Andra Lauffs-Wegner Der spektakuläre Kunstschatz der Rotbäckchen-Dynastie

Andra Lauffs-Wegner lädt ein zum Besuch in ihre Privaträume. Die Gesellschafterin der Firma Rabenhorst zeigt eine einmalige Kunstsammlung.
Kommentieren
Andra Lauffs-Wegner führt persönlich durch die Ausstellung mit Werken von Katharina Grosse (VG Bild-Kunst 2018). Quelle: Rudolf Wichert für Handelsblatt
Am Dialog interessiert

Andra Lauffs-Wegner führt persönlich durch die Ausstellung mit Werken von Katharina Grosse (VG Bild-Kunst 2018).

(Foto: Rudolf Wichert für Handelsblatt)

Bad HonnefEs ist verwirrend. Die Adresse des Kunstraums KAT_A in Bad Honnef bezieht sich auf einen Park um das „Haus am Turm“. Unter alten Bäumen meint der Besucher, am Ziel angekommen zu sein. Dort stehen beispielsweise die humorvollen Skulpturen von Jeppe Hein, unter dem Geäst entdeckt der Flaneur noch das zum Baumhaus umgebaute Flugzeug von Michael Sailstorfer.

Doch die Wechselausstellungen von Andra Lauffs-Wegner finden nicht im Haus am Turm statt, sondern hügelan, ein paar Schritte weiter links. Seit 2014 mietet die Rheinländerin Ausstellungsräume in „Haus Hedwig“, einem ehemaligen Lazarett und späteren Müttergenesungswerk, um ihre Privatsammlung zu zeigen.

Lässig elegant im dunkelblauen Sommerhosenanzug und in Prada-Sneakers erwartet die hochgewachsene Sammlerin ihre Gäste. Sie lässt es sich nicht nehmen, jeden angemeldeten Besucher, jeden Kunstverein persönlich zu führen. Das Reden und der Austausch über Kunst, das ist, was sie antreibt.

Rau wirken die unverputzten Wände im ehemaligen Speisesaal und der Küche. In diesem lichtdurchfluteten Doppel-Ausstellungsraum treffen die kühnen Abstraktionen der 56-jährigen Malerin Katharina Grosse auf intensiv blaue, rosa oder goldene Werke von Yves Klein (1928 – 1962).

„Farbe fließt von einem Bild zum nächsten auf der gegenüberliegenden Wand und über die drei Plexiglastische von Yves Klein“, beschreibt Lauffs-Wegner die Einrichtung ihrer vierten Jahresausstellung, die noch bis Mai 2019 läuft.

Natürlich verbindet die beiden Künstler auch, dass sie malen, aber ohne Pinsel: Der Ältere häufte Pigmente und Goldblättchen an und tränkte Schwämme in sein patentiertes IKB, das „International Klein Blue“. Die Jüngere malt mit der Spritzpistole.

Die Großformate von Katharina Grosse aus ihrem Besitz ergänzt Lauffs-Wegner zum ersten Mal mit Leihgaben aus anderen Sammlungen. Durch den Blick auf verschiedene Werkphasen vertieft sich das Verständnis des Betrachters für Grosses Konzept von Farbexplosionen.

Lauffs-Wegner erzählt, dass sie anders sammelt, seitdem sie im Wohnhaus keine Rücksicht mehr nehmen muss auf Familienmitglieder – hier gibt es keinen Flecken mehr ohne Kunst. Geändert haben sich die Ausmaße der Kunst und die finanziellen Dimensionen, sagt sie, und wirkt glücklich dabei.

Blick in die Kapelle: Ein Gemälde von Katharina Grosse (li.) und eine Installation von Tatiana Trouvé mit Matratzen aus Beton in ihrem Privatmuseum KAT_A. (VG Bild-Kunst 2018) Quelle: Rudolf Wichert für Handelsblatt
Privatmuseum KAT_A

Blick in die Kapelle: Ein Gemälde von Katharina Grosse (li.) und eine Installation von Tatiana Trouvé mit Matratzen aus Beton in ihrem Privatmuseum KAT_A. (VG Bild-Kunst 2018)

(Foto: Rudolf Wichert für Handelsblatt)

Die Arbeiten von Yves Klein führen direkt in die Jugendzeit der Sammlerin. Denn der Franzose war neben Joseph Beuys einer der Hausheiligen in der Sammlung ihrer Eltern. Als die Eigentümer der Fruchtsaft-Firma Rabenhorst („Rotbäckchen“) 1968 zu sammeln begannen, ließen sie sich vom Avantgarde-Spezialisten Paul Wember beraten. Der war Direktor des Kaiser-Wilhelm-Museums in Krefeld.

Deshalb kauften Helga und Walther Lauffs ganze Beuys-Räume oder pinsellos per Körperabdruck geprägte Gemälde von Yves Klein direkt für die Schausammlung des Museums. Zu Hause stellte man bei Lauffs die Kaffeetassen ab auf einem Kunstwerk, Kleins mit Blau, Gold oder Rosa angefüllten Plexiglastischen. Es kam eine mutige Sammlung zustande, als die heute gefeierten Heroen der Kunstgeschichte noch für kleines Geld zu haben waren.

Kunst emotionalisiert und polarisiert

Jedes Kunstwerk in KAT_A 4 hat eine lange und persönliche Geschichte. Die Sammlerin erzählt bei der Führung auch ihre private Sicht auf die Helden der 1960er- und 1970er-Jahre. Man sollte zuhören. „Andra Lauffs-Wegner hat ein feinsinniges Gespür dafür, wie Kunst Menschen emotionalisieren, aber auch polarisieren kann“, sagt Stephan Frucht, heute Leiter des Siemens Arts Program.

Beide kennen sich aus vielen Jahren der Zusammenarbeit im Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI. „Als Sammlerin ist sie zudem künstlerischen Experimenten stets aufgeschlossen. Zusammen mit ihrem unternehmerischen Charakter entsteht daraus ein Energiekonvolut, das sich täglich aufzuladen scheint.“

Die Kunstfreundin ist in acht kunstfördernden Einrichtungen tätig. Das Kuratieren macht ihr so viel Freude, dass sie einen dritten Raum gemietet hat, die ehemalige Kapelle des ursprünglich kirchlichen Hauses. Dort sind auch Bilder von Katharina Grosse zu sehen. Doch auch jene Konzeptkunst, die Lauffs-Wegner so am Herzen liegt. Ein die Farben des Regenbogens reflektierendes Polyeder von Ólafur Elíasson. Oder die raumgreifende Installation „Untitled“ von Tatiana Trouvé. Deren gerollte Matratzen sind aus Beton. Bei so manchem Besucher dürften sie das Assoziationsfeld Flucht und Migration öffnen.

So unprätentiös wie die Sammlerin über ihre Auswahl an Kunstwerken spricht, genauso selbstverständlich erfährt der Besucher, welche Werke Künstler ihr geschenkt haben: in der Apsis der Kapelle ein Bronze-Oktopus von David Zink Yi, im Flur eine kleine Arbeit von Katharina Grosse als Weihnachtsgruß. Solche Gaben erzählen nebenbei, dass die Sammlerin den Dialog mit den Künstlern intensiv pflegt und diese die nachhaltige Unterstützung der Sammlerin zu schätzen wissen.

Schock bei der Vernissage

Als der Künstler Andreas Schmitten jüngst eine Soloausstellung im Museum Kurhaus Kleve hatte, bat er die Sammlerin um die so zentrale wie monumentale Leihgabe. Sie willigte ein, die überlebensgroße „Gestrandete“ nach Kleve auszuleihen. Doch wie groß war der Schock, als sie „ihr“ Werk bei der feierlichen Vernissage völlig verändert wiedersah. Schmitten hatte der leicht abstrahierten Frauenfigur kurzerhand einen bunten Sonnenschirm zur Seite gestellt. „Sonst hätte sich die weiße Figur nicht in dem hellen Raum abgehoben“, erklärte Schmitten. Lauffs-Wegner bekommt sie natürlich ohne Schirm zurück, hat aber das Modell der Erweiterung dazu erworben.

Beuys und die ruppige Kunst der 1970er-Jahre haben das Kunstverständnis von Andra Lauffs-Wegner tief geprägt. „Allem, was vordergründig schön scheint, misstraue ich zutiefst.“ Und was hat sie von dem Mann mit der Vorliebe für Fett und Filz gelernt? „Zum Beispiel, dass Kunstwerke auch gemalte Ideen sind. Daher rührt meine Liebe zur Konzeptkunst.“

Die Orientierung an Ideen spürt, wer das Privathaus betritt. Zufahrt und Garten bevölkern zahlreiche Skulpturen, jede folgt einem Konzept. Im Wohnzimmer steht Alicja Kwades zum Dreiviertelkreis gerundetes Türblatt: „ein perfektes Spiel mit den Sehgewohnheiten“.

Andreas Schmittens "Gestrandete" sah im Museum Kurhaus Kleve anders aus als in der Privatsammlung. Quelle: Niels Schabrod
Leihgabe

Andreas Schmittens "Gestrandete" sah im Museum Kurhaus Kleve anders aus als in der Privatsammlung.

(Foto: Niels Schabrod)

2001 bat die Sammlerin den Schweizer Maler Nic Hess um ein Wandbild. „Er hat sich die schräge Wand über dem Treppenabsatz ausgesucht.“ Der Künstler, der unter anderem Firmenlogos in Schablonenmalerei umsetzt, hatte damals ein Stipendium in New York, sein Atelier lag ausgerechnet in den Twin Towers. „Nur weil er den Auftrag bei uns noch zu Ende bringen wollte, überlebte Nic Hess den Anschlag auf das World Trade Center“, erzählt Lauffs-Wegner. „Zunächst hatte Nic nur ein großes Flugzeug vorgesehen, das quasi in unser Haus reindonnert.“ Doch nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 ging das nicht mehr. „Wir haben ihn gebeten, das Wandbild zu verändern.“ So kam zum Flugzeug ein Reigen heiter wirkender Firmenlogos hinzu, etwa von Puma, Lufthansa und Mitsubishi.

Ihr kleines Arbeitszimmer wirkt wie eine Studierstube, dicht an dicht hängen Gemälde, Zeichnungen, Künstlergrüße und Kinderbilder. Zentral platziert ist eine zarte Beuys-Zeichnung, an die sich die Geschichte vom vergessenen Geburtstag knüpft. Die langersehnte Perlenkette hätte der vergessliche Vater ihr damals erst am folgenden Montag kaufen können. Da folgte die Jugendliche seinem Angebot und wählte lieber gleich ein Kunstwerk aus dem Grafikschrank des Vaters. Joseph Beuys kannte sie natürlich persönlich. Ihre Eltern zählten zu seinen Förderern.

Als Lauffs-Wegner begann, mit ihrem Vater freitags die wichtigen Galerien in Köln und Düsseldorf aufzusuchen, lernte sie einiges, „wie man im Gespräch mit dem Galeristen dem Wesen eines Kunstwerks nahe kommt“. Damals war die Kunstszene noch überschaubar.

Es gab nur eine Handvoll tonangebender Galerien. Inzwischen gibt es mehr Kunsthochschulen, mehr Galerien, mehr Vermittler und mehr Sammler. „Heute ist es wegen der Oberflächlichkeit in der Kunst oft weniger spannend als in den 1970er-Jahren bei der Konzeptkunst“, resümiert die Rheinländerin. Und kritisiert: „Zu viele Künstler schielen heute nach dem, was Sammlern gefallen könnte. Heute ist der Markt viel manipulierter durch die Macht der Galeristen und die mediale Berichterstattung.“

Dem Charme eines Starauktionators erlegen

Lauffs-Wegner hat viel Markterfahrung. Sie riskierte sogar den Bruch mit ihrer Mutter, als diese 2008 400 Kunstwerke aus der insgesamt 500 Arbeiten umfassenden Sammlung Helga und Walther Lauffs aus dem Krefelder Museum abzog. Die betagte Dame war dem überschwänglichen Charme von Sotheby’s Starauktionator Tobias Meyer erlegen und wollte ihn alles versteigern lassen. Tochter Andra arrangierte schließlich jene Regelung, die wesentlich mehr einbrachte als die geschätzten 100 Millionen Euro. Am Ende überließ Helga Lauffs Sotheby’s ausgewählte Gruppen von Kunstwerken für Auktionen in London und New York. 150 zentrale Arbeiten aber übernahmen die beiden einflussreichen Großgaleristen Iwan Wirth und David Zwirner als Duo. Sie platzieren seitdem unter anderem Yves Kleins prachtvolle „Anthropometrie (ANT 110)“ im Louvre Abu Dhabi. Die Darstellung durch tiefblaue Farbe abgedrückter Frauenkörper ist selbst in einem modernen islamischen Land kein Tabu mehr. Kunst öffnet und verändert das Denken.

KAT_A 4 „Yves Klein und Katharina Grosse“ bis Mai 2019.
Drachenfelsstraße 4-7
Bad Honnef-Rhöndorf
Besichtigung nur nach Anmeldung im Internet unter: www.kat-a.de; info@kat-a.de 

Startseite

Mehr zu: Andra Lauffs-Wegner - Der spektakuläre Kunstschatz der Rotbäckchen-Dynastie

0 Kommentare zu "Andra Lauffs-Wegner: Der spektakuläre Kunstschatz der Rotbäckchen-Dynastie"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%