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„Darbringung im Tempel“

Links von Andrea Mantegna, rechts von Giovanni Bellini.

(Foto: Juergen Blume)

Alte Meister Eine Ausstellung zur Schwagerwirtschaft in der Frührenaissance

Die Ausstellung „Mantegna und Bellini“ mit etwa 100 Exponaten ist ein Besuchermagnet in der Berliner Gemäldegalerie. Zu Recht.
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BerlinAls Rivalen kann man sie wohl kaum bezeichnen: Andrea Mantegna und Giovanni Bellini, denen die Berliner Gemäldegalerie eine Doppelausstellung widmet. Die Wahlverwandtschaft beider Künstler, die zunächst prägende Wirkung der Werke Mantegnas auf seinen Schwager Bellini, aber auch dessen fortschreitende malerische Emanzipation werden hier im Bildvergleich so nah und aufschlussreich wie nie zuvor vor Augen geführt.

Die mit der Londoner Nationalgalerie erarbeitete Schau spannt den Bogen von Mantegnas frühestem, schon in perspektivischer Verkürzung gemalten Markus-Gemälde bis zu dem späten, von Tizian und Dosso Dossi ergänzten „Götterfest“ Giovanni Bellinis. Rund hundert Exponate, darunter Handzeichnungen, Kupferstiche und Skulpturen, erlauben subtile Einblicke in zwei höchst unterschiedliche Künstlernaturen.

Dramatische Tiefenwirkung

Im direkten Nebeneinander konkretisieren sich die Unterschiede. Auf den ersten Blick könnte man Bellinis „Darbringung Christi im Tempel“ für eine Kopie von Mantegnas Berliner Version dieses Bildthemas halten. Doch der fast Gleichaltrige verzichtet nicht nur auf den gemalten Rahmen, sondern fügt eine Brüstung ein, die die Tiefenwirkung steigert.

Er verzichtet weitgehend auf die zeichnerische Modellierung der Gesichter, egalisiert die Binnenstruktur des Bartschmucks, mildert den Goldglanz der Gewänder und den weinerlichen Ausdruck des Kindes. Rechts außen fügt er eine Figur hinzu, die eindringlich aus dem Bild hinausblickt, so als wolle sich hier der Künstler selbst porträtieren.

An diesen Veränderungen sieht man, dass es Bellini nicht um eine Kopie, sondern um eine individualisierende Umgestaltung geht. Ähnliches lässt sich auch beim Vergleich von zwei Querformaten mit der Anmutung antiker Friese feststellen.

Sie sind fast zeitgleich im ersten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts entstanden. Mantegnas „Einführung des Kybele-Kults“ suggeriert Marmorstrukturen und soll in den Weißhöhungen bildhauerisch wirken, während Bellinis statuarische Darstellung „Scipio lässt Milde walten“ ihre malerische Wirkung nicht verleugnen kann.

Der Künstler stellte sich das göttliche Ereignis in beeindruckender Landschaft vor. Bemalt hat er die Holztafel um 1465. Quelle: © The National Gallery, London
Giovanni Bellini

Der Künstler stellte sich das göttliche Ereignis in beeindruckender Landschaft vor. Bemalt hat er die Holztafel um 1465.

(Foto: © The National Gallery, London)

Schon beim ersten Rundgang zeigen sich gravierende Unterschiede. Mantegna ist ein furioser Zeichner, dessen Schraffur Körpervolumen und Bildtiefe schafft, während Giovanni Bellini mit wachsendem Alter zum Weichzeichner wird. Der strebt im Gegensatz zu seinem Schwager eine anmutige Figurenmalerei, eine Durchgeistigung in Schönheit an.

Ein Paradebeispiel für diese Haltung ist die um 1490 entstandene „Beweinung Christi“, eine Leihgabe der Uffizien. Was Bellinis Gemälde betrifft, so zeigen sie mit fortschreitender Beherrschung der Ölmalerei feinere koloristische Wirkungen wie sie selbst für ein so drastisches Bild wie die späte „Trunkenheit Noahs“ aus Besançon charakteristisch sind.

In Bellinis Frühwerk haben die Landschaften der Sakralbilder eine heroische Prägung, was sie stilistisch mit Mantegna verbindet. Das Londoner „Gebet am Ölberg“, das wie eine auf die Hauptfiguren konzentrierte Paraphrase von Mantegnas etwa zwei Jahre früher entstandener Version wirkt, ist ein Paradebeispiel.

Auch hier führen Schlängelwege in die Ferne, und die Felsformation türmt sich dramatisch. In späteren Werken Bellinis, vor allem in den Querformaten, ist eine stärkere Verschmelzung von Figur und Landschaft zu erkennen, die Gewänder fließen weich, Gesichter und Körper haben keine Konturenschärfe.

Der scharfe Umriss ist bis in die Spätzeit ein konsequentes Stilmittel Mantegnas. Gesichter und nackte Körper sehen aus wie Skulpturen, der Faltenwurf der Gewänder hat eine die Intensität steigernde Präzision, und das Kolorit ist punktuell stark eingesetzt. Hauptwerke wie die große „Kreuzigung“ und der „Sieg der Tugend über die Laster“ (beide aus dem Besitz des Louvre) kultivieren diese Technik.

Dieses Bild war lange Anlass zu ausladenden Interpretationen. Sie beziehen sich meist auf die Personen, die die weltlichen Laster verkörpern und von der kämpferischen Minerva aus dem Garten der Tugend ausgetrieben werden. Das wie die meisten Temperabilder Mantegnas auf Leinwand gemalte Bild ist ein Auftragswerk für die Studierstube der Isabella d’Este im Castello San Giorgio in Mantua.

Es zeigt die Vertrautheit Mantegnas, der auch ein Sammler antiker Bildhauerarbeiten war, mit der lateinischen Sprache und humanistischen Zeitströmungen. Bellinis Gesamtwerk ist dagegen zu 90 Prozent religiösen Themen gewidmet.

Tücken der Malerei mit Eitempera

Ein Aufsatz im Katalog unterstreicht die unterschiedlichen Maltechniken. Mantegna wird hier als detailliert arbeitender Meister der Eitempera-Malerei charakterisiert. Schon die große Mantegna-Ausstellung von 1992 in London hatte herausgestellt, dass diese nicht nur auf Leinwand bezogene Technik starke Erhaltungsprobleme geschaffen hat, die in den überrestaurierten Riesenformaten des „Triumphzugs Cäsars“ aus dem Besitz der englischen Königin kumulieren.

Aber selbst eine farbselig wirkende Leinwand wie die „Anbetung der Könige“, die das J. Paul Getty Museum 1985 bei Christie’s für 8,1 Millionen Pfund (damals 30,7 Millionen D-Mark) ersteigerte, zeigt erhebliche Substanzverluste in der Malschicht.

Das offenbart sich in weniger drastischem Ausmaß auch bei anderen Exponaten, auf denen die letzte Feinlasur des Meisters verschwunden ist — besonders da, wo die mit Eigelb gebundene Farbe nahezu ungrundiert auf die Leinwand aufgetragen wurde.

Was die Ausstellung über die Bildvergleiche und Stationen der künstlerischen Entwicklung hinaus sehenswert macht, sind ihre Querverweise auf die Skulptur der Zeit, namentlich Donatello. Als eine unerhörte Neuerung in der Epoche Mantegnas und Bellinis wird der Pesaro-Altar des in Venedig tätigen Marco Zoppo in den Reigen der Altarbilder mit einbezogen.

Zoppo stellt Heiligenfiguren, die bis dato auf Seitenflügeln des Altars separiert waren, in einen einheitlichen Bildraum, was einen neuen Typus der Gattung „Sacra Conversazione“ (Heilige Unterhaltung) schafft. Da entwickeln die Figuren eine eigene Dramatik. Denn sie sind auch in eine weiträumige Landschaft gestellt. Das monumentale Tafelbild verfehlt seine magische Wirkung auch in diesem Reigen konkurrierender Meisterwerke nicht (bis 30.6., Katalog 29 Euro).

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