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documenta 14 Das Gegenteil von Kunstmarkt-Kunst

Auf der documenta 14 geben Künstler und Haltungen den Ton an, nicht die glitzernde Welt des Kunstmarkts. Sie erzählen von der fragilen Existenz in einer bedrohten Welt. Das ist in dieser Radikalität neu.
10.06.2017 - 09:02 Uhr Kommentieren
Susanne Schreiber

Düsseldorf Das gab es noch nie: Eine Weltkunstschau documenta (bis 17. September 2017), die so weit weg ist vom Kunstmarkt. Mit seinem Team aus 18 Kuratoren aus aller Welt, ist dem künstlerischen Leiter der d14, Adam Szymczyk, etwas Neues gelungen. Szymczyk zeigt, dass die Welt der Kunst viel größer ist, als uns die großen Auktionshäuser und auch die nächste Woche eröffnende Art Basel glauben machen wollen. Die glitzernde, astronomisch teure Kunstmarkt-Kunst, die allenfalls Dekorationswert hat, ist offenbar nicht für alle im ‚Betriebssystem Kunst‘ das Kennzeichen unserer Zeit.

Das Leben ist drastisch auf das Allernötigste reduziert. Eine Metapher für die prekäre Existenz von Flüchtlingen auf der documenta 14. Quelle: Rudolf Wichert für Handelsblatt
Eine der Wohnröhren von Hiwa K

Das Leben ist drastisch auf das Allernötigste reduziert. Eine Metapher für die prekäre Existenz von Flüchtlingen auf der documenta 14.

(Foto: Rudolf Wichert für Handelsblatt)

Während im Handel ein schnelles Rad gedreht wird mit immer denselben Namen, die sich nur in größeren Zeitabschnitten auswechseln, trifft der documenta-Flaneur ständig auf neue Künstler, Kontexte und Haltungen. Wer in Kassel einige der 30 Spielorten ansteuert, kann viel lernen und seinen Blick en passant globalisieren. Anders als im kommerziellen Umfeld will Szymczyks documenta nicht gemalte Illusionen schaffen, sondern der fragilen Existenz in einer bedrohten Welt mit Gemeinschaftsaktionen und künstlerischen Eingriffen Gestalt geben.

Schon vor der Eröffnung der d14 zeichnete sich ab, dass die 20 aufgestapelten Wohn-Röhren von Hiwa K ein Signet-Werk der documenta 14 werden wird. Der in Berlin lebende Ex-Maler, der aus dem kurdischen Irak flüchtete, hat zusammen mit Studierenden aus Kassel eine Metapher gefunden für die Flucht und die prekäre Existenz, die sich Flüchtlinge bisweilen mit Studierenden teilen.

Das Leben ist drastisch auf das Allernötigste reduziert: Hängematte, Schlafsack, Bibliothek, Licht, Reinraum mit Kernseife und Bürsten, Kneipen-Rohr „Runde Spelunke“ und improvisierte Küche. Darin und in der  Macht der Witterung liegen Reiz und Herausforderung für die dort lebenden und schlafenden Studenten. Hiwa K hat die Malerei aufgegeben. Er bildet keine potenzielle Wirklichkeit mehr ab, sondern erfindet und transformiert die vorgefundene Realität. Darüber hinaus stiftet er eine Gemeinschaft und spielt geschickt auf das d14-Leitmotiv Griechenland an. Hat nicht schon der antike Philosoph Diogenes in einem Fass auf der Straße gewohnt? Und ohne den Ballast des Besitzes über Gemeinschaft nachgedacht?

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