Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Antiquitäten Drei Messen buhlen in München um die Gunst der Sammler

Von seltenen Antiquitäten bis zu zeitgenössischer Kunst: Welche Möbelstücke, Gemälde und Zeichnungen der Kunstmessen in München besonders auffallen.
Update: 22.10.2018 - 16:08 Uhr Kommentieren
Günter Fruhtrunks fein austarierte „Zwei Kreise“ aus den Jahren 1958/63. Quelle: Sina Stockebrand Kunsthandel, VG Bild-Kunst
Hingucker auf der Highlights

Günter Fruhtrunks fein austarierte „Zwei Kreise“ aus den Jahren 1958/63.

(Foto: Sina Stockebrand Kunsthandel, VG Bild-Kunst)

München Der neue Messeort tut der 98. Ausgabe der „Kunst und Antiquitäten“ in München ausgesprochen gut. Die Kleine Olympiahalle liegt unterirdisch zwischen dem Fernsehturm und der großen Sportarena mit dem weltberühmten Zeltdach. „Wir wollten schon jetzt umziehen, da der Postpalast, für den wir den Herbsttermin gesichert hatten, immer mehr zur Baustelle wurde“, begründet Andreas Ramer den Entscheid für den neuen Veranstaltungsort. Dafür nehmen der Organisator der dienstältesten Münchener Messe und deren Vereinsmitglieder die um eine Woche verkürzte Laufzeit in Kauf (bis 21.10.).

Wie schon bei der Übersiedlung vom Nockherberg in den Postpalast zu beobachten, steigt der Anspruch an Präsentation und Qualität abermals. Mit den Sammelgebieten Asiatika, Möbel, Silber, Schmuck, Jugendstil, Volkskunst, mit Teppichen, Alter Kunst und Klassischer Moderne ist das Spektrum so breit wie in keiner der anderen beiden zeitgleich stattfindenden Kunstmessen. Anspruchsvollerer Standbau macht den Rundgang durch 66 Stände weitgehend zum Vergnügen für Entdecker.

Vogelkäfig mit gotischer Fassade

Gleich das erste Ausstellungsstück auf dem Weg ins Untergeschoss ist ein Hingucker. Tilman Roatzsch hat einen Schaukelstuhl aus dem Wiener Biedermeier aufgetan. Das vormoderne Relaxmöbel hat skulpturale Qualitäten, schließlich stammt es aus dem Umkreis der berühmten Dannhauser-Werkstatt. Für die elegante Rarität verlangt Roatzsch 14.800 Euro.

Wer sich auf den Kosmos eines jeden Standes einlässt, findet Schönes und Seltenes, Kurioses und Erstaunliches; bei Brigitte Martini einen üppig bemessenen Vogelkäfig. Der Clou: Seine Schauseite ist wie die Fassade einer gotischen Kathedrale gestaltet. Die Voliere hat eine feine Provenienz und soll unter anderem deshalb 12.900 Euro kosten.

Der Kunsthandel Ehrl aus Greding hat auf seinem kontrastreichen Stand ein feines Ensemble des Klassizismus aufgebaut aus bronzierten Vasen, Leuchtern und einer Streitwagen-Uhr. Typisch für die Zeit des Empire: Hier sieht man nur einen antikisierten Krieger, nicht aber den Zeitmesser im Sockel.

Einem Thema widmet sich José Manuel Ladrón de Guevara mit Hunderten von Objekten. Diesmal fächert der Wahldresdner die europäische Ägyptenmode zwischen 1800 und 1830 auf. Kantig und schlicht kommt ein Tagesbett aus Skandinavien daher, eigentlich eine Bank mit erneuertem Polster in herrlichem Türkis (6.500 Euro). Wie ägyptische Motive später in der Orientsehnsucht des Historismus aufgehen, führt dann ein reich ornamentierter Schreibtisch aus Dänemark vor. Das Architekturformen von Arabien bis Indien zitierende Prunkstück soll 12.500 Euro kosten.

Die elegante Lampe wurde um ca. 1910 in England hergestellt. Quelle: The Lamp Gallery Kunst & Antiquitäten München
Zugleuchte aus Messing

Die elegante Lampe wurde um ca. 1910 in England hergestellt.

(Foto: The Lamp Gallery Kunst & Antiquitäten München)

Wo andere mit viel zu glänzenden Oberflächen auf Biedermeiermöbeln eher den Laien ansprechen, bewahrt Egbert Eibel aus Münster die Oberflächen. Der schön geschwungene Wiener Lyrasekretär wurde nur gewachst und dürfte deshalb eher Kenner ansprechen (85.000 Euro).

Italienische Volksfrömmigkeit schlägt sich bei Roderich Pachmann nieder. Der Spezialist für alpenländische Volkskunst stellt unter anderem eine aus Pappmaché und Stuck hergestellte „Madonna im Früchtekranz“ vor. Die fein gefasste Skulptur des 18. Jahrhunderts greift die Renaissanceformen eines Lucca della Robbia auf und überführt sie in feine Alltagsbeobachtungen, wie sie auch Neapels Krippenschnitzer beherrschen (6.000 Euro).

Seltene Kelly Bag

Besucherinnen, denen es wichtig ist, unterwegs Stilbewusstsein zu zeigen, sollten bei Traute Conrad vorbeischauen. Die Spezialistin für Accessoires hält abgesteppte Chanel-Handtaschen (1.500 bis 4.400 Euro) bereit und eine ganz seltene Kelly Bag von Hermès. Für die Kult-Handtasche in Lila und Pink wird der stolze Preis von 12.000 Euro veranschlagt.

Als die „Kunst und Antiquitäten München“ noch im Festsaal einer Brauerei am Nockherberg untergebracht war, galt sie als das Aschenputtel unter den Messen. In Bayerns Landeshauptstadt hatte sich der Mitbewerber den marketingtauglichen Namen „Highlights“ gesichert und Ansprüche markiert. Aus dem ehemaligen Aschenputtel ist nunmehr eine zu Recht selbstbewusste Ergänzung der nur 35 Highlights-Aussteller in der Residenz geworden. Dort haben sie die Ansprüche etwas gesenkt, der Verkaufschancen wegen. Aus den einstigen Erzkonkurrenten sind so etwas wie feindliche Freunde geworden. Man ergänzt sich und tut gemeinsam der kulturellen Strahlkraft Münchens gut.

Das Gemälde aus der Sammlung Morton D. May hat eine bewegte NS-Geschichte hinter sich. Mit 4,5 Millionen Euro ist es das teuerste Bild der Messe in der Residenz. Quelle: Copyright Galerie Ludorff
Otto Mueller „Russisches Mädchenpaar“

Das Gemälde aus der Sammlung Morton D. May hat eine bewegte NS-Geschichte hinter sich. Mit 4,5 Millionen Euro ist es das teuerste Bild der Messe in der Residenz.

(Foto: Copyright Galerie Ludorff)

Ortswechsel in die noble Residenz. Hier hat die Galerie Beck & Eggeling ihr Angebot, eine kuratierte Malereischau, „Geheimnis der Dinge. Malstücke“ genannt. Vielfältige Wirklichkeitserfahrungen von Zeitgenossen, von Karin Kneffel bis Anton Henning, das beschreibt den Grundton der ganzen „Highlights. Internationale Kunstmesse“ recht gut. Die Zeitgenossen und das 20. Jahrhundert, vor allem Malerei, dominieren (bis 21.10.).

Otto Muellers packendes „Russisches Mädchenpaar“ dürfte das meistbeachtete Bild am Stand der Galerie Ludorff sein. Das Gemälde vom Elegiker der Brücke-Künstler hat eine bewegte NS-Geschichte und gelangte 1951 in die Sammlung des kenntnisreichen Amerikaners Morton D. May. Die so reduzierte wie psychologisch packende Schilderung zweier Frauen vor türkisgrünem Hintergrund markiert mit 4,5 Millionen Euro den preislichen Höhepunkt der Residenzmesse.
Kunkel setzt sich für den zu wenig bekannten Josse Gossens und dessen flirrendes Gemälde „In der Teestube“ von 1911 (39.500 Euro) ein, Giese & Schweiger für Corinths „Walchensee“-Aquarell (75.000 Euro) und die Galerie Thomas für Heinrich Campendonks Mischtechnik „Zwei Fahrradfahrer“ (198.000 Euro).

Bei der Galerie Schlichtenmaier aus Stuttgart fällt ein großes abstraktes Bild mit Text von Antonin Artaud von Walter Stöhrer ins Auge. Für die dynamisch expressive Abstraktion werden 54.000 Euro erwartet. Schwarzer aus Düsseldorf verführt mit einem extrem schönen abstrakten Aquarell von Gerhard Richter. „Gebirge“ von 1984 wechselt für 495.000 Euro den Besitzer.

Das von Johann Friedrich Breuer gestaltete Prunkstück findet sich auf dem Stand von Kunsthandel Helga Matzke, European Silver. Quelle: Kunsthandel Helga Matzke, European Silver; Highlights - Internationale Kunstmesse München
Silberner Gläserkühler aus Augsburg

Das von Johann Friedrich Breuer gestaltete Prunkstück findet sich auf dem Stand von Kunsthandel Helga Matzke, European Silver.

(Foto: Kunsthandel Helga Matzke, European Silver; Highlights - Internationale Kunstmesse München)

Die Händler Alter Kunst sind eine Minderheit auf den Highlights. Röbbig und Langeloh widmen sich mit je prachtvollen Ständen dem Porzellan, Mühlbauer und Christian Eduard Franke dem Interieur vom Barock bis zum Empire. Neuaussteller Ghio zeigt ein wunderliches Buchsbaum-Objekt aus dem 15. Jahrhundert: einen kleinen Käfig für den Gesang von Grillen. Seiner Seltenheit wegen soll es 45.000 Euro kosten – ohne Insekt.

Gedränge gibt es wie immer am Stand der Schmuck-Expertin Almut Wager. Unter all den exzeptionellen Stücken ragt eine Boucheron-Brosche von 1870 heraus, die leuchtet wie ein gotisches Kirchenfenster (19.000 Euro).

Das Genre Zeichnungen hat diesmal in München einen großen Auftritt. Auf den Highlights hängte Martin Moeller aus Hamburg Original-Berliner Typen zusammen. Die nach Freiern Ausschau haltenden Damen im Romanischen Café von Rudolf Schlichter (45 000 Euro) sind vor allem im Umriss erfasst und charakterisiert. Georg Tappert dagegen setzt genüsslich malerische Mittel ein, um die kesse, selbstbewusste Berliner Göre in Gestalt einer Frau mit Bubikopf zu schildern (7 500 Euro).

Wer eine repräsentative zeitgenössische Zeichnung sucht, wird bei Sundheimer fündig. Hier nimmt Thomas Müllers stupende Riesenzeichnung einer mehrfach gebrochenen Bewegung den Betrachter ein. Die Bleistift-Abstraktion ist auf 24.000 Euro angesetzt.

Die Wasserfarben von
Markus Linnenbrink

Die Wasserfarben von "TWSBTWR 8/11" spielen mit Farbräumen und -verläufen. Zu finden ist die Arbeit auf der Paper Positions in der Alten Staatsbank.

(Foto: Galerie Thomas Taubert)

Ein Künstler wie Thomas Müller könnte auch auf der dritten Münchener Herbstmesse figurieren, den „Paper Positions“ in der Alten Staatsbank (Kardinal-Faulhaber-Straße 1, Laufzeit bis 21. Oktober). In trendigem Interieur haben Kristian Jarmuschek und Heinrich Carstens nun zum zweiten Mal 39 internationale Galerien eingeladen, Kunst aus Papier vorzustellen. Das geht – und das ist wichtig – weit über Zeichnungen hinaus.

Marianne Schliwinski macht Ketten und Skulpturen aus Papiermaché (Spektrum), Axel Lieber baut eine Installation aus leeren Comicblasen auf (Taubert Contemporary). Sabine Banovic tuscht zerknülltes Papier (Jarmuschek), Alexandra Deutsch formt fantastische Objekte aus handgeschöpftem Papier (bei Ulrike Hrobsky). Bei Evelyn Drewes gibt es Aquarelle von Achim Riethmann zu entdecken, die Perfektion mit Auslassung koppeln, bei Andreas Binder durch Schnitt und Naht gebrochene Einblicke in die Welt der Mode und der Models, mit denen Tina Berning bekannt wurde.

Von der Kunst & Antiquitäten ist der Kunsthandel Fichter zur Paper Positions gewechselt. Die Frankfurter zeigen, wie faszinierend Zeichner des 19. Jahrhunderts sein können. Die kojenlose Paper Positions ist eine Bereicherung. So vielseitig, so finanzierbar das Medium Zeichnung bei Preisen zwischen 200 und 20.000 Euro ist, hat sie das Potenzial, auch neue Sammlerschichten anzusprechen.

Startseite

0 Kommentare zu "Antiquitäten: Drei Messen buhlen in München um die Gunst der Sammler"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote