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Max Beckmann - Christie's Das Böse im Kunstlicht

Christie’s versteigert Max Beckmanns marktfrische Abrechnung mit dem Nazi-Regime. Sein erstes im Exil gemaltes Bild hat eine aufschlussreiche Herkunft. Es stammt aus der Sammlung des Galeristen Richard Feigen.
23.06.2017 - 07:15 Uhr Kommentieren
Susanne Schreiber

Düsseldorf Es ist ein Gemälde, das dem Betrachter das Blut in den Adern gefrieren lässt. Kolorit und Komposition machen es zu einem Aufschrei, der das Böse entlarvt. Christie’s erwartet für das 120 mal 160 cm große „Weltbild“ einen neuen Rekordpreis. In einem engen Raum schildert Max Beckmann ausdrucksstark einen gefesselten Mann auf der Streckbank – zusammen mit der Zeitung am Boden ein Sinnbild für die Unschuld. Ein Vogelwesen ist gerade dabei, seinen Rücken aufzuschlitzen. Zwei weitere blau-orangefarbene Mischwesen assistieren der Folterszene. Ein schwarzer Vogel bewacht dicke Goldstücke, während die Massen den Arm brüllend zum Hitlergruß recken. Nackte Gestalten warten wie beim Höllen-Brueghel dicht gedrängt auf ihr grausames Ende. Davor schlüpft eine teutonische Fruchtbarkeitsgöttin aus einem Riesenei.

Max Beckmanns Gemälde „Birds Hell“ (Hölle der Vögel) von 1937/38. Erwartet werden für das 119.7 x 160.4 cm große Bild 30 Millionen Pfund. Quelle: Christie's; VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Symbolische Anklage

Max Beckmanns Gemälde „Birds Hell“ (Hölle der Vögel) von 1937/38. Erwartet werden für das 119.7 x 160.4 cm große Bild 30 Millionen Pfund.

(Foto: Christie's; VG Bild-Kunst, Bonn 2017)

Die Farben irisieren und changieren schrill, sind nachts bei Kunstlicht gemalt und setzen auf heftige Kontraste.  Mit hefigem schwarzem Strich verschränkt der Künstler die Konturen ineinander – da zeigt sich des Malers Herkunft aus der Kunst der Radierung.

Es ist ein großartiges Bild, weil es den Irrsinn der Machtergreifung der Nationalsozialisten, ihre menschenverachtende Ideologie und ihre Folterknechte symbolisch attackiert. 500 Werke von Max Beckmann wurden 1937 auf der Ausstellung „Entartete Kunst“ diffamiert. Der Künstler hat die deutsche Politik schnell durchschaut. Angefangen hat er „Die Hölle der Vögel“ bereits im Amsterdamer Exil, beendet 1938 in Paris.

Jahre des Alptraums

Es ist ein Bild für die Alptraumjahre zwischen 1933 und 1945, das gelegentlich auf Ausstellungen zu sehen war. U.a. 2013 als Schlusspunkt der umstrittenen Pariser Schau „De l‘ Allemagne“, zuletzt 2016 in dem formidablen Beckmann-Solo im New Yorker Metropolitan Museum. Dort, wo an den Schildchen abzulesen war, wie viele herausragende Beckmann-Bilder noch in amerikanischem Privatbesitz schlummern, sprach es eine direktere Sprache als das benachbarte Triptychon „Departure“ des MoMa.

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    Der dazugehörige, reichhaltige Katalog „Beckmann in New York“ weist den Leihgeber von „Birds Hell“ nur als Privatsammler aus. Eine Manhattaner Homestory der angesehenen Kunstzeitschrift „Apollo“ indes zeigt auf einem Foto, dass Beckmanns erstes Exilbild dem Kunsthändler und Galeristen Richard L. Feigen gehört. Ein New Yorker Händler mit hohem Qualitätsbewusstsein, der nicht nur beruflich, sondern auch privat Alte und Moderne Meister mit kennerschaftlichem Blick zu lesen weiß.

    Der 1930 in Chicago geborene Richard Feigen hat nicht nur immer wieder Beckmann-Ausstellungen in der Galerie gezeigt. Er war es, der den bis heute gültigen Höchstpreis für Max Beckmann einfuhr, als er 2001 bei Sotheby’s im Auftrag von Ronald Lauder 22,6 Millionen Dollar für das „Selbstbildnis mit Horn“ bewilligte. Es stammte aus dem Besitz des Schriftstellers und Beckmann-Förderers Stephan Lackner. „Birds’s Hell is Beckmann’s J‘ accuse“, schrieb Lackner über das jetzt, zum richtigen Zeitpunkt zum Verkauf stehende Beckmann-Hauptwerk. Sein unveröffentlichter Schätzpreis liegt nunmehr bei um die 30 Millionen Pfund. Dass er erreicht wird, ist klar, denn es gibt bereits eine Garantie von dritter Seite.

    Für Christie’s International Director Impressionist & Modern Art, Andras Rumbler, geht der Kreis der Interessenten weit über die Gemeinde der Beckmann-Adepten hinaus. Um die neuen und die alten Sammler epochenübergreifender Meisterwerke anzusprechen, tourte das Querformat zur Vorbesichtigung nach New York, Hongkong und Basel. Jetzt ist es bis zur Abendversteigerung impressionistischer und moderner Kunst an Christie‘s Stammsitz in Londons King Street 8 ausgestellt.

    Die erste Käuferin von „Hölle der Vögel“ war Käthe Rapoport von Porada. Die Journalistin lebte in Paris, berichtete von dort über Mode und war Beckmann nicht erst im Exil eine treue Freundin und Sammlerin. Unerschrocken wie von Porada war, hing sie die Abrechnung mit dem Nationalsozialismus in ihrem Pariser Esszimmer auf. Doch die heftige Darstellung von Gewalt und Leid war so manchem Gast zu viel. Ihr einziger Kompromiss: Käthe Rapoport von Porada setzte diese Besucher künftig mit dem Rücken zu den Ausgeburten der Hölle.

    Nach einigen Handwechseln konnte Richard Feigen 1983 den drastischen Blick in der Nazi-Folterkammer von Morton D. May aus  St Louis erwerben. May hatte das durch und durch marktfrische Bild, das am 27. Juni 2017 erstmals die Auktionsbühne betritt, 1957 gekauft. Für die Jahre 2017/2018 ist Beckmanns eindringliche Zeit-Analyse für zwei amerikanische Ausstellungen und eine in Madrid angefragt. Es ist aber nicht nur das Sujet, es ist vor allem die malerische Umsetzung, die die Höllenvögel so einzigartig macht.

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