Anish Kapoor in München Der Weltstar aus Indien zelebriert ein Fest der Farben

Auf Biennalen und in internationalen Großgalerien ist der indische Künstler ein häufiger Gast. Jetzt stellt Anish Kapoor erstmals in einer deutschen Galerie aus.
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Wie ein farbiger Ascheregen liegen die pudrig, unberührten, soghaft-farbintensiven Pigmente über den „Graves“.Anish Kapoor, Galerie Klüser, München, 2018 Quelle: Jamie Fischer/Klüser/VG Bild-Kunst 2018
Anish Kapoor

Wie ein farbiger Ascheregen liegen die pudrig, unberührten, soghaft-farbintensiven Pigmente über den „Graves“.Anish Kapoor, Galerie Klüser, München, 2018

(Foto: Jamie Fischer/Klüser/VG Bild-Kunst 2018)

MünchenEs ist das größte Ziel eines Künstlers, ein Mysterium zu erschaffen“, erklärte der indisch-britische Kosmopolit Anish Kapoor kürzlich während der Eröffnung seiner Ausstellung in der Münchener Galerie Klüser. Mit seinen auf Auktionen längst im Millionenbereich liegenden Hohlspiegeln und mit überdimensionalen glänzenden, Himmel und Erde reflektierenden Monumental-Kugeln hat der heute 64-Jährige der Skulptur eine neue Dimension eröffnet und dem Betrachter durchaus das Staunen gelehrt.

Wie in allen Werken des Londoners geht es auch in seinen neuesten Arbeiten „Monochrome Graves“ um die spirituelle Seite der Kunst. Die fast identisch scheinenden Skulpturen in den Farben Kurkumagelb, Lapislazuliblau und Samtrot thronen wie perfekt ausgehobene Gräber mit schnurgeraden Kanten im rechten Winkel in den spartanischen Galerieräumen.

Sie irritieren, animieren die Sinne und inspirieren den Geist. Form ist eine untergeordnete Kategorie im Werk Kapoors. Seine ästhetischen Signale sendet er vor allem über die Materialität aus.

Koloristischer Ascheregen

Was die Logik der menschlichen Erfahrung beim Anblick eines ausgehobenen Leerraumes als aufgeschüttete Erde klassifizieren würde, verflüchtigt sich hier ins undefinierbar Festlich-Erhabene. Mit der Farbe Schwarz hat Kapoor, wie erst kürzlich auch in einer großen Schau im portugiesischen Porto, die Wahrnehmung des Räumlichen ausgelöscht.

Hier in der Georgenstraße zelebriert er auf andere Weise das Phänomen Farbe. Wie ein koloristischer Ascheregen liegen die pudrig, unberührten, soghaft-farbintensiven Pigmente über den „Graves“, die für jeweils 800.000 britische Pfund plus Mehrwertsteuer angeboten werden, und hauchen ihnen sakrale Kraft ein.

Kapoor ist in den renommiertesten Galerien der Welt vertreten. In London etwa bei Lisson, in New York bei Gladstone. Deutsche Galeristen haben bislang nur den Zweitmarkt im Blick gehabt.

Bernd Klüser, der 2018 sein vierzigjähriges Galeriejubiläum beging, ist erstaunlicherweise der erste deutsche Galerist, der mit Kapoor zusammenarbeitet. Er sei nicht nur ein Künstler von Weltrang, sondern passe hervorragend ins Galerieprogramm, hebt der Galerist hervor.

Eines der bei Klüser ausgestellten „Graves“, hier mit senfgelbem Pigment überpudert. Quelle: Jamie Fischer/Klüser/VG Bild-Kunst 2018
Anish Kapoor

Eines der bei Klüser ausgestellten „Graves“, hier mit senfgelbem Pigment überpudert.

(Foto: Jamie Fischer/Klüser/VG Bild-Kunst 2018)

Klüser spielt auf Josef Beuys an. Die Galerie erwarb sich in den Anfangsjahren ihren Ruf vor allem durch die enge Zusammenarbeit mit dem Düsseldorfer Aktionskünstler und Bildhauer, dessen Werk Kapoor bewundert und sammelt. „Was sie verbindet, ist eine sehr individuelle Kunst, die in die Tiefe geht, die Werke rühren an Tabuzonen. Und wie Beuys hat Kapoor die Bildhauerei erweitert und beschäftigt sich mit dem Phänomen, unsichtbare Dinge einzubringen“, so Klüser.
Rein formal gibt es wenig Ähnlichkeit mit dem deutschen Künstler. Aber im zweiten Teil der Ausstellung im Galerie-Showroom in der Türkenstraße liegt der Titel der berühmtesten Beuys-Installation, „Zeige Deine Wunde“, als philosophischer Gedanke in der Luft.

Organisch geformte, tiefrote Silikon-Gebilde, umwickelt von Gazestreifen oder milchigen Plastikfolien, assoziieren Körperliches, Fleischiges, Blutiges: die überdimensionale Skulptur als Konfrontation mit dem Verdrängten. Kapoor transformiert den antiken Marsyas-Mythos ins 21. Jahrhunderts.

Das Schicksal dieses geschundenen Halbgotts war die Häutung bei lebendigem Leib. Die Brutalität, die diesen abstrakten Werken innewohnt, überträgt sich unmittelbar auf den Betrachter.

Jetzt sind die Museen am Zug

Die sogenannten Körperskulpturen „Bull/Moon“ von 2016 (bei Klüser für 600.000 Pfund plus Mehrwertsteuer) und „Muscular“ (450.000 Pfund exklusive Steuern) sorgten 2017 in der großen Kapoor-Ausstellung in Rom bei den Besuchern für Irritation. Denn die perfekte Oberfläche seiner Metallarbeiten hat Kapoor ersetzt durch archetypische, ambivalent anmutende Kunststoffen, die der Verletzlichkeit des Seins nachspüren.

Klüser hat mit dieser Ausstellung (bis 9. März 2019) einen Weltkünstler auf die Bühne der deutschen Galerieszene gehoben und bietet neben den Skulpturen übrigens auch Papierarbeiten an. Jetzt sind die Museen am Zug. Denn bislang ist Anish Kapoor in keinem deutschen Museum für zeitgenössische Kunst vertreten.

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