitbild-Ausstellungen im Zentralen Pavillon der Giardini und im Arsenale, den ehemaligen Schiffswerften der Kriegsmarine. Nur lebende Künstler, „um die toten sollen sich die Museen kümmern“.

Kein überwölbendes Thema, keine Theorie. Der vermeintlich auf einem chinesischen Sprichwort basierende Biennale-Titel „Mögen Sie in interessanten Zeiten leben“ zielt auf „Fake news“.

Zentrales Anliegen ist die Multiperspektivität auf eine von alternativen Fakten und globalen Migrationsströmen geprägte Zeit. „Verschiedene Perspektiven manchen eine interessante Zeit aus. Kunst blickt immer polyperspektivisch auf die Welt.“

Klima- und Umweltschutz, sexuelle Identität und staatliche Gewalt sind immer wiederkehrende Leitmotive seiner Ausstellung. Diese präsentiert „nur“ 80 Künstler, mehr Frauen als Männer, viele aus Afrika und Asien. Neu ist auch, dass jeder Teilnehmer sowohl in den Giardini gezeigt wird, als auch im Arsenale. Das gelingt bei Nicole Eisenman mit Malerei und Skulptur sehr gut. Bei Liu Weis brillanten Skulpturen hingegen ist ein Unterschied nicht auszumachen.

Motiv: Gewalt gegen Frauen

In der Nähe des dominierenden Roboters hängen Schwarzweiß-Collagen der in Norwegen geborenen Frida Orupabo. „Das Faszinierende an Orupabo ist, dass sie Gewalt gegen schwarze Frauen darstellt, ohne diese zu Opfern zu machen,“ sagt Rugoff. Etwas weiter starren einen Angstgeweitete Kinderaugen an. Sie gehören zu Manga ähnlichen Holzschnitt-Figuren, doch Christian Marclay hat die Serie über Angst zu einem Erinnerungsbild für erschossene Schüler gemacht.

Das Ende der Menschheit nimmt die Deutsche Alexandra Bircken in den Blick. Im Arsenale hat sie Dutzende schwarzer Latexanzüge in Menschengestalt kauernd oder über Leitern nach oben flüchtend installiert, so dass man an das überraschende Ende der Pompejaner denken muss.

Rugoffs Auswahl ist keinesfalls eine spaßbefreite Zone. In den Giardini lässt er Socken und Slips aufhängen, die Zhanna Kadyrova aus den Kacheln eines venezianischen Abbruchhauses geformt hat. Weil es, Rugoff zufolge, „nicht so ordentlich ausschauen soll“. Das Künstlerduo Slavs and Tatars spielt im Arsenale auf die sprudelnde Einnahmequelle von Modehäusern an, wenn es ein Parfüm kreiert, das „Aqua di Giorgio Hammadi“ heißt.

Die iranisch-deutsche Künstlerin Natascha Sadr Haghighian hat unter dem Namen Natascha Süder Happelmann mit ihrer an eine Kartoffel erinnernden Maske den Pavillon gestaltet. Sie lässt die Schauspielerin Susanne Sachsse alias Helene Duldung sprechen. Quelle: imago images / Manfred Segerer
Deutscher Pavillon

Die iranisch-deutsche Künstlerin Natascha Sadr Haghighian hat unter dem Namen Natascha Süder Happelmann mit ihrer an eine Kartoffel erinnernden Maske den Pavillon gestaltet. Sie lässt die Schauspielerin Susanne Sachsse alias Helene Duldung sprechen.

(Foto: imago images / Manfred Segerer)

Zu den nachdenklich, ernsten Seiten von Rugoffs Ausstellungen passt der Deutsche Pavillon. Für ihn hat Franciska Zolyom, seit 2012 Direktorin der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig, die Künstlerin Natascha Sadr Haghighian ausgewählt. Ein iransicher Name, bei dem das „gh“ als R-Laut gesprochen wird. Klar, dass kein Deutscher damit klarkommt. Die Künstlerin erschafft also Natascha Süder Happelmann als Alter Ego, tritt unter einer kartoffelartigen Maske auf und engagiert die Schauspielerin Susanne Sachsse als deren Sprecherin Helene Duldung.

Deutschland als Festung

Innen hat Süder Happelmann den Deutschen Pavillon mit einer Stauseeartigen Wand zubauen lassen: Deutschland als uneinnehmbare Festung aus Sicht von Flüchtenden. Da sich Migranten vor Razzien mit Trillerpfeifen warnen, haben sechs Komponisten Soundbeiträge entwickelt, die den Kunstflaneur aus seiner Komfortzone holen. „Uns ging es hier um den Atem, den Hauch,“ sagt Franciska Zolyom.

Der Pavillon ist bei der Eröffnung in einer Rede von Duldung umbenannt in „Ankersentrum“ (mit s). Jeder erkennt die Anlehnung an die in Bayern entwickelten AnkER-Zentren für Ankunft, Entscheidung und Rückführung. In Venedig angelandete Afrikaner „werden im Ankersentrum kein Obdach finden. Wir weisen ja gerade auf trügerische Namen hin, dazu gehört auch die Willkommenskultur, die dem Gast sagt, wie er zu sein hat,“ erläutert Zolyom. Die kartoffelköpfige Figur ist übrigens mit Eröffnung der Biennale nur noch im Netz zu sehen.

Die Collagen der in Norwegen geborenen Künstlerin thematisieren Gewalt gegen schwarze Frauen. Quelle: Simone Padovani/Awakening/Getty Images
Frida Orupabo

Die Collagen der in Norwegen geborenen Künstlerin thematisieren Gewalt gegen schwarze Frauen.

(Foto: Simone Padovani/Awakening/Getty Images)

Gedankenschwer, berechtigt in seiner Kritik und sehr deutsch ist dieser Pavillon. Dass es auch anders geht, beweist Brasiliens Beitrag. Nicht erst seit Jair Bolsonaros Präsidentschaft stehen Transgender ganz unten in der gesellschaftlichen Hierarchie.

Weil sie weder Bildung noch Arbeit bekommen, entwickeln sie einen Gruppentanz namens „Swinggueira“ zu ihrem Ausdrucks- und Überlebensmittel. Barbara Wagner und Benjamin de Burca haben in „Swinguerra“ den Krieg („Guerra“) der Transmenschen um Selbstachtung und Anerkennung von außen mit mitreißender Musik und packender Dramaturgie erzählt. Zeitgeschichte kann auch unterhaltsam sein.

Auffällig ist bei den Länderbeiträgen der nahezu durchgehende Rückgriff auf altbewährte Kunstformen, der Verzicht auf formale Neuerung. Als zweiter Schwarzer darf Martin Puryear den US-Pavillon bespielen. Unter dem Titel „Freiheit“ stellt er u.a. eine Planwagen-Skulptur aus.

Sehr ordentlich, sehr brav, aber ohne Risiko. Großbritannien stellt Cathy Wilkes, eine bislang nur unter Künstlern bekannte Malerin vor. Sehr zarte, klassische Landschaftsgemälde und kleinformatige Skulpturen, die nichts von der Kraft haben, die Phyllida Barlow 2017 dem Besucher mitzugeben verstand.

Künstler diskutieren mit dem Publikum

Politisch korrekt, aber formal ein langweiliges Puppenspiel aus dem 19. Jahrhundert. So präsentieren Jos de Gruyter und Harald Thys in „Mundo Cane“ im Belgischen Pavillon die Ausgrenzung sämtlicher gesellschaftlicher Gruppen jenseits des Mainstreams. Mechanisch betrieben bäckt der Bäcker und zimmert der Tischler im Biedermannkostüm, während der Bettler und der Behinderte hinter Gittern sind. Ein platter Beitrag, der für Diskussion sorgen wird.

Ein Flugzeug, aus dem sämtliche Strippen und Kabel nach außen hängen, dessen Tanks und Tragflügel aber nach innen verlegt sind, ergibt ein mitleiderregendes Bild. Als Bild für eine „Verkehrte Welt“, als bitterer Kommentar lässt sich im Polnischen Pavillon die Skulptur „Flight“ von Roman Stanczak lesen.

Blick in den Niederländischen Pavillon mit der Rauminstallation
Iris Kensmil

Blick in den Niederländischen Pavillon mit der Rauminstallation "The new utopia begins here".

(Foto: AFP)

Zurück zu Rugoffs Auswahl im Zentralen Pavillon in den Giardini. Hier hat Lara Favaretto „Thinking Head“ eingerichtet. 50 Gruppen ausrangierter Objekte ruhen nach gesellschaftlichen Themen gegliedert auf Regalböden wie in einer „Kunst- und Wunderkammer“, der Vorform aller Museen. „Solidarität“ besteht aus Isoliermatten und einem Projektor. „Evidenz“ aus einem zahnradbewehrten Sägeblatt, „Transhumanität“ aus Spiegeln, die nicht nur das Selbst, sondern auch den ganzen Raum widergeben können.

Die Künstlerin wird die Begriffe mit Experten und Publikum diskutieren. Jeder Besucher sollte sich ausgiebig in diesem gelungenen Bild unserer Zeit beschäftigen, das mehr Fragen stellt, als Antworten gibt. „Thinking Head“ ist im Basement des Zentralen Pavillon zu finden. Das Verweilen dort lohnt sich. Auch wenn einem der Kopf dort nicht raucht. Von Favaretto stammt nämlich auch der Rauch, der über dem Zentralen Pavillon weht.

Die „Biennale Arte 2019, 58th International Art Exhibition, May You Live In Interesting Times“ läuft vom 11. Mai bis 24. November 2019 in den Giardini und im Arsenale von Venedig (u.a.). Öffnungszeiten: Die. bis So. 10 bis 18 Uhr; das Arsenale hat bis 5.10. Freitags und Samstags auch bis 20 Uhr geöffnet. Der Kurzführer (engl. oder ital.) kostet 18 Euro; der Katalog, 2 Bände (engl. oder ital.) 85 Euro.

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