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Afrika Starker Auftritt

Afrika hat bildmächtige Künstler, die der hiesige Kunstbetrieb meist ausspart.  Bis Sonntag bietet „Focus11“ in Basel einen faszinierenden Überblick auf aufstrebende und etablierte Künstler des schwarzen Kontinents.
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Nirveda Allecks Ölgemälde

Nirveda Allecks Ölgemälde "Continuum Mali" misst 2.50 Meter in der Breite. Es ist zu sehen in der Ausstellung "11Focus" parallel zur Art Basel.

(Foto: Nirveda Alleck)

Basel Die Art Basel versammelt so viele Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt wie keine andere Messe für moderne und zeitgenössische Kunst. Doch Afrika bleibt bis auf zwei Galerien aus Südafrika ausgespart. In diese Lücke springt nun im dritten Jahr "Focus11". In einem zentral gelegenen Altstadthaus in der Basler Rheingasse 33 kann der wissbegierige Besucher seinen Horizont erweitern, was junge, aufstrebende Talente des vom Westen gern übersehenen Kontinents betrifft.

Kleine Jungs, alle in blauen Kapuzenmänteln, schauen den Betrachter an. Realistisch, in lebhaften Farben gemalt, stehen die Figuren auf nichts als der großen weißen Leinwand. Handelt es sich um ein religiöses oder um ein politisches Ritual? Die nächsten Gemälde geben Aufschluss.

Nirveda Alleck:

Nirveda Alleck: "Continuum Chagos" von 2010 im Ausschnitt.

(Foto: Nirveda Alleck)

Spielball der Großmächte

Die aus Mauritius stammende Malerin Nirweda Alleck hat Bewohner der Pazifikinsel Chagos porträtiert. Statt sie in Röcke, Hosen und T-Shirts zu hüllen, hat Alleck ihnen ihr größtes Problem kollektiv auf den Leib gemalt: die Luftansicht des Militärstützpunktes, die Soldaten im Tarnanzug. Die Insel gehört nicht der indigenen Bevölkerung, sondern ist eine von Großbritannien an die USA geliehene Militärbasis. „Sie leben im Limbo und bekommen ihre Insel nicht zurück“, erläutert die zierliche Malerin, den politischen Gehalt ihrer attraktiven Gemälde.

„Die Jungen in Mali habe ich fotografiert, als sie zu einem Beschneidungsritual, einer Initiation gingen“. Typisch für Alleck ist, dass sie den Kontext immer weglässt. Da muss der Betrachter zweimal hinschauen. Das lohnt sich.

Die Plattform

Der von Seraina Müller und Christoph Schön organisierte Focus11 ist weit mehr als eine von Christine Eyene kuratierte Ausstellung mit über einem Dutzend Künstlern aus Afrika und der Diaspora. Galerieausstellungen, Performances, Diskussionen, ein Symposium sowie eine tägliche Lounge von 20 bis 24 Uhr erweitern Focus11 zur Plattform. Sie läuft bewusst parallel zur Art Basel und schließt wie diese am 19. Juni 2011.

Ob Videos (Rowan Pybus, Ntando Cele), aquarellierte Collagen von Steve Bandoma, Malerei (Jean-Henri Booyens) oder Performance in Verbindung mit Fotografie wie sie der sehr junge Mohau Modisakeng pflegt – ihr gemeinsamer Nenner sind der Mensch und die Gesellschaft. Nicht mehr und nicht weniger.

Der Streitschlichter

Stark in Ausdruck und Botschaft sind drei fein ausgetüftelte Ganzfigur-Fotos aus einer Serie von Modisakeng (*1986). Der Südafrikaner lebt gerade mit einem Stipendium in Basel und wird demnächst nach Südafrika zurückkehren, um sein Studium abzuschließen. Der Künstler posiert selbst mit ernstem Ausdruck, mit Erde und Oxyden in den Händen. Im nächsten Bild verhüllt eine Staubwolke sein Gesicht. Im dritten Bild ist der Künstler, der einen mannshohen Lederschurz umgebunden hat, mit aneinander gelegten Händen zu sehen. Modisakeng erzählt, dass die Gesten einem Streitschlichterritual seiner Kindheit entstammen. Damals mussten sich zoffende Kinder erst am Friedensrichter abarbeiten, bevor sie sich wieder in einander verkeilen konnten. Ein Modell, das man sich auch für die große Politik wünschte.

Graeme Williams Fotoarbeit ist bis 19.6. in der Ausstellung

Graeme Williams Fotoarbeit ist bis 19.6. in der Ausstellung "11focus" parallel zur Art Basel 2011 zu sehen (Ausschnitt).

(Foto: Graeme Williams)

Poesie in der Ödnis

Der Fotograf Graeme Williams kommt viel rum in seinem Land Südafrika. Er macht Bilder von der Gesellschaft um ihn herum, manchmal sogar ganz ohne Menschen. Doch auch wenn sie nicht drauf sind, erzählen Williams Fotos von ihnen. Denn er gibt ihnen ihre Würde zurück, so arm sie auch sein mögen. Die von Christine Eyene ausgesuchten Farbfotos zeigen verrostende Wellblechhütten der Townships in grauer, abweisender Landschaft – immer mit einem Farbklecks. Hier sind es rosa Kissen auf einer Wäscheleine vor einem grün gestrichenen Haus, die Hoffnung verbreiten, da eine rot gestrichene Türschwelle, dort ein buntes Tischtuch, das sich heiter im Wind bläht. Im Gespräch mit dem Handelsblatt sagt der 49-jährige Graeme Williams: „Ich benutze Farbe als Metapher. Ich manipuliere das Abgebildete nicht, habe keine Tischdecke, die ich aus dem Auto hole, aufhänge und ablichte.“

Der Betrachter ist dankbar für die kleinen Hoffnungsschimmer. Williams aufmerksames Auge dokumentiert die Veränderungen in Südafrika. Seine Lichtbilder mit anwesenden Menschen sind derzeit im Londoner Victoria and Albert-Museum in der Ausstellung „Figures & Fiction“ zu sehen.

Eine Etage darüber stellen sich Galerien vor. Mit dabei ist die Galerie Imane Farès aus Paris. Die in Dakar geborene Libanesin lässt sich die Chance nicht entgegen, der Kunstwelt 27 Bilder vom Tahrir-Platz in Kairo zu präsentieren, die ganz anders aussehen als erwartet.

Soldaten am Tahrir-Platz  

Die ägyptische Künstlerin Nermine Hammam hat den friedlichen Soldaten, die sich mit den Demonstranten solidarisierten, ein künstlerisches Denkmal gesetzt. Gelassen beobachtend, freundlich lachend und winkend sehen wir Militärs in Kampf- oder Ausgehuniform vor irritierenden Hintergründen. Soldaten vor Alpenpanoramen, Bergseen, Winterlandschaften und Bauernhäusern einer längst versunkenen Kitschpostkartenidylls. Die Motive stammen aus einer Postkartensammlung der Künstlerin. Was alle Welt erstaunt und erfreut hat, die Friedlichkeit der ägyptischen Soldaten, findet einen Widerhall in den erstaunlichen Motivkombinationen. Jede Arbeit ist ein Unikat (Diasec auf Alu und Plexiglas), die Preise reichen von 3.300 bis 7.000 Euro.

Urlaubsgrüße der boatpeople

Oben im aufgeheizten Speicher setzt sich die von Eyene kuratierte Ausstellung fort. Hier informiert ein Tonband über Auftrag und Rahmen der Frontex-Einsätze. Über jene Grenzpatrouillen vor Nordafrikas heißer Künste, deren Kosten sich verhundertfacht, die das Problem der Immigration aber noch nicht gelöst haben. Sonnenbeschienen liegen frisch gedruckte Lampedusa-Ansichtskarten zum Mitnehmen und Versenden aus. Vorne zwei Fotos von Traumstränden, eine Karte und ein Frontex-Schiff mit in Goldfolie verpackten Bootsflüchtlingen aus Afrika, die sich aufwärmen sollen, bevor sie auf Lampedusa ihren Lageralltag beginnen.

Der naiv-freundliche Text stereotyper Urlaubsgrüße ist auf der Rückseite aufgedruckt. Der Absender muss nur noch Namen und Adresse des Empfängers einsetzen. Unterzeichnet hat die satirische Anklage gegen die Einpferchung afrikanischer Immigranten auf der italienischen Insel Lampedusa Youssef. Das ist der Künstler Youssef Tabti.

Der perfekt deutsch sprechende Franko-Algerier Youssef Tabti, gibt amüsiert zur Protokoll, dass er hier als Afrikaner eingeladen sei – mit französischem Pass, deutschem Wohnsitz und Kunstförderung der Stadt Hamburg. Ach ja, das ist etwas, was Focus11 zur Seite wischt: das einheitliche Bild von Afrika.

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